zur Navigation springen

„Meine Songs sind für mich ein Ventil“ : Johannes Oerding über seine Haare, seine Hamburg-Liebe und deutsche Musik

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Sänger Johannes Oerding schätzt die Komplimente von Udo Lindenberg und Auszeiten in Australien. Das verrät er im shz.de-Interview.

shz.de von
erstellt am 17.Jun.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Udo Lindenberg bezeichnet sie als kleinen Bruder von Stevie Wonder. Geht das runter wie Öl?
Ja, das geht wirklich runter wie Öl (lacht). Udo knallt allerhand Komplimente über mich heraus, das ist sehr schön. Wir kennen uns schon sehr, sehr lange. Als ich vor 14 Jahren einen meiner ersten Auftritte auf der Reeperbahn hatte, war Udo im Publikum. Nach dem Konzert kam er zu mir, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: „Du hast eine goldene Kugel im Hals. Du bist ein Goldkehlchen.“ Das ist natürlich ein Ritterschlag, denn ich bin ein großer Fan von Udo. Er ist einer meiner größten Helden und gehört zu den Gründervätern der deutschen Popmusik.

Sie beide eint auch die Leidenschaft für Hüte. Hand aufs Herz: Wie viele besitzen Sie?
Ich besitze 32 Hüte, trage von diesen nur vier oder fünf. Die anderen Hüte behalte ich aber, weil jeder Hut für eine Phase meines Lebens steht (lacht).

Wann haben Sie Ihren ersten Hut gekauft?
Meinen ersten Hut habe ich mit 15 oder 16 Jahren gekauft. Das war zu der Zeit meiner ersten Schülerband. Es war ein gestrickter Hut, den ich heute nicht mehr tragen würde. Für mich gehört der Hut zu Bühnenkluft. Außerdem lasse ich mir momentan die Haare lang wachsen und trage eine Übergangsfrisur. Das sieht einfach schäbig aus. Aber da ich sehr eitel bin mit meinem Haar, setze ich den Hut auf, der das gut kaschiert.

Und wie lang soll das Haar werden?
Bis alle Stimmen verstummt sind, die ein Problem damit haben.

Oha, das Haar als Reizthema?
Meine Haare sind meine Rebellion. Inzwischen sind die Stimmen zu meinem Haar ein wenig ruhiger geworden. Aber die Äußerungen zu meiner Frisur waren übertrieben. Fremde Menschen machen sich Gedanken über meine Frisur oder meinen Bart. Das finde ich absurd.

Warum mögen Sie deut sche Musik?
Ich verstehe deutsche Musik und kann mich so damit auseinandersetzen. Deutsch ist meine Muttersprache, hier kann ich Texte mit Anspruch, neuen Bildern und Wortspielen schaffen. Das klappt nur als Muttersprachler. Würde ich auf Englisch texten, würde mein Wortschatz niemals ausreichen, und ich müsste Texte wie Dieter Bohlen schreiben. Dann reimt sich together auf forever – und das möchte ich nicht. Außerdem wünsche ich mir, dass die Menschen mich verstehen. Sie identifizieren sich lebenslang mit diesem Text, wenn sie eine Situation oder ein Erlebnis damit verbinden.

Wer hat Sie in der Jugend inspiriert?
Ich habe nicht nur ein musikalisches Genre gehört. Ich mochte den deutschen Hip-Hop, Rock, Indie und Pop. Von den Beginnern über Michael Jackson und Bruce Springsteen bis zu David Hasselhoff war alles dabei. Das hat mich inspiriert und macht mein breites musikalisches Spektrum aus.

Sie kommen vom Niederrhein, sind auf dem Dorf aufgewachsen, wohnen jetzt in Hamburg. Warum wollten Sie raus?
Das waren praktische und romantische Gründe. Ich wollte raus, die Welt entdecken, und wusste, dass ich das Musiker-Leben auf dem Dorf nicht bekomme. Hamburg war für mich die erste Adresse. Als ich nachts in die Stadt und über die Kennedy-Brücke fuhr, habe ich mich sofort verliebt. Für mich ist Hamburg die Musik-Stadt Nummer 1.

In welcher Kneipe in St. Pauli trifft man Sie?
Ha, ich werde den Teufel tun und meine geheimen Spots in Hamburg verraten (lacht). Aber das Schanzenviertel ist mein Dorf in der Stadt. Alle Kneipen, die sich zwischen Schanze und Reeperbahn befinden, sind gut. Wichtig ist nur: Vor der Reeperbahn ist Schluss, denn hier wird es sehr touristisch. Dort habe ich keine Stammkneipe.

Können Sie eigentlich noch ungestört durch Ihren Kiez laufen?
Ich falle inzwischen schon öfter auf. Vor allem abends, wenn die Menschen ein wenig was getrunken haben und sich trauen, werde ich angesprochen und um Fotos gebeten. Für mich hat sich damit geändert, dass ich mich abends nun auch ein wenig benehmen muss. Ich kann nicht mehr auf allen vieren kriechend aus dem Club herausstolpern (lacht).

Wenn Sie nicht in Hamburg sind, reisen Sie mit Ihrer Band von einem Gig zum nächsten. Haben Sie ein Ritual vor den Auftritten?
Wir trinken Ramazzotti. Leider habe ich diese Tradition vor über zehn Jahren ins Leben gerufen, und ich wünschte, ich hätte mir damals einen anderen Schnaps ausgesucht. Aber jetzt ziehen wir das durch. Es gibt Ramazzotti mit Eis und Zitrone, wir bilden einen Kreis, und ich halte eine kleine, individuelle Rede. Danach geht es los.

Johannes Oerding wird am 26. Dezember 1981 in Münster geboren und wächst mit vier Geschwistern in Geldern-Kapellen am Niederrhein auf. Oerding stammt aus einer musikalischen Familie und sammelt erste Erfahrungen mit seiner Gitarre in Schüler-Bands und am Lagerfeuer seines Pfadfindervereins. Das Ziel ist klar: Der junge Mann möchte Musiker werden. Doch zunächst studiert er Internationales Marketing in den Niederlanden, ehe er nach Hamburg zieht. In seinen ersten Jahren spielt er im Vorprogramm von Bands wie Ich + Ich, Simply Red oder den Sängerinnen Stefanie Heintzmann und Ina Müller. Letztere lernt er im Tourbus kennen und lieben. Seit sieben Jahren sind Oerding und Ina Müller ein Paar. 2009 veröffentlicht der Rheinländer sein Debütalbum „Erste Wahl“, zwei Jahre später folgt die Platte „Boxer“. 2013 steigt „Für immer ab jetzt“ auf Platz 4 ein. Dies toppt er zwei Jahre später mit „Alles brennt“, das auf dem dritten Platz landet. Anfang Mai erscheint Oerdings fünftes Album „Kreise“, das mit Platz 2 in den deutschen Charts belohnt wird. Im Herbst 2017 geht Oerding auf große Tour, die ihn unter anderem nach Osnabrück, Aurich und Bremen führt. Der 35-Jährige lebt mit einem Freund im Hamburger Stadtteil St. Pauli in einer Wohngemeinschaft und hat eine Schwäche für Döner Kebab.

Wie gehen Sie mit einem Tief nach dem Konzert um?
Ich kenne diese Löcher. Manchmal toure ich so viel, dass ich kaum zum Abschalten komme. Aber es gibt Konzerte, die überragend und groß waren, und danach sitzt du im leisen Hotelzimmer. Das ist ein komischer Moment. Doch mit der Zeit habe ich gelernt, diesen Übergang zu schaffen. Trotzdem kann ich verstehen, dass große Künstler nach der Tour in ein Loch fallen, wenn sie nach Hause kommen und auf einmal wieder den Müll rausbringen müssen.

Ihre Songs sind sehr persönlich. Warum können Sie sich auf der Bühne so gut öffnen?
Ich konnte mich schon immer besser musikalisch ausdrücken, als meine Gefühle im Gespräch zu thematisieren. Ich kann nur sehr schlecht über meine Gefühle reden und glaube, dass es vielen Männern ähnlich geht. Meine Songs sind für mich ein Ventil, so wie andere Tagebuch schreiben. Die Lieder auf der Bühne zu spielen bringt mich emotional weiter. Das ist also auch ein egoistischer Ansatz (lacht). Und wenn ich merke, dass andere Menschen auch davon berührt werden, bekommt mein Beruf einen Sinn.

Wie schwer trifft Sie dann Kritik zu Ihren Songs?
Ich kann nur sehr schwer mit Kritik umgehen. Mein engster Kreis darf mich kritisieren, und selbst bei diesen Menschen freue ich mich mehr, wenn sie mich loben. Aber ich kann bei meinen Songs auch nicht abschalten. Wer meine Songs kritisiert, kritisiert mich. Das ist nervig, deshalb lese ich auch keine Zeitungskritiken.

Wem spielen Sie einen neuen Song als Erstes vor?
Meiner Freundin, meinen zwei besten Freunden – mit dem einen lebe ich in einer WG, der andere wohnt im dritten Stock darüber, meinem Produzenten und meinem Manager. Das sind fünf Menschen, die mich unterstützen, und mehr brauche ich auch nicht.

Ihre Freundin ist die Sängerin und Moderatorin Ina Müller. Wie einig sind Sie sich beim Songschreiben?
Ina und mich hat immer Musik verbunden. Wir haben einen ähnlichen Geschmack und sind uns einig, wie Musik und Texte klingen müssen. Oft geht es bei unserer Kritik immer um Nuancen und Feinheiten, das bedeutet mir viel.

Einige Ihrer Songs vom Album „Kreise“ sind in Australien entstanden. Warum mussten Sie sich diese Auszeit nehmen?
Ich war ein wenig überarbeitet (lacht) und war noch nie in Australien. Also habe ich meinen Rucksack gepackt und bin alleine los. Während dieser Reise habe ich gemerkt, dass es Sinn macht, sich eine Pause zu gönnen. Ich habe keine Gitarre mitgenommen und fünf Wochen nichts getan, bis ich wieder Lust hatte zu schreiben. Das war sehr sinnvoll.

Auf Ihrem Album findet sich auch ein politisches Lied. In „Weiße Tauben“ singen Sie über den Wunsch nach Frieden. Warum war es Ihnen wichtig, politisch zu texten?
Früher wollte ich mit meiner privaten, politischen Haltung und meinen Glaubensfragen niemanden belästigen. Aber es ist so viel passiert in den vergangenen Jahren, und ich setze mich stark damit auseinander. Außerdem empfinde ich als erwachsener Mensch und Künstler eine Verantwortung. Ich möchte meine Reichweite nutzen, um eine Diskussion anzustoßen.

Mit Mitte 30 ziehen viele Menschen eine erste Lebens-Bilanz. Was haben Sie bislang richtig gemacht?
Während meiner musikalischen Reise habe ich sehr viele richtige Entscheidungen getroffen. Ich habe auch mal Nein gesagt – zum Beispiel wenn es um eine Teilnahme beim Eurovision Songcontest oder einer Castingshow ging. Hier habe ich immer rigoros abgelehnt. Denn die große Kunst ist es, Shows abzusagen, die nicht zu mir als Künstler passen. Ich möchte auf keiner Bühne stehen und Bauchschmerzen haben. Dementsprechend habe ich mich sehr langsam entwickelt. Aber es hat sich für mich gelohnt, Geduld zu haben. Die Qualität meiner Shows und Lieder soll für sich sprechen.

Johannes Oerding...persönlich
Ich lebe gerne in Hamburg... , weil die Stadt weltoffen ist und hier jeder so sein kann, wie er möchte.
Mein liebster Ort... ist St. Peter Ording.
Meine Stärke ist..., dass ich sehr begeisterungsfähig bin und das an andere Menschen weitergebe.
Mein Laster ist... Döner Kebab.'
Zigaretten sind... für mich Vergangenheit.
Auf der Bühne... bin ich Zuhause. Sie ist für mich die Essenz meines Berufes.
Nach meiner Tour... packe ich den Rucksack und fliege wieder in Urlaub.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen