Demonstration „Save St. Pauli“ : Kiez-Wirte in Hamburg: „Die Saufsupermärkte geben uns den Rest“

„Bier to go“ für zwei Euro: Einer von vielen Kiosken auf St. Pauli.
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„Bier to go“ für zwei Euro: Einer von vielen Kiosken auf St. Pauli.

Immer mehr Kioske machen den Gastronomen und Bewohnern zu schaffen. Sie sagen: „St. Pauli droht kaputtzugehen“.

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09. Februar 2018, 19:12 Uhr

Hamburg | Einige sehen schon den Kiez am Abgrund: Die Kiosk-Plage auf St. Pauli sei für das Vergnügungsviertel schlimmer als frühere Bandenkriege, heißt es rund um die Reeperbahn von wütenden Bewohnern und Gastronomen. Clubbetreiber schlagen jetzt Alarm: „Die Saufsupermärkte geben uns den Rest.“

Zuletzt hatte die Bar „Home of Burlesque“ schließen müssen. Betreiber Sven Petersen machte dafür neben einer saftigen Mieterhöhung die Kioske verantwortlich, die rund um die Reeperbahn Alkohol zu Ramschpreisen abgeben. Auch Gastronom Uwe Christiansen von der IG St.Pauli ärgert sich über deren rasante Ausbreitung: „Das sind längst keine Kioske mehr, wo man Dinge des täglichen Bedarfs kauft, das sind reine Alkohol-Abgabe-Stellen.“

Die Zahl solcher Verkaufsstellen habe sich auf 55 verzehnfacht, so die Kritiker. Immer mehr Kiezbummler gehen dazu über, dort für wenig Geld „vorzuglühen“, bevor sie in Clubs und Discos abfeiern. Im Gegensatz zu diesen müssten die Kioske aber weder Toiletten noch Personal finanzieren, sagt Quartiersmanagerin Julia Staron. „Das ist eine eklatante wirtschaftliche Ungerechtigkeit.“ Ein Nebeneffekt sei das Cornern mit Saufgelagen auf der Straße und Heerscharen von Wildpinklern.

Die Folgen seien dramatisch. „Wenn die letzte Bar, der letzte Club geschlossen ist, werdet ihr merken, dass am Kiosk die Kultur am Ende ist“, heißt es mahnend im Aufruf zur Großdemonstration „Save St. Pauli“, die Staron und Autor Michel Ruge organisieren. Am 24. Februar geht es um 19.30 Uhr vom Hans-Albers-Platz aus durchs Viertel, um dem Sonnabend-Partyvolk zu zeigen, was auf dem Spiel steht: „Die Vielfalt des Stadtteils, kulturelle Betriebe und Projekte sowie Livekultur und Entertainment“. Ein weiterer Protest ist schon geplant. Am 23. März wollen Restaurants und Clubs für eine Nacht nur aus dem Fenster verkaufen. Ohne Toilettennutzung. Motto: „Der ganze Kiez ein Kiosk!“

Bei Hamburgs Politik rennen die angestammten Geschäftsleute offene Türen ein. „St. Pauli droht kaputtzugehen“, hatte Bezirk-Mitte-Chef Falko Droßmann (SPD) schon vor einem Jahr festgestellt – aber seither keinen Ausweg präsentiert. SPD-Mitte-Fraktionschef Arik Willner hält die Zustände für „nicht mehr tragbar“. Er fordert eine gesetzliche Möglichkeit, den Bier- und Schnapsumsatz an Kiosken deutlich einzuschränken. Juristisch ist das diffizil. Laut Willner laufen Gespräche dazu mit der rot-grünen Mehrheit im Rathaus. Denkbar wäre ein Verkaufsverbot für Alkohol an Kiosken ab 22 Uhr.

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