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Hamburg : Künstler Boran Burchhardt vergoldet Veddeler Hauswand

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Das Projekt „Veddel vergolden“ ist umstritten. Anwohner kritisieren die Aktion als Steuerverschwendung.

shz.de von
erstellt am 13.Jun.2017 | 15:26 Uhr

Hamburg | Der Künstler Boran Burchhardt hat am Dienstag in Hamburg mit seinem umstrittenen Kunstprojekt „Veddel vergolden“ begonnen. Mit einem Hubsteiger trug er hauchdünnes Blattgold mit einem Spezialkleber auf eine 300 Quadratmeter große Hauswand in dem sozial schwachen Stadtteil auf.

„Ich möchte erreichen, dass möglichst viele Menschen hierher auf die Veddel kommen“, sagt Künstler Boran Burchhardt.

„Ich möchte erreichen, dass möglichst viele Menschen hierher auf die Veddel kommen“, sagt Künstler Boran Burchhardt.

Foto: Markus Lorenz
 

„Unser Ziel, die Aufmerksamkeit auf die Veddel zu lenken, hat bereits funktioniert“, erklärte er. Das Kunstprojekt hatte im Vorfeld für viel Wirbel gesorgt. Die Hamburger Kulturbehörde stellt für das Vorhaben 85.000 Euro aus einem Topf für Kunst im öffentlichen Raum bereit. Der Bund der Steuerzahler kritisierte das Projekt als „Steuergeldverschwendung“. Auch bei Anwohnern stößt das Kunstprojekt nicht nur auf Gegenliebe.

„Hamburg hat's ja“: Mit Ironie und goldverpackten Naschereien protestierte Sabine Glawe vom Steuerzahlerbund gegen das Kunstprojekt.

„Hamburg hat's ja“: Mit Ironie und goldverpackten Naschereien protestierte Sabine Glawe vom Steuerzahlerbund gegen das Kunstprojekt.

Foto: Markus Lorenz

 

„Das Projekt ist Geldverschwendung. Es hat der Veddel schon jetzt geschadet“, sagt Stadtteilbewohnerin Annegret Buthmann.

„Das Projekt ist Geldverschwendung. Es hat der Veddel schon jetzt geschadet“, sagt Stadtteilbewohnerin Annegret Buthmann.

Foto: Markus Lorenz

Die Politik schaltet sich ebenfalls ein.

„Herr Burchardt verhält sich arrogant. Er hat vorher nicht mit den Anwohnern gesprochen“: André Gesche, Vorsitzender des Stadtteilbeirats Veddel.

„Herr Burchardt verhält sich arrogant. Er hat vorher nicht mit den Anwohnern gesprochen“: André Gesche, Vorsitzender des Stadtteilbeirats Veddel.

Foto: Markus Lorenz
„Diese großbürgerliche Gönnerhaftigkeit braucht die Veddel nicht“: Klaus Lübke, SPD-Vorsitzender des Ortsverbands Veddel.

„Diese großbürgerliche Gönnerhaftigkeit braucht die Veddel nicht“: Klaus Lübke, SPD-Vorsitzender des Ortsverbands Veddel.

Foto: Markus Lorenz

Der Galerist Mathias Güntner verteidigt die Aktion.

„Dem Künstler geht es stets um eine Kontextverschiebung. Das ist hier schon gelungen“: Burchhardts Galerist Mathias Güntner.

„Dem Künstler geht es stets um eine Kontextverschiebung. Das ist hier schon gelungen“: Burchhardts Galerist Mathias Güntner.

Foto: Markus Lorenz

Kommentar: Das sollte es uns wert sein

von Markus Lorenz

Fast 90.000 Euro aus Steuergeld für die Vergoldung einer Häuserfassade? Ja, man kann das als Geldverschwendung ablehnen. Doch das Kunstprojekt auf der Veddel in Hamburg verdient einen genaueren Blick, sozusagen hinter die Fassade reinen Kosten-Nutzen-Denkens.

Erstens: Die Kritik, das Geld sei bei sozialen Projekten für den schwierigen Stadtteil viel besser aufgehoben, greift zu kurz. Die Mittel kommen aus dem Hamburger Etat für öffentliche Kunst. Fließen diese nicht in dieses Projekt, dann in eine andere Kunstaktion.

Zweitens: Die Absicht, mit dem sündhaften teuren Wandbelag einem vergessenen Quartier neue Aufmerksamkeit zu verschaffen, ist richtig. Und sie wirkt auch schon, wie die aufgeregten öffentlichen Reaktionen zeigen. Dafür ist eben echtes Gold vonnöten, bei einfacher Goldfarbe würde niemand Notiz nehmen.

Drittens: Wer verlangt, die Politik solle die Vergoldungs-Vergeudung stoppen, übersieht den elementaren Grundsatz der Unabhängigkeit und Freiheit der Kunst. Künstler sollen und dürfen nicht nur wohlgefällig, konsensfähig und stromlinienförmig sein. Nur mit Unangepasstheit und dem Mut zum Tabubruch können sie wirklich etwas in Gang setzen.

Schließlich viertens: Der Staat darf sich nicht völlig aus der Finanzierung derartiger Kunst zurückziehen und dieses Segment allein privaten Sponsoren überlassen. Unsere Gesellschaft braucht - dringender denn je - Anstöße widerborstiger Künstler. Und das muss sie sich gelegentlich auch was kosten lassen.

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