Horst Opaschowski : Interview mit Zukunftsforscher: „Wir stehen vor einer Stimmungswende“

Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski.
Foto:

Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski.

Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski spricht über die Sorgen der Deutschen und die Vernachlässigung der Jugend.

von
09. Dezember 2017, 13:04 Uhr

Hamburg | Professor Horst Opaschowski zählt zu den führenden Zukunftsforschern Europas. Viele seiner Thesen, die er schon in den 70er und 80er Jahren zur Arbeits- und Freizeitgesellschaft formuliert hat, stimmen bis heute. In seinen Bestsellern und Vorträgen analysiert Opaschowski die Stimmungen der Deutschen und lenkt den Blick auf bevorstehende Veränderungen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Was liegt da näher, als mit dem Hamburger Professor zum Jahreswechsel über die Stimmung der Deutschen, ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen zu reden. Ein Gespräch in der Gegenwart mit Blick in die Zukunft.

Herr Opaschowski, im vergangenen Jahr haben Sie vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos ermitteln lassen, wie optimistisch die Deutschen das Jahr 2017 sehen. 36 Prozent der Befragten gaben an, dass sie diesem Jahr mit großer Skepsis entgegen sehen. Nur jeder Fünfte ging optimistisch ins neue Jahr. Wie ist die Stimmung heute, ein Jahr später?

Horst Opaschowski: Wir stehen vor einer Stimmungswende. Der Anteil der Deutschen, der dem neuen Jahr 2018 mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen entgegensieht, hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Es gibt wenig Anlässe für eine positive Grundstimmung in Deutschland.

Woran liegt das?

Der Verlauf der gescheiterten Sondierungsgespräche hat seine Spuren hinterlassen. Immer mehr Bundesbürger trauen den Politikern immer weniger zu. Die Wähler hatten nach der Wahl auf einen Ruck gewartet, der durch das Land geht, auf den großen Wurf für das große Ganze. Stattdessen ist die Wählerschaft enttäuscht, weil sie den Eindruck hat, dass es den Politikern mehr um Inszenierungen und Machterhalt als um Inhalte und Gemeinwohl geht. Vertrauensbruch und Vertrauensschwund kennzeichnen die Stimmung im Land.

War das Jahr 2017 ein wichtiges Jahr, das den Deutschen die Zukunft aufzeigt?

2017 war wirtschaftlich gesehen ein Rekordjahr. Wir erlebten geradezu goldene Zeiten wie seit Jahren nicht mehr. Aber die ungelösten sozialen Probleme wie Migration und Integration, Fremdenfeindlichkeit und Kriminalität ließen kaum Zukunftshoffnungen aufkommen.

Warum?

Von der panischen „German Angst“ haben sich die Deutschen sicher verabschiedet, aber die Zukunftszweifel wachsen − gesellschaftlich und auch ganz persönlich. Auf den Zukunftshunger der Bevölkerung reagiert die Politik mit der Unlust an verlässlichen Zukunftsaussagen.

Was macht den Deutschen kurz vor dem Jahreswechsel am meisten Sorge?

Jeder wünscht sich ein sorgenfreies Leben. Aber wann sind die Deutschen zufrieden? Positiv auf den Punkt gebracht: Gut, gesund und glücklich leben – davon träumen fast alle. In Wirklichkeit hat jeder zweite Bundesbürger finanzielle Sorgen, weil der Arbeitsplatz nicht sicher ist oder das Geld fehlt, um für die Zukunft finanziell vorsorgen zu können.

Seit Anfang des Jahres beschäftigen Sie sich gemeinsam mit Ihrer Tochter Irina Pilawa mit der „Generation Z(ukunft)“, also der um die Jahrtausendwende Geborenen. In einer repräsentativen Studie Ihres Opaschowski-Instituts für Zukunftsforschung  (O.I.Z.) sagten 54 Prozent der Befragten im Alter zwischen 14 und 24 Jahren, die junge Generation sei mehr auf sich selbst gestellt und könne sich weniger auf andere oder den Staat verlassen. In diesem Zusammenhang haben Sie die Politik davor gewarnt, die Interessen der Jugend zu vernachlässigen. Kommen Jugendliche in der deutschen Gesellschaft wirklich zu kurz?

Eindeutig ja. Die Jugend ist in Deutschland zur Minderheit geworden und fühlt sich allein gelassen. Deshalb kritisiert auch meine Tochter, Forschungsreferentin am O.I.Z: „Die Politik lässt die nächste Generation weitgehend im Ungewissen darüber, ob später das Renteneintrittsalter steigt oder das Rentenniveau sinkt oder gar Altersarmut droht“. Ich kann ihr nur zustimmen. Die junge Generation spielt im politischen Alltag lediglich eine Nebenrolle. Und die Frage der Generationengerechtigkeit wird nachrangig behandelt.

Wie sieht für Sie, den Forscher, das perfekte Erziehungspaar 2018 aus?

„Perfektion“ können Sie in der Erziehung vergessen. Setzen Sie stattdessen mehr auf die „3V“: Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit. Gehen Sie ehrlich miteinander um und vergessen Sie Nachsicht, Rücksicht und Anstand nicht. Das sind die Erziehungsprinzipien und Lebenstugenden, die wir heute und morgen brauchen.

Müssen sich Jugendliche nicht auch selbst stärker einbringen?

Die Millennials sind keine Revoluzzer, eher Krisenprofis, die in unsicheren Zeiten das Beste aus ihrem Leben machen wollen: Lebensoptimierer, die gerne Alleskönner sein wollen, aber eigentlich mehr Biss, Initiative und Offensivgeist zeigen müssten. Andererseits sind sie da, wenn man sie braucht. Denken Sie an die „Generation Sandsack“ während der letzten Jahrhundertflut in Deutschland. Sie gleicht eher einer neuen Generation sozialer Unternehmer, die mehr an eine Mitmach- und Selbsthilfegesellschaft  als an den Sozial- und Wohlfahrtsstaat glaubt.

Wären Sie heute gerne noch mal jung?

Nein, um Gottes willen, nein. Dann müsste ich ja das ganze Leben noch einmal leben oder gar meine Lebenserfahrungen vergessen machen. Beim besten Willen, nein! Biologisch älter werden und mental jung bleiben – das ist für mich schon Herausforderung genug im Leben.

Die Welt ist offener, globaler geworden. Das bietet für junge Leute viel mehr Möglichkeiten, macht es aber auch schwieriger, sich zu orientieren. Sie sind selbst Großvater. Was möchten Sie Ihren Enkeln und deren Generation für Ihre Zukunft mit auf den Weg geben?

Ich finde, die ältere Generation hat eine Bringschuld. Dies gilt auch für mich – als Wegbegleiter und Wegweiser. Ich mache meinen Enkeln klar: Die Familie ist das Wichtigste im Leben. Gut leben ist wichtiger als viel haben. Und gemeinsam dürfen wir nicht aufhören, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.

War denn, wie oft behauptet, früher alles besser und einfacher?

Wer so denkt, muss alt sein. Jugendliche verdrehen zu Recht die Augen, wenn sie sich ständig Hinweise auf „früher“ anhören müssen.

Sie sind unter anderem auch Berater für Politik und Wirtschaft. Welches sind die dringlichsten zukunftsweisenden Hausaufgaben einer neuen Bundesregierung?

Die nächste Bundesregierung soll erst einmal aufhören, ständig tägliche Aufregungsthemen der Medien abzuarbeiten. Die Menschen in Deutschland wünschen sich von der Politik Weitsicht und verantwortliche Vorausschau, die über den Zeitrahmen einer Legislaturperiode hinausreichen. Zu Willy Brandts Zeiten hieß es „Mehr Demokratie wagen“. Jetzt muss es heißen: „Mehr Zukunft wagen!“ Die ungelösten Zukunftsprobleme liegen doch als Hausaufgaben schon lange auf dem Tisch: Migration und Integration, Umweltschutz und Energiewende, Wohnungsbau und Kriminalitätsbekämpfung, Flexirente und Altersvorsorge. Und bei allen Maßnahmen muss der Gedanke der Generationengerechtigkeit im Mittelpunkt stehen.

Zum ersten Mal sitzt die AfD im Bundestag. Wie erklären Sie sich das Phänomen?

Wir leben in einem Zeitalter der Extreme – ökologisch, politisch und auch sozial. Meine Zukunftsprognose aus dem Jahr 1994 lautete: „Wir neigen immer mehr zu Extremen, weil wir täglich mit Extremen konfrontiert werden“. Das wird unser soziales Verhalten nachhaltig und radikal verändern. Wir haben die Signale sozialer Unzufriedenheit bei großen Teilen der Bevölkerung in den letzten Jahren nicht wahrhaben wollen. Jetzt bekommen wir die Folgen von Wut, Hass und Gewalt in der politischen Landschaft und in den sozialen Medien zu spüren.

Die Digitalisierung hängt wie ein Damoklesschwert über der Zukunft und macht Vielen Angst; und viele Firmen sind nicht darauf vorbereitet. Wird die Digitalisierung die Arbeitswelt wirklich auf den Kopf stellen wie einst die industrielle Revolution?

Die Digitalisierung wird die Arbeitsqualität verändern, aber nicht die Arbeitsplätze massenhaft vernichten. Wir gehören zu den Ländern mit der größten Roboterdichte und haben trotzdem so viele Beschäftigte wie noch nie. Eher macht mir die Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI), einer Art „KIvolution“,  Sorgen, weil wir die Kontrolle darüber zu verlieren drohen.

Sie halten die Rente ab 70 für unverzichtbar, um die Altersarmut bei künftigen Generationen zu verhindern. Halten Sie das auch für zumutbar in körperlich harten Berufen?

Niemand soll bis 70 arbeiten müssen, schon gar nicht körperlich hart Arbeitende. Vor dem Hintergrund ständig steigender Lebenserwartung votiere ich aber seit langem für eine Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit mit einem Zeitfenster zwischen 60 und 70 Jahren. Die Begründung liegt auf der Hand: Immer mehr Beschäftigte müssen und wollen länger arbeiten, um mehr zu verdienen und auch, um gebraucht zu werden und gesellschaftlich wichtig zu bleiben.

Man hat den Eindruck, dass die Gesellschaft, wir Menschen, nur schwer aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Warum machen wir oftmals immer wieder die gleichen Fehler?

Aus Vergangenheit und Geschichte für die Zukunft lernen, hat sich bisher als illusionärer Wunschtraum erwiesen. Jede Generation will und muss ihre eigenen Erfahrungen machen, sollte dabei aber ihre Wurzeln nicht vergessen. In der Geschichts- und Zukunftsforschung gibt es die Erfahrung von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“. So gesehen können wir schon daraus lernen, wie Generationen vor uns Kriege, Krisen und Katastrophen überlebt und gemeistert haben.

Sie selbst werden am 3. Januar 77 Jahre jung, arbeiten immer noch und fühlen sich fit. Wie schaffen Sie das?

Fitness im Leben bekomme ich nicht einfach geschenkt. Dafür muss ich schon etwas tun, ohne das eigene Tun als Mühsal und Plag‘ zu beklagen. Für mich ist Leben die Lust zu schaffen – in jedem Lebensalter. Daher kann ich allen nur empfehlen: Wer eine Arbeit hinter sich hat, soll eine Aufgabe vor sich haben. Der Mensch ist schließlich nicht zur Untätigkeit geschaffen. Er braucht eine Aufgabe. Im Übrigen weist die Alternsforschung nach: Wer sich um andere sorgt, lebt länger!

Was gibt Ihnen in Ihrem Leben immer wieder neue Energie?

Meine Energiequelle ist mein Zuhause − meine Frau und meine Großfamilie mit zwei Kindern und fünf Enkelkindern in guter Erreichbarkeit. Eine weitere Antriebskraft ist meine soziale Sorge für andere. Ich bin Pate eines Mehrgenerationenhauses und habe schon vor einem Jahrzehnt eine Helferbörse für Jung und Alt in Hamburg ins Leben gerufen.

Das Smartphone beherrscht immer mehr unser Leben. Wann legen Sie es mal beiseite?

Wenn ich ehrlich bin: Selten. Für 2018 habe ich mir aber eine digitale Diät verordnet. Ich will dann öfter offline sein.

Feiert man als Zukunftsforscher eigentlich Silvester?

Natürlich. Privat mit Familie und Freunden. Und beruflich habe ich um Silvester geradezu Hochkonjunktur. Auch Sie lassen mich nicht in Ruhe. Das ist ok so. Von Berufs wegen bin ich dann allerdings verpflichtet, Klartext zu reden, also auch Problemlöser und nicht nur Analyst und Prognostiker zu sein.

Worauf freuen Sie sich im kommenden Jahr?

Worauf sich viele 2018 freuen – auf Gesundheit und Geborgenheit. Und natürlich will ich im kommenden Jahr auch die Lust am Schreiben und Forschen nicht verlieren.

Welches ist Ihre größte Hoffnung für die Zukunft?

Meine größte Hoffnung für die Zukunft ist die Jugend als Pionier des Wertewandels von morgen. Ihr gehört die Zukunft, ja sie ist die Zukunft.

Nennen Sie uns bitte ein Motto, einen Leitspruch für 2018, der Ihnen Kraft oder Frieden gibt?

„Ein Job. Eine Familie. Ein Ehrenamt: Wissen, wofür man lebt“. Das wünsche ich mir und anderen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen