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Drogen in Hamburg : Kokainflut in Europas Häfen: Auf den Spuren der Schmuggler

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Nach dem Rekordfund in Hamburg: Neue Taktik der Drogenschmuggler bereitet dem Zoll Sorgen.

Hamburg | Es ist der größte Kokainfund in der deutschen Geschichte. Der Zoll präsentierte am 20. Juli in einer Hamburger Kaserne den jüngsten Skandal: 3,8 Tonnen Kokain im Wert von 800 Millionen Euro, gefunden in Containern aus Südamerika. Der Straßenverkaufswert des Rauschgiftes  entspricht in etwa den Baukosten der Elbphilharmonie. „So etwas hat es in unserem Hafen noch niemals gegeben“, sagt René Matschke, Leiter des Hamburger Zollfahndungsamtes, das beim Zoll für die großen Fälle zuständig ist.

In diesem Jahr wurde bereits die vierfache Menge der Gesamt-Kokain-Beschlagnahmungen des Jahres 2016 gefunden. „Wir rechnen mit weiteren Funden dieser Dimension. Im Moment werden die europäischen Häfen mit Kokain überschwemmt“, erklärt Matschke. Die Spur zu den Kokainschmugglern führt in die brasilianische 500.000 Einwohner-Hafenstadt Santos.

Von Santos Beach hat man einen prächtigen Blick auf die ein- und ausfahrenden Containerschiffe, die Santos, den bedeutendsten Hafen Brasiliens, bedienen. Hapag-Lloyd, Hamburg-Süd oder Grimaldi ist auf den Schiffen zu lesen. Keine 20 Tage sind sie mit ihren Boxen nach Hamburg unterwegs − in schöner Regelmäßigkeit wie ein Linienbus.

Heute sind Massen von Kokain in den Containern geladen. „Nicht mühsam versteckt unter Tarnladung, sondern einfach hinter der Tür in Sporttaschen. Wir nennen das Rip-Off-Verfahren. Für die Täter ist das äußerst praktisch beim Be- und Entladen“, sagt  Zoll-Chef Matschke. Das Geschäft ist sehr lukrativ: Beträgt der Einkaufspreis pro Kilo Kokain in Südamerika rund 3000 Euro, sind es in Europa auf der Straße und gestreckt leicht 250.000 Euro. Nur beim Schmuggel von gefälschten Arzneimitteln sind die Gewinnspannen noch höher.

Fakt ist: Alle Container des jüngsten Rekordfundes aus Hamburg liefen über Santos. „Sicherheitsleute, Polizisten und Hafenarbeiter sind in Zeiten der großen Wirtschaftskrise in Brasilien sehr empfänglich für Schmiergelder und ermöglichen den Zugang sowohl zum Hafengelände als auch zu Depots und Container-Packhallen. Prostituierte werden schon für zehn Euro an Bord der Schiffe gelassen. Was sie dabei haben, interessiert dann niemanden mehr“, so der Informant, der seinen Namen lieber nicht preisgeben möchte.

Die Hamburger Koks-Ladung war eigentlich für Antwerpen in Belgien bestimmt, sie befand sich also im Transit und wurde nur aufgrund der Risikoanalyse sowie des guten Riechers der Zollfahnder beschlagnahmt. „Wir schauen jetzt natürlich bei Schiffen aus Südamerika und vor allem Brasilien noch genauer hin. Aber alle Container werden wir niemals kontrollieren können, dann würden wir den ganzen Hafen lahm legen“, sagt  Matschke. Die Kokainschwemme sei dabei kein Hamburger Problem. Häfen wie Antwerpen oder Rotterdam seien noch stärker betroffen.

Große Sorgen bereitet dem Zoll eine offensichtlich neue Taktik der Drogenschmuggler: Immer häufiger treffen die Fahnder auf Sporttaschen, gefüllt mit Kokainpäckchen, die vor der nordeuropäischen Küste von Bord geworfen werden. „Sie sind mit Schwimmern und GPS-Sendern ausgestattet und werden offensichtlich von kleineren Sportbooten eingesammelt. Das ist für uns natürlich sehr schwer zu kontrollieren, vor allem nachts“, sagt Zollchef Matschke. Und es wirft Fragen auf: Werfen geschmierte Crewmitglieder die Taschen ab? Und wer sammelt sie schließlich ein? Kokain überschwemmt massiv den deutschen Markt und gilt längst nicht mehr als Droge ausschließlich für die Elite. Es ist heutzutage ein erschwingliches Rauschmittel für Jedermann.

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erstellt am 01.Aug.2017 | 16:08 Uhr

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