Fall Yagmur : Jugendamtsleiter schildert Probleme im Arbeitsalltag

Vor sechs Monaten starb die dreijährige Yagmur an den Folgen schwerer Misshandlungen. Welche Fehler machten die Behörden? Bei der Befragung eines Jugendamtsleiters werden Probleme deutlich.

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17. Juni 2014, 21:34 Uhr

Hamburg | Eine starke Fluktuation der Mitarbeiter, unbesetzte Stellen und Probleme mit einer Behördensoftware: Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum gewaltsamen Tod der dreijährigen Yagmur hat der Chef des Jugendamtes Hamburg-Mitte Schwierigkeiten im Arbeitsalltag beschrieben. „Die hohe Fluktuation führt immer wieder dazu, dass Stellen vorübergehend nicht besetzt sind“, sagte der Pädagoge Peter Marquard am Dienstagabend vor den Bürgerschaftsabgeordneten.

Insgesamt habe sich die Besetzung der Stellen beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) der Jugendämter zwar verbessert, aber wegen der vielen Neuzugänge sei die Zahl der erfahrenen Fachkräfte gesunken, berichtete Marquard. Die Software JUS-IT sei zudem oft nicht „alltagspraktisch“. Details zum Fall Yagmur wollte der 57-Jährige nicht nennen. Als Begründung nannte Marquard unter anderem den Schutz von Sozialdaten, zudem habe er von dem Fall erst am Todestag des Kindes erfahren. Yagmur war am 18. Dezember 2013 an den Folgen eines Leberrisses gestorben. Die Eltern müssen sich seit einer Woche vor Gericht verantworten. Die Mutter soll das Kind zu Tode geprügelt, der Vater seiner Tochter nicht geholfen haben.

Die Abgeordneten im Ausschuss untersuchen, inwieweit den Behörden Versäumnisse anzulasten sind. Denn das Mädchen wurde seit seiner Geburt von drei verschiedenen Jugendämtern betreut. Seit August 2013 durfte Yagmur wieder bei ihren leiblichen Eltern in Hamburg-Billstedt leben, obwohl es schon früher schwere Misshandlungsvorwürfe gab. Ein Bericht der unabhängigen Jugendhilfeinspektion hatte im Januar Leichtgläubigkeit, schlechte Übergaben und Überlastung beim ASD als Gründe für zahlreiche Fehleinschätzungen genannt.

Erst Anfang 2012 war das Jugendamt Mitte unter Druck geraten, weil das Pflegekind Chantal an einer Überdosis Methadon starb. Damals war Marquard noch nicht im Amt. Das elfjährige Mädchen lebte in Hamburg-Wilhelmsburg bei drogensüchtigen Pflegeeltern. Damals wurden zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Arbeit der Hamburger Jugendämter zu verbessern, der Tod Yagmurs konnte allerdings so nicht verhindert werden. Anfang Juni kündigte Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) an, er plane als eine Konsequenz aus dem Fall Yagmur die Schaffung von weiteren Stellen im ASD der Jugendämter.

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