zur Navigation springen

Kurden und Islamisten : Krawalle in Hamburg: „Eine furchtbare Nacht“

vom
Aus der Onlineredaktion

Seit Wochen protestieren Kurden in Hamburg gegen den Vormarsch der IS-Terrormiliz auf die kurdische Stadt Kobane in Syrien. Diesmal artet die Demonstration in eine Straßenschlacht gegen radikale Muslime aus.

Hamburg | Daniel Abdin ist fassungslos. „Es war eine furchtbare Nacht.“ Was sich da in der Nacht zum Mittwoch vor seiner Al-Nour-Moschee in Hamburg abspielt, hat der Verwaltungschef der islamischen Gemeinde noch nie erlebt. Noch während des Abendgebets gläubiger Muslime rotten sich vor dem Gotteshaus im Stadtteil St. Georg jeweils 400 Kurden und mutmaßlich salafistische Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zusammen, sind teils mit Metallstangen, Holzlatten, Macheten und Messern bewaffnet.

„Friedliche Gläubige mussten unter Polizeischutz rausgebracht werden“, sagt Abdin - währenddessen sich vor der Tür Kurden und Islamisten hasserfüllt gegenüberstehen, es wegen der massiven Polizeipräsenz zunächst jedoch bei verbalen Attacken belassen. Doch das ändert sich: Nur wenig später gehen kleinere Gruppen abseits der Moschee derart gewalttätig aufeinander los, dass am Ende 14 Menschen verletzt sind, vier von ihnen schwer. Die Polizei rückt mit Wasserwerfern vor, setzt zudem 22 Personen vorübergehend fest.

Dabei hatte der Tag friedlich begonnen. Rund 500 Kurden ziehen am Dienstagnachmittag durch die Innenstadt, protestieren wieder einmal gegen den Vormarsch der IS-Terrormiliz auf die eingekesselte kurdische Stadt Kobane in Syrien. Eine erste Eskalation der Lage zeichnet sich jedoch schon am frühen Abend ab, als laut Polizei eine Gruppe von 50 bis 60 Kurden für etwa eine Stunde Gleise am Hauptbahnhof besetzt und den Bahnverkehr teilweise lahmgelegt.

Danach wird es unübersichtlich. Nach Angaben der Polizei ziehen etwa 75 Kurden laut skandierend in Richtung der Al-Nour-Moschee, wo sie auf rund 50 mutmaßliche Islamisten stoßen. Dem widerspricht jedoch Cansu Özdemir. Wie die Linken-Bürgerschaftsabgeordnete sagt, wollten die Demonstranten nicht zur Moschee, sondern zum in der Nachbarschaft gelegenen kurdischen Zentrum. Teils bewaffnete Islamisten seien erst aufgetaucht, als Jugendliche das Zentrum wieder verlassen wollten. Das bestätigt auch das Schura-Vorstandsmitglied Norbert Müller: Extremistische Jugendliche hätten sich verabredet, den kurdischen Kulturverein zu attackieren.

Dass sich dann binnen kurzer Zeit auf beiden Seiten bis zu 400 Menschen versammeln, führt Özdemir auch auf eine Falschmeldung in sozialen Netzwerke zurück, wonach eine muslimische Frau getötet worden sei. Gleichwohl ist sie sich sicher: „Es gab keinen Angriff seitens der kurdischen Demonstranten.“ Ob das stimmt, lässt sich vorerst nicht nachprüfen. Eine Polizeisprecherin sagt nur: „Es ist unklar, wer angefangen hat.“ Der Verfassungsschutz, der sich nach eigenen Angaben die Beobachtung der islamistischen Szene ganz oben auf die Fahnen geschrieben hat, ist über Stunden nicht zu erreichen.

Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass die Auseinandersetzungen spontan entstanden sind. Konkrete Pläne für Angriffe habe es nicht gegeben. Für Abdin ist die Sache dennoch erschütternd: „Das war wirklich eine sehr gewalttätige Stimmung.“ Auch, dass einige mutmaßliche Salafisten in die Moschee eingedrungen seien und trotz Aufforderung nicht mehr gehen wollten, empört ihn. „Das waren Wildfremde, die wir nicht kennen.“ In einem zeigt er sich jedoch überzeugt, wobei auch eine Spur Erleichterung mitschwingt: „Das ist kein Glaubenskrieg.“ Denn anders als in Celle, wo jesidische Kurden und muslimische Tschetschenen aufeinander losgingen, drehte es sich in Hamburg wohl ausschließlich um den Konflikt von Unterstützern und Gegnern der IS-Terrormiliz.

Was genau ist in Hamburg passiert?

Die dritte Nacht in Folge hielten am Mittwoch Proteste von Kurden die Hamburger Polizei in Alarmbereitschaft. Die Beamten stellten eine Schusswaffe sowie Messer, Macheten, Teleskopstangen und Sturmhauben bei Demonstranten sicher, die nach einem friedlichen Protestzug im Stadtteil Altona am Mittwochabend in den Stadtteil St. Georg weitergezogen waren. Dort flogen Flaschen. Ein Mensch wurde am Kopf verletzt und ins Krankenhaus gebracht, die Umstände dazu müssten noch aufgeklärt werden. Ermittelt wird daher auch wegen des Verdachts gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung. 46 Teilnehmer wurden vorläufig festgenommen, 18 kamen in Gewahrsam. Die Polizei war mit fast 1300 Beamten im Einsatz. Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Gerhard Kirsch, sprach angesichts der Bewaffnungen und der Gewaltbereitschaft von einer neuen „gefährlichen Dimension“, „die wir so bisher bei Demonstrationen nicht kannten“.

Bereits in der Nacht zu Dienstag kam es zu ersten Zwischenfällen, als sich rund 250 Kurden in Hamburg versammelt hatten - zu einem unangemeldeten Protestmarsch vom Hauptbahnhof zum Rathausplatz. Die Polizei nahm 14 Menschen vorübergehend in Gewahrsam. Am Dienstagnachmittag besetzten rund 80 Kurden am Hamburger Hauptbahnhof knapp eine Stunde lang mehrere Gleise. Die Bundespolizei sperret alle Gleise. Vor der Gleisbesetzung waren etwa 500 Kurden durch die Hamburger Innenstadt gezogen.

In der Nacht zu Mittwoch gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen rund 800 Kurden und mutmaßlich salafistischen Muslimen. Dabei wurden 14 Menschen teilweise schwer verletzte. Laut Polizei wurden 22 Menschen in Gewahsam genommen. Auch hier folgten die Krawalle bei einer Moschee in St. Georg einer friedlichen Demo mit rund 500 Menschen.

Warum gehen die Kurden auf die Straße?

In Deutschland und vielen anderen Ländern protestieren Kurden gegen den Vormarsch der IS-Terrormiliz auf die eingekesselte kurdische Stadt Kobane in Syrien. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bringt immer mehr Viertel der kurdisch-syrischen Grenzstadt Kobane unter ihre Kontrolle. Wie die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag erklärte, haben die Dschihadisten etwa ein Drittel der Ortschaft erobert. Sollten die Dschihadisten die ganze Stadt beherrschen, hätten sie einen langen, durchgängigen Grenzstreifen zum Nato-Land Türkei unter Kontrolle. Zur Gewalt kommt es bei den Demonstrationen mutmaßlich mit IS-Anhängern.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Polizei in Hamburg bereitet sich für Freitag, wenn die Muslime in Moscheen zum Freitagsgebet zusammenkommen, erneut auf einen größeren Einsatz vor. Der GdP-Landeschef appellierte an die Demonstranten, dass deutsche Rechtssystem nicht zu missachten, sich dem Versammlungsgesetz zu unterwerfen und die innere Sicherheit nicht zu gefährden. An die Politik appellierte er, die Arbeit der Einsatzkräfte stärker zu würdigen. Gleichzeitig wies der Gewerkschaftsvertreter daraufhin, dass solch ein massives Aufgebot angesichts der Personalknappheit bei der Polizei zwar zwei, drei Tage durchzuhalten sei. Sollte sich die aktuelle Situation aber länger hinziehen, „dann wird es in originären Arbeitsbereichen eng“. So sei eine geplante Drogenkontrolle im Straßenverkehr bereits abgesagt worden.

Welche kurdische Gruppierungen gibt es in Deutschland?

In der Bundesrepublik leben rund 800.000 Kurden. Viele von ihnen sind aus politischen Gründen nach Deutschland geflohen. Etwa 13.000 der hier ansässigen Kurden gelten als Anhänger der in der Türkei und auch in Deutschland verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die linksradikale Partei hat auch Ableger im Iran und in Syrien. Vor allem ihre Kämpfer waren es, die in diesem Sommer versuchten, die religiöse Minderheit der Jesiden im Irak vor dem IS-Terror zu schützen. Die Jesiden sind ethnische Kurden. Viele von ihnen flohen in den vergangenen vier Jahrzehnten aus der Türkei und aus dem Irak.

Die größte Exil-Gemeinschaft findet sich in Deutschland. Hier leben zwischen 50.000 und 90.000 Jesiden, überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Wie ist die islamistische Szene in Deutschland aufgestellt?

Der Verfassungsschutz rechnet mehr als 43.000 Menschen dazu. Die Szene ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen.

Besonders groß ist der Zulauf bei den Salafisten. Diese radikale Strömung innerhalb des sunnitischen Islam propagiert eine Rückkehr zu den Werten und Lebensweisen der ersten Muslime. Rund 6200 Leute werden der Salafisten-Szene zugeordnet - mit weiter steigender Tendenz. Salafistische Strömungen lassen sich in drei Kategorien einteilen: missionarische Gruppen, politische Gruppen und militante Salafisten, die sich an Gewaltaktionen beteiligen und Terror gegen vermeintliche „Ungläubige“ ausüben.

Und die Tschetschenen?

In Celle gerieten in der vergangenen Woche kurdische Jesiden und muslimische Tschetschenen aneinander. Militante Islamisten aus Tschetschenien sind seit dem militärischen Sieg der Russen gegen tschetschenische Separatisten als Dschihadisten in andere Konfliktregionen gezogen. Auch in Syrien kämpfen derzeit radikale Muslime aus Tschetschenien in den Reihen der IS-Miliz sowie in anderen militanten Islamisten-Gruppen. Unter den in Deutschland lebenden Tschetschenen sind ebenfalls einige Islamisten.

 
zur Startseite

von
erstellt am 08.Okt.2014 | 17:18 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen