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Ex-Bürgermeister von HH : Klaus von Dohnanyi: „Jan Böhmermann hat eine üble Beleidigung geschrieben“

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Der frühere Hamburger Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi, fordert weniger Tabus und mehr Haltung in der öffentlichen Debatte. Ein Interview.

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2016 | 12:15 Uhr

Hamburg | Klaus von Dohnanyi gehört nicht nur zur Hamburger Prominenz. Der 87-jährige frühere erste Bürgermeister der Hansestadt bezieht noch immer klar Position zur Politik und zum öffentlichen Leben. Im Interview spricht er über das Alter, über eine erst beginnende Migration in der Welt und den heutigen Drang zur Harmonisierung.

Der frühere Hamburger Bürgermeister ist nach wie vor in der Politik tätig: Seit 2009 leitet er den Mindestlohnausschuss der Bundesregierung, im Jahr 2010 war er als Schlichter im Tarifkonflikt der Lufthansa beteiligt.

Frage: Wie geht es Ihnen?

Klaus von Dohnanyi: Danke, mir geht es gut.

Wie blickt man mit 87 Jahren auf die Welt von heute?

Es ist wieder eine sehr schwierige Welt geworden. Europa muss sehr achtsam und mutig werden.

Hamburg kommt in der Flüchtlingsfrage nicht zur Ruhe. Ein Bürgerbegehren jagt das nächste, dagegen klagt dann der Senat. Was läuft schief?

Ich bin nicht der Meinung, dass etwas schief läuft. Wenn Sie in kurzer Zeit eine große Zahl von Menschen unterbringen und integrieren wollen, dann ist das keine einfache Aufgabe, Unruhe gehört dann doch dazu. Da werden Bürger in ihren bisherigen Gewohnheiten beeinträchtigt. Dass die sich auch wehren, ist verständlich. Aber am Ende macht es Hamburg sehr gut.

Finden Sie es richtig, dass der Senat an Großunterkünften für Flüchtlinge festhält?

Die Stadt hat nur begrenzte Möglichkeiten. Anders als ein Flächenstaat kann Hamburg ja nicht auf kleinere Dörfer oder andere Städte ausweichen.

Das heißt, die Initiativen gegen Flüchtlingsunterkünfte in den verschiedenen Stadtteilen sind nicht berechtigt?

Jeder Bürger, jeder Stadtteil hat das Recht, sich zu beschweren und zu sagen, dass man sich beeinträchtigt fühlt. Es ist dann die Aufgabe der Politik, den Dialog mutig zu führen und am Ende die Entscheidung durchzusetzen, die Bürgerschaft und Senat für richtig halten.

Welcher Meinung sind Sie?

Ich bin zunächst der Meinung, dass der erste Flüchtlingsschub völlig unvermeidlich war. Die Flüchtlinge wurden ja nicht von Frau Merkel gerufen, sondern sie standen vor der Tür. Aber zweitens ist die Sache schwieriger, als viele denken. Denn die große Migration in der Welt beginnt erst. Darauf muss sich auch Europa strategisch einrichten. Europa steht deswegen vor sehr schwierigen Fragen, und das, obwohl wir den gegenwärtigen Flüchtlingsstrom nicht ausgelöst haben. Schuld daran waren in erster Linie die Amerikaner: Sie haben die Kriege in Afghanistan und im Irak begonnen, die Rebellen in Syrien finanziert und letztlich auch in Libyen eingegriffen – sind aber selbst mehr als 5000 Seemeilen entfernt und fühlen sich nicht betroffen. Sie überlassen die Folgen ihrer Politik einfach den Europäern.

Hintergrund: Klaus von Dohnanyi

Klaus von Dohnanyi ist ein deutscher Jurist und SPD-Politiker. Er ist der Sohn von Hans von Dohnanyi und Christine Bonhoeffer, einer Schwester des 1945 von den Nationalsozialisten hingerichteten Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Auch von Dohnanyis Vater wurde kurz vor Kriegsende 1945 im KZ Sachsenhausen ermordet. Von Dohnanyi ist mit der Schriftstellerin Ulla Hahn verheiratet. Er hat drei Kinder aus früheren Ehen: Johannes von Dohnanyi  ist ein deutsch-amerikanischer Journalist und Schriftsteller; Tochter Babette von Dohnanyi ist Künstlerin; Jakob von Dohnanyi, Architekt. Sein Bruder ist der Dirigent Christoph von Dohnanyi.

 

Die Flüchtlingsproblematik hilft der AfD, die auch in Hamburg erstarkt. Olaf Scholz sagt, es sei die Partei der schlechten Laune . . .

Wir haben vergleichbare Entwicklungen in der ganzen Welt. Diese sind, glaube ich, in erster Linie eine Folge der sich sehr schnell verändernden Welt, der Globalisierung und des Gefühls der Leute, nicht mehr Herr im Haus zu sein. Das Zusammenwachsen der Welt über das Internet schafft globale Strukturen, und die werfen Fragen auf, die den Leuten fremd sind, sie vor neue Probleme stellen und auch ihre Arbeitsplätze bedrohen können. Das alles machen sich Parteien wie die AfD zunutze.

Wie würden Sie als Erster Bürgermeister im Hamburger Senat mit der AfD verfahren?

Ich würde frontal diskutieren und sie auf den Unsinn hinweisen, der oft in ihrer Politik steckt. Die Politik hat ja nicht nur die Aufgabe, Dinge richtig zu machen. Sie hat auch die Aufgabe, über die Dinge klar und offen zu reden.

Sie haben vor vielen Jahren die Stiftung Zivilcourage gründet. Was war der Impuls?

Zwei Stiftungen habe ich gegründet, eine städtische und eine private. In beiden wollte ich zeigen, dass der Hinweis auf den Widerstand in der Nazi-Zeit und später in der DDR nicht ausreicht. Wir brauchen Zivilcourage heute, öffentliche Debatten auch über unangenehme Themen. Die Medien sind in vielerlei Beziehung hier nicht hilfreich genug, weil sie oft selber Tabuthemen scheuen.

Was meinen Sie damit?

Ich meine zum Beispiel die Debatte über diesen merkwürdigen Herrn Böhmermann, ein Schwachkopf. Der hat doch gar kein Gedicht, sondern eine üble Beleidigung geschrieben. Das hätte vor Jahren mein siebenjähriger Sohn besser gemacht – aber ich hätte ihm gesagt, dass sich so was nicht gehört! Jetzt wird aber hysterisch berichtet, die Meinungsfreiheit sei gefährdet. Blödsinn: Dürfte Böhmermann vielleicht auch Bundespräsident Gauck einen „Ziegenficker“ nennen? Das kann man auch einem Satiriker nicht durchgehen lassen. Was haben seine Unterstützer für Sitten!

Hat die Gesellschaft ein Nachholbedürfnis in Sachen Zivilcourage?

Ja, aber auf andere Weise. Insbesondere durch die neuen Medien hat der Drang zur Harmonisierung zugenommen, der Wunsch, zum Mainstream zu gehören. Und das steht einer praktizierten Zivilcourage entgegen.

Wie bewerten Sie den Hass und die Bloßstellungen auf Facebook?

Das gehört zu den neuen Dingen, die wir durchdenken müssen. Wir wollen Meinungsfreiheit, aber sie darf nicht gnadenlos sein. Die Gesellschaft darf nicht unter einen ständigen Mobbing-Druck geraten. Zur Zivilcourage gehört heute auch, Fragen der Begrenzung von Meinungsfreiheit zu debattieren. Wir wollen keine „hate pages“ wie in den USA.

Verlieren gemeinsame Werte innerhalb der Gesellschaft ihre Gültigkeit?

Entscheidend ist, dass die Menschen die Werte leben. Darauf müssen wir auch in der Erziehung achten.

Was vermissen Sie heute in der Gesellschaft?

Ich vermisse nichts, sondern beobachte kritisch die Veränderungen.

Was würden Sie Jugendlichen mit auf den Weg geben?

Für eine gute Ausbildung zu sorgen; viel Fleiß einzusetzen, wissen, dass diese Welt schwieriger wird und dass man eher noch fleißiger sein müsste als die Eltern. Selber aber auch das Leben zu genießen, dabei Rücksicht zu nehmen auf die veränderten Bedingungen in einer Gesellschaft mit so vielen alten Leuten. Also tüchtig und sozial zu sein.

Empfinden Sie das Alter eher als Last oder als Segen?

Ein Segen ist es nicht, aber unausweichlich. Solange man gesund bleibt und sich bewegen kann und der Kopf klar ist, ist man gesegnet.

Was bringt Leichtigkeit in Ihr Leben?

Vieles. Ich beschäftige mich oft mit schönen Themen, lese, höre gern Musik, gehe gern ins Theater, liebe Bilder. Und: Ich habe eine gute Familie.

Klaus von Dohnanyi: Eine Übersicht
seit 1957 Mitglied der SPD
1969 bis 1981 Mitglied des Deutschen Bundestags
1972 bis 1974 Bundesminister für Bildung und Wissenschaft
1981 bis 1988 Erster Bürgermeister Hamburgs
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