Hamburg : Kampnagel-Sommerfestival mit Weltpremiere „König der Möwen“

Die Macher von „König der Möwen“: Andreas Dorau (von links), Gereon Klug und Patrick Wengenroth.

Die Macher von „König der Möwen“: Andreas Dorau (von links), Gereon Klug und Patrick Wengenroth.

Das Festival bietet bis zum 28. August eine hochkarätige Ladung Theater, Tanz, Musik, Bildende Kunst und Theorie.

shz.de von
07. August 2018, 19:38 Uhr

Hamburg | Auf einem orangen Schild prangt die Aufschrift „Rillenreiter“, darunter steht ein großes Regal, randvoll mit Schallplatten. Auf dem Steintresen findet sich ein Plattenspieler. Der ist aber gerade nicht in Betrieb, weil links oben auf der Hochbühne eine Band probt. Marthe Lola Deutschmann, die Tochter der Schauspieler Heikko Deutschmann und Heike Falkenberg, gibt die Sängerin. „Wir sind keine Phase“, singt sie, „Wir sind der momentane Moment.“ Damit ist der Regisseur Patrick Wengenroth höchst zufrieden. „Das wird immer geiler“, freut er sich bei der „König der Möwen“-Probe in der Hamburger Kampnagelfabrik.

Auch wenn es der Name nahelegt: „König der Möwen“ hat keinen Bezug zu „König der Löwen“. „Wir haben weder ein Musical noch eine Satire gemacht“, stellt Andreas Dorau (54) klar. Der Musiker – in den 80ern spülte ihn der Neue-Deutsche-Welle-Hit „Fred vom Jupiter“ hoch – zeichnet gemeinsam mit Gereon Klug (49), Autor, Gründer der Plattenladens „Hanseplatte“ und Studio-Braun-Tourmanager, für die Konzeption verantwortlich. Die beiden wollen ihr Stück als Dramödie verstanden wissen – mit gut zwei Dritteln Text, einem Drittel Musik, ohne Tanz.

Erzählt werden zwei Handlungsstränge parallel: zum einen die Geschichte einer jungen Band, die sich immer wieder neu erfindet, zum anderen die Geschichte des Hamburger Plattenladenbesitzers und Möwenfreundes Hans (Andreas Schröders). „Hans muss seine Identität hinterfragen“, grübelt Klug. „Die Band sucht ihre Identität.“ Solche Sätze sagt er ruhig und besonnen. Er hat ein Faible für feinsinnige Metaphern. Möwen bezeichnet er als „Zebras der Lüfte“, die Nachwuchsschauspieler, die die Band verkörpern, müssen sich bei ihm erst „ihre musikalischen Gärten zimmern“. Dorau dagegen ist ein Schnellsprecher, die Worte sprudeln geradezu aus ihm heraus, wenn er erzählt, wie harmonisch und schnell die „Könige der Möwen“-Dialoge entstanden sind. Das Songschreiben wiederum – dafür holt er die Musiker Carsten Friedrichs, Gunther Buskies und Zwanie Johnson ins Boot – sei eine echte Herausforderung gewesen: „Die Lieder sollten ja keine lustigen Schenkelklopfer werden.“

Sind sie auch nicht. „Acht Euro am Tag“ erzählt von jemandem, der zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel hat. Kein Wunder, dass sich die Hauptfigur Hans sofort mit diesem Stück identifizieren kann. Er kommt mit dem „Rillenreiter“ in einem Szeneviertel gerade mal so über die Runden. Bis ihm die Stadt Hamburg einen faustischen Pakt anbietet. Für den Besuch einen Staatspräsidenten soll er seinen Laden in die Hafencity verlegen. Wie ein Potemkinsches Dorf. Als Hans darauf eingeht, verliert er am Schluss alles: sein Geschäft, sein Ansehen, seine Werte. Und die Moral von der Geschichte? Eine Kampfansage an die Gentrifizierung? Klug lächelt bloß: „Darüber können die Leute nach der Aufführung diskutieren.“

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