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Hamburger Ballett-Chef : John Neumeier im Interview: „Meine Arbeit ist überaus erfüllend“

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Neumeier zählt zu den renommiertesten Choreographen der Welt. Im Interview lüftet er das Geheimnis um sein Geburtsdatum.

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2017 | 10:28 Uhr

Hamburg | John Neumeier ist ein Phänomen: Seit mehr als 40 Jahren leitet der gebürtige Amerikaner das Hamburg Ballett und führte es zu Weltruhm. Im Interview erzählt der Ballett-Chef von der Leidenschaft für seinen Beruf, warum er Hamburg die Treue gehalten hat und lüftet ein Geheimnis um seinen Geburtstag am Freitag.

Herr Neumeier, ein Gastspiel des Hamburg Balletts in Florenz mit der „Dritten Sinfonie von Gustav Mahler“, Einstudierung von „Le Pavillon d'Armide“ und „Le Sacre“ mit dem Wiener Staatsballett, Wiederaufnahme des Balletts „Die Möwe“ und eine Amerika-Tournee: Mit dem Sabbat-Jahr, das Sie mal nehmen wollten, ist es wohl nichts geworden?

Nein, es scheint nicht geklappt zu haben. Tatsächlich habe ich in meinem Kalender in mehreren Jahren notiert: „frei - Sabbatical?“ - und es wieder durchgestrichen. Ich empfinde die Idee immer noch als erstrebenswert, ein Jahr des Nachdenkens einzuschalten, in dem ich Zukunftspläne schmieden und Vergangenes neu einordnen könnte. Allerdings lässt sich dies nur schwer mit einer so lebendigen Compagnie wie dem Hamburg Ballett verwirklichen - einer Compagnie, die international derart erfolgreich ist, dass sie auf meine Anwesenheit zählt, wie bei unserem Gastspiel kürzlich in Florenz sowie bei unserer Tournee nach New York und Washington D.C. im kommenden Monat. Dies alles hat letztlich dazu geführt, dass ich meine Pläne für ein Sabbatical immer wieder verworfen habe.

Sie sind bereits dienstältester Ballettdirektor der Welt. Woher nehmen Sie weiterhin diese ungeheure Energie, mit der Sie ihren Beruf ausüben?

Ich möchte darauf mit einem Zitat aus der Matthäus-Passion antworten: „Aus Liebe“. Obwohl einige Tage schwieriger sind als andere, erlebe ich meine Arbeit als überaus erfüllend. Das liegt auch daran, dass ich in meinem Beruf vielen jungen Menschen begegne. Die alltägliche Präsenz der Ballettschule und die Tatsache, dass ich immer wieder mithelfen darf, junge Tänzer zu entwickeln, bedeutet mir sehr viel. Das Hamburg Ballett von 2017 arbeitet unter gänzlich anderen Bedingungen und mit ganz anderen Tänzerpersönlichkeiten als zu Beginn meiner Tätigkeit 1973 in Hamburg. Der große zeitliche Abstand wird mir bewusst, wenn beispielsweise ein Kind ehemaliger Tänzer nun selbst innerhalb meiner Compagnie Karriere macht.

Sie haben bereits mehr als 150 Ballette kreiert. Was sind ihre Hauptziele beim Choreografieren?

Wie Sie richtig sagen, lassen sich mehrere Ziele beschreiben. Ein wichtiges Ziel ist natürlich die Entwicklung eines Kunstwerks, mit dem ich das Publikum bewege. Darüber hinaus hat mich in letzter Zeit der Gedanke beschäftigt, wie sich der Vorgang des Kreierens mit zunehmendem Alter verändert. Ich nehme die Veränderung als Bereicherung wahr, denn jeder Mensch sammelt über die Jahre Erfahrung: beruflich und in Form von Lebenserfahrung. Trotz dieses Erfahrungsschatzes ist der Beginn einer Kreation stets ein Abenteuer: Jedes Werk ist anders und lässt sich in seiner Entstehung nicht vollständig vorausplanen. Ich habe jedes Mal das Gefühl, vor einer neuen, ins Unbekannte führenden Aufgabe zu stehen. Diese Herausforderung macht mir Angst, reizt mich aber immer wieder neu.

Seit mehr als 40 Jahren leiten Sie das Hamburg Ballett. Sie hatten interessante Angebote und hätten auch woanders arbeiten können. Was hat Sie in Hamburg gehalten?

Es gibt nicht den einen Grund, der mich in Hamburg gehalten hat. Im Gegenteil: Ich empfand es als positiv, dass ich nicht zwingend an Hamburg gebunden war. Das stärkste Argument zum Bleiben war die Lebendigkeit des Hamburg Ballett, das sich unglaublich stark entwickelt hat. Bedenken Sie, dass wir in der aktuellen Saison 90 Vorstellungen in der Hamburgischen Staatsoper spielen, während es zu Beginn meiner Tätigkeit ungefähr 38 Vorstellungen waren. Wir haben ein Ballettzentrum, dazu eine Ballettschule, aus der rund 80 Prozent unserer Compagniemitglieder hervorgehen. Zudem hat das Hamburg Ballett weit mehr internationale Gastspielangebote, als es erfüllen kann. Nicht zuletzt habe ich in Hamburg eine junge Compagnie wie das Bundesjugendballett ins Leben rufen können.

Sie haben zahlreiche Auszeichnungen, darunter den „Benois de la danse“ für ihr Lebenswerk, den hoch dotierten Kyoto-Preis und zuletzt den „Lifetime Achievement Award“ des Prix de Lausanne erhalten. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Jede Auszeichnung ist etwas Einzigartiges. Mich berühren diejenigen Preise besonders, die meine Arbeit auch jenseits der Welt des Balletts anerkennen. Wenn beispielsweise die Inamori Foundation, die ihre Preisträger weltweit auswählt, sich für mich entscheidet, ist die Freude besonders groß. Zugleich ist es für mich eine große Ehre, diesen Preis entgegenzunehmen, weil ich ihn gleichsam stellvertretend für die Kunstform Ballett erhalte.

Im September inszenieren Sie Christoph Willibald Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“ an der Lyric Opera Chicago. Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?

Die Legende von Orpheus hat mich oft im Laufe meines Lebens beschäftigt. Schon in meiner Frankfurter Zeit habe ich die Choreografie im Rahmen der Operninszenierung von Fillipo Sanjust erarbeitet. Eine eigene Inszenierung mit umfangreichen Ballettanteilen habe ich dann an der Hamburgischen Staatsoper herausgebracht. In meiner reinen Ballettfassung konfrontiere ich den Mythos mit der Musiksprache von Igor Strawinsky. Hinter meinem Entschluss, die Einladung der Lyric Opera Chicago in diesem Jahr anzunehmen, steht ein ganz persönliches Motiv: Auf genau dieser Bühne habe ich eine meiner ersten professionellen Erfahrungen gesammelt, als ich in den späten 1950er-Jahren als Schüler der Ballettschule in einer Aufführung der Oper „The Harvest“ getanzt habe.

Seit 2015 ist ihr langjähriger Erster Solist und Ballettmeister Lloyd Riggins ihr Stellvertreter. Ihr Vertrag endet 2019. Werden Sie dann die Leitung des Hamburg Balletts an Lloyd Riggins übergeben?

Es gehört nicht zu meinen Kompetenzen, die Leitung des Hamburg Ballett weiterzugeben. Trotzdem war es für mich wichtig, rechtzeitig mitzudenken und zu überlegen, wer geeignet wäre, das Ensemble nach meinem Weggang zu übernehmen. Diese Aufgabe ist keineswegs so leicht, wie es scheinen könnte. Wenn meine Ballette in Hamburg bleiben und als Tradition der Stadt Bestand haben sollen - wie die Marius Petipa-Tradition in St. Petersburg oder die George Balanchine-Tradition am New York City Ballet -, dann muss mein Nachfolger diese Tradition verstehen und in der Lage sein, sie zu pflegen. Da das Hamburg Ballett zugleich eine kreative Compagnie ist, muss dieser potenzielle Nachfolger diese Kreativität einfordern und fördern können, damit das Hamburg Ballett nicht zu einem „Museum“ wird.

Am 24. Februar feiern Sie ihren 75. Geburtstag. Wo und mit wem werden Sie feiern und was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Für mich als gebürtigem Amerikaner war es immer wieder überraschend, dass Geburtstagen in Deutschland so große Bedeutung beigemessen wird. Insofern habe ich nicht damit gerechnet, dass mein 75. Geburtstag auch öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich denke an den Satz aus Simon & Garfunkels Lied „Old Friends“: „How terribly strange to be 70“.

Über mein Geburtsjahr gab es in letzter Zeit immer wieder Spekulationen. Es ist daher an der Zeit, dass ich die Widersprüche aufkläre. Sie haben ihren Ursprung im August 1962, als ich aus Amerika nach Europa kam, um meine Ballettausbildung abzuschließen - in der Annahme, dass ich höchstens ein Jahr in Europa bleiben würde.

Zwischen der Londoner U-Bahn-Station Baron's Court und dem Eintreffen an der Royal Ballet School entschied ich mich spontan, mein Geburtsjahr um drei Jahre nach vorne zu datieren, um bei der Registrierung nicht abgewiesen zu werden. Nur zu gerne wäre ich schon früher nach London gegangen, aber meine Eltern hatten darauf bestanden, dass ich zunächst die Universität abschließe und meinen Militärdienst absolviere, bevor ich meinem Wunschberuf nachgehen würde.

Die Änderung meines Geburtsjahrs habe ich seitdem irgendwie automatisch beibehalten. Ich sah viel jünger aus, als ich tatsächlich war - insofern habe ich dem Umstand jahrzehntelang keine Bedeutung beigemessen. Auch habe ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt, meine berufliche Zukunft in Amerika zu gestalten. Das öffentliche Interesse im Vorfeld meines „75. Geburtstags“ hat mich zum Umdenken gebracht. Als Deutschamerikaner möchte ich dieser - für mich immer noch ungewohnten - Form der Aufmerksamkeit aufgeschlossen begegnen und habe mich daher entschlossen, mein tatsächliches Alter und die Hintergründe offenzulegen. Mein richtiges Geburtsjahr ist 1939, am 24. Februar feiere ich daher meinen 78. Geburtstag. Wenn Sie mich nun danach fragen, was ich mir zu meinem Geburtstag wünsche, so ist die Antwort klar: Ein Sabbatical!

 

John Neumeier wurde am 24. Februar 1939 in Milwaukee/Wisconsin, USA, geboren. Nach einer Ballettausbildung in seiner Heimatstadt, Kopenhagen und London engagierte ihn John Cranko 1963 an das Stuttgarter Ballett. 1969 wurde er Ballettdirektor in Frankfurt, 1973 holte ihn August Everding nach Hamburg. Seitdem ist John Neumeier Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Ballett, seit 1996 hat er zusätzlich den Status eines Ballettintendanten.

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