Im Hinterhof einer Autowerkstatt : Jüdische Tempel-Ruine in Hamburg soll neue Nutzung bekommen

Teilnehmer der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des Israelitischen Tempels vor den Überresten des Gotteshauses an der Poolstraße. 

Teilnehmer der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des Israelitischen Tempels vor den Überresten des Gotteshauses an der Poolstraße. 

Zu den Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag kamen viele Besucher. Das „unangemessene Umfeld“ soll geändert werden.

Avatar_shz von
12. Dezember 2017, 11:53 Uhr

Hamburg | Nichts deutet darauf hin, dass hinter der schmalen Einfahrt in der Poolstraße, nah bei der Laeiszhalle, Geschichte geschrieben wurde. Denn der Israelitische Tempel, vielmehr das, was von ihm übrig blieb, fristet im Hinterhof einer Autowerkstatt ein tristes Dasein: Nur ein Torbogen und die Reste der Apsis zeugen davon, dass 1844, nach zweijähriger Bautätigkeit, hier die religiöse Reform des liberalen Judentums ihren Anfang fand. 

Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden IGDJ: „Am 11. Dezember 1817 unterzeichneten 65 Angehörige der Hamburger gehobenen Mittelschicht die Gründungsurkunde des Neuen Israelitischen Tempelvereins, eine privat Assoziation, die neben der Gemeinde existierte. Von 1842 bis 1844 wurde der Tempel in der Poolstraße nach Plänen des Architekten Johann Hinrich Klees-Wülbern erbaut, nachdem der erste Tempel an der Brunnenstraße zu klein geworden war.“ Das Hauptschiff wurde 1944 durch einen Bombentreffer zerstört. Doch schon 1931 war die Gemeinde in den Tempel Oberstraße umgezogen, weil sich viele jüdische Familien in Harvestehude etablierten.

Eine Zeichnung des Tempels von 1844.
Museum für Hamburgische Geschichte
Eine Zeichnung des Tempels von 1844.
 

Trotz Schnee und Kälte hatten sich zahlreiche Teilnehmer der Feierlichkeiten zu „200 Jahre Hamburger Israelitischer Tempel in der Poolstraße“ zu Gebeten und Gesängen versammelt. „Gedenken, nicht Trauer“ wünschte sich Rabbiner Henry G. Brandt. Michael A. Meyer, Professor am Jewish Institute of Religion des Hebrew Union College in Cincinatti/USA, der ein grünes Pflänzchen in einer Tempelmauer entdeckte, kommentierte es mit den Worten: „Es wächst etwas Lebendiges aus Ruinen – hoffentlich auch in Deutschland!“ Damit meinte er das liberale Judentum, das im Fokus der Feierlichkeiten stand und schon 1844 mit einem gemeinsamen Eingang die Gleichstellung der Frauen in der Gemeinde signalisierte.

Begonnen hatte die dreitägige Jubiläumsfeier mit einem Kantoralkonzert im ehemaligen Tempel der Oberstraße, in dem sich heute das NDR-Studio „Rolf Liebermann“ befindet, gefolgt von einem Senatsempfang durch Bürgermeister Olaf Scholz im Rathaus am Sonntagabend. Zwischendurch wurden im Warburghaus an der Heilwigstraße Vorträge von namhaften Kennern jüdischer Geschichte gehalten, wie Prof. Michael A. Meyer und Andreas Brämer, stellvertretender Direktor des  IGDJ.

Seit 2004 gibt es in Hamburg wieder eine liberale jüdische Gemeinde mit 300 Mitgliedern, hauptsächlich aus der früheren Sowjetunion, die sich in der ehemaligen „Israelitischen Töchterschule“ in der Karolinenstraße trifft. Das „unangemessene Umfeld“ des Tempels auf dem Hinterhof der Autowerkstatt soll nach bisher unbestätigten Plänen in naher Zukunft geändert werden. Ulrich Knufinke, Architekturhistoriker: „Wir stellen uns vor, dass dieser Ort eine ökonomisch darstellbare Nutzung bekommt. Es fehlt bislang jegliche Bildinformation, so dass zu wenige Menschen Zeugnis der jüdischen Kultur in Hamburg bekommen.“ Ein gewichtiges Wort, wie sich der Tempel in Zukunft präsentiert, wird sicher das Denkmalschutzamt sprechen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen