„Man lernt von den Toten für die Lebenden“ : Klaus Püschel über den Tod, die Faszination seines Berufs und Fernsehserien

Am Arbeitsplatz: Rechtsmediziner Klaus Püschel.
Am Arbeitsplatz: Rechtsmediziner Klaus Püschel.

Der Rechtsmediziner schreibt derzeit an seinem zweiten Buch. Zwischendurch hat er shz.de ein Interview gegeben.

shz.de von
25. März 2017, 10:00 Uhr

Hamburg | Herr Püschel, wie sind Sie zu diesem speziellen Beruf Gerichtsmediziner gekommen?
Klaus Püschel: Als ich am Ende meines Studiums war, kam als eines der letzten Fächer Gerichtsmedizin dran. Es war in Hannover, der Professor kam aus Hamburg, er hat das Fach so interessant dargestellt, dass ich es unbedingt machen wollte.

Was war der Schlüsselmoment?
Für mich war deutlich lenkend die Feststellung, dass es um logisches Denken geht, um naturwissenschaftlichen Sachverhalt, reale Dinge. Ich kann rekonstruieren und bin meilenweit entfernt von glauben, meinen, hoffen. Ich kann etwas beweisen.

Was sind die faszinierendsten Fälle in Ihrer Laufbahn gewesen?
Ich sitze gerade an einer Fallsammlung für mein zweites Buch. Das sind 100 Fälle, es gibt also sehr viele. Einige sind besonders interessant, weil sie besondere Aufmerksamkeit erzeugen, wie eine Millionärin, die gefunden wurde. Dann gibt es die kleinen Fälle, die kriminalistisch eine große Herausforderung darstellen und die besonders verrückt sind. Ich erzähle da gerne die Geschichte eines jungen Mannes, der ein Catering-Unternehmen mit seinen Eltern hatte. Er saß auf der Rückbank, hatte einen Dönerspieß hinten im Lieferwagen, gerade ausgerichtet. Es gab einen Auffahrunfall und der Spieß bohrte sich von hinten durchs Herz, kam aber vorne nicht raus. Man zog den Spieß heraus. Er war tot, es waren äußerlich aber keine Verletzungen erkennbar.

Was sind die häufigsten Fälle?
Die Mehrzahl sind Routinefälle. Wir führen im Jahr etwa 1300 Leichenöffnungen durch. Bei den meisten Fällen handelt es sich um den sogenannten plötzlichen Tod aus innerer Ursache ohne äußere Umstände. Dann untersuchen wir auch viele Todesfälle, die sich im Krankenhaus ereignen. Es wurde Anzeige erstattet wegen eines angeblichen Behandlungsfehlers. In der Todesbescheinigung gibt es drei Rubriken: natürlicher Tod, nicht natürlicher Tod oder ungeklärt. Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland mit nur einer Alternative: natürlicher oder nicht natürlicher Tod. Immer wenn bei der Leichenschau nicht natürlicher Tod oder ungeklärt angekreuzt ist, sind es Fälle, die von der Gerichtsmedizin mit geklärt werden. Das sind von allen Todesfällen ungefähr 10 bis 15 Prozent. Wir sind in Hamburg das einzige Institut für Rechtsmedizin. Fachlich gehört dazu noch die Toxikologie zur Giftanalytik und ein Arbeitsbereich für DNA-Analyse, um biologische Spuren zu ermitteln.

Eine Rolle spielen ja auch Kohlenmonoxidvergiftungen. Können Sie dies erläutern?
Diese Vergiftungen sind ein Beispiel dafür, dass man durch Erfahrungen im Umgang mit Verstorbenen sehr schnell zur richtigen Diagnose kommen kann, etwa durch die hellroten Totenflecke. In Hamburg-Harburg gab es einen Rettungseinsatz, mehrere Personen aus einem Haus kamen in eine Notaufnahme, in allen Fällen gab es Sauerstoffmangelerscheinungen. Der erste Mann hatte Herzprobleme, der zweite war gestürzt, dem dritten war übel. Hinterher kam raus, dass es Kohlenmonoxidverletzungen waren, es gab drei Tote und zehn Verletzte. Hätte man es beim ersten klinischen Fall erkannt, hätten die anderen Personen vielleicht gerettet werden können. Die Leichenschau ist generell eine präventive Maßnahme, die verhindern soll, dass weitere Menschen zu Schaden kommen. Man lernt durch die Toten für die Lebenden.

Klaus Püschel (65) ist Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Seit Mitte der 2000er Jahre ist er an Untersuchungen verschiedener archäologischer Funde, wie den Moorleichen der Frau von Peiting, dem Kind aus der Esterweger Dose, aber auch des sogenannten Hamburger Störtebeker Schädels beteiligt. Gerade schreibt Püschel, Großvater von vier Enkelkindern, an seinem zweiten Buch über seine Fälle.

Was ist die wichtigste Eigenschaft, die Sie in Ihrem Beruf brauchen?
Genau hinschauen, das Verletzungsmuster wahrnehmen und interpretieren. Dann kombinieren, sich den Sachverhalt darstellen lassen und rekonstruieren. Eigentlich sind alle Sinne gefragt für die Tätigkeit eines Gerichtsmediziners. Einige Fälle verbreiten einen spezifischen Geruch oder haben eine charakteristische Farbe.

Sie haben ein Buch geschrieben, waren in Talkshows. Dennoch hat man den Eindruck, es geht nicht um Effekthascherei, sondern um Analyse.
Die Ausgangsposition ist leider nicht so, wie sie durch die Medien suggeriert wird. Da entsteht ja auch durch den Münster-Tatort der Eindruck, Gerichtsmedizin sei populär und gut ausgestattet. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die finanziellen Mittel für die Institute systematisch runtergeschraubt worden. Das Fach ist das kleinste Fach in der Medizin und führt ein gewisses Mauerblümchendasein, das Gegenteil also von dem, was im Fernsehen präsentiert wird. Häufig kommt bei uns das Argument, wir könnten ja nicht mehr helfen, da wandert das Geld dann in andere Bereiche der Medizin, in die Immunologie oder Kardiologie. Die bekommen große Unterstützung, wir sollen die Dinge mit dem Sektionsmesser lösen. Dabei geht es bei uns nicht nur um die Untersuchung von Toten, sondern um Gewalt im Allgemeinen. Wir sprechen auch über Kindesmisshandlung, sexuelle Gewalt gegen Frauen oder um Vernachlässigung von alten Menschen.

Sie betreiben ja auch Selbstversuche, nennen es praktiziertes Wissen. Was machen Sie da genau?
Vorhin war wieder einer meiner Studenten da und hat die „Tatwerkzeuge“ eines aktuellen Falls vorgezeigt: ein Messer mit einem bestimmten Säge-Schliff, ein anderes mit einer Doppelspitze. Die Frage war, wie bei einem Opfer die Verletzungen zugefügt wurden. Da machen wir auch Versuche am eigenen Körper. Im Fall Kachelmann ging es beim Opfer etwa um gewisse Verletzungen am Hals. Nur konnten diese Verletzungen in der Art und Weise, wie es die Zeugin erläutert hat, nicht stattgefunden haben. Wir untersuchen auch Selbstverletzungen mit bestimmten Werkzeugen bei Versicherungsfällen. Da müssen wir mit Beilen, Messern und Sägen Versuche durchführen. Das machen wir dann an geeigneten Testobjekten, wie Leichen.

 

Interessant ist ja auch die Geschichte um den Schädel des Piraten Klaus Störtebeker. Da konnten Sie ja auch neue Erkenntnisse beisteuern...
Es ging um den Museumsschädel von Störtebeker. Man konnte die Hinrichtungsstätte eines Piraten am Grasbrook, wo heute die Elbphilharmonie ist, rekonstruieren. Der Mann war ungefähr 36 bis 40 Jahre alt. Er hatte viele Kämpfe gefochten, es gab Schmisse. Es muss ein besonderer Piratenanführer gewesen sein, weil man das Loch im Kopf, verursacht durch einen Nagel, vorbereitet hatte. Der Schädel blieb lange an der Hafenauffahrt aufgenagelt. Die Geschichte von Störtebeker ist aber eine Legende. Das hat die Geschichtsforschung ergeben.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Der Gedanke ist mir nicht angenehm, weil ich das Leben sehr liebe. Ich akzeptiere den Tod aber, bin nicht besonders ängstlich. Ich weiß von meinem Job ja, dass der Tod entweder sehr schnell kommt oder aber, wenn er länger dauert, der Abschied nicht schwer fällt.

Wann dreht sich Ihnen noch der Magen um?
Gar nicht, ich mache meinen Job sehr gerne. Geruchsempfindungen, Seh-Eindrücke oder auch Geschichten im Hintergrund finde ich interessant und wichtig, aber sie berühren mich nicht persönlich, so dass es zu vegetativen Reaktionen kommt.

Es gab in Hamburg ja mehrere Fälle von Kindesmissbrauch. Können Sie erläutern, was da Teil Ihrer Arbeit war.
Das ist ein Thema, das mich meine gesamte 40-jährige Laufbahn begleitet. Es kommt darauf an, dass man die richtige Diagnose stellt. Man kann den Kindern nur helfen, wenn man sie frühzeitig Rechtsmedizinern vorstellt. Nur dann kann man rechtzeitig entscheiden zwischen Unfall oder Misshandlung. Es ist auch vorbeugend, damit das Kind nicht weiter misshandelt wird. Auch toten Kindern soll somit Gerechtigkeit widerfahren.

Inwieweit ist der Gerichtsmediziner auch als Kriminologe tätig?
Rechtsmediziner arbeiten nicht so, wie es in den Krimis gezeigt wird. Wir sind Ärzte und müssen den Fall für die Polizei und Juristen verständlich darstellen. Wir sind nicht dazu da, um den Fall juristisch zu verfolgen, deshalb ist kriminalistischer Sachverstand erst in zweiter Linie gefragt. Natürlich braucht man rekonstruktives Denken und Kombinationsvermögen, es dient aber nur dazu zu rekonstruieren, welche Art von Gewalt hier zum Ausdruck gekommen ist oder indirekt, was zum Täter zu sagen ist. Aus welcher Richtung die Gewalt kommt, ob sie mit großer Kraft oder mit einen Werkzeug erfolgt ist. Verfolgen können wir den Täter nicht, auch wenn wir eng mit der Polizei kooperieren. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft wissen unsere Arbeit sehr zu schätzen. Rechtsmedizin ist antizyklisch, wir haben 24 Stunden am Tag Bereitschaftsdienst.

Klaus Püschel ... persönlich
Keine Stadt ist so schön zum Sterben wie Hamburg, weil... die Rechtsmedizin hier besonders gut, sorgfältig und erfolgreich Kriminaldelikte mit aufzuklären hilft.

Hamburg ist sicher für Tote, weil... es die einzige Stadt in Deutschland ist, die ein öffentliches Leichenschauhaus hat, in dem sämtliche nicht natürliche und ungeklärte Todesfälle unter professionellen Rahmenbedingungen untersucht werden. Das Institut für Rechtsmedizin.

Kein Fach ist so belebend wie die Rechtsmedizin, weil... wir aus den Schattenseiten des menschlichen Lebens, die Gewalt und Tod betreffen, viele Elemente ziehen, um den Lebenden Unterstützung zu geben.

Der Tod ist wichtig, weil... es ein Ereignis im Leben ist, um das sich zentrale Fragen auftun.

Wenn ich in einigen Jahren in Rente gehe, dann  werde ich... noch intensiver mit meinen Enkelkindern spielen und Sport treiben.

Gerichtsmedizin ist kalt bis ins Herz, weil... rational beobachtet werden muss, damit objektiv und überzeugend für das Gericht das Gutachten erstellt werden kann.

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