Neues Buch „Teemännchen“ : Interview mit Heinz Strunk: „Wo Comedy draufsteht, ist Scheiße drin“

Am 21. August kommt Heinz Strunks neues Buch mit Kurzgeschichten auf den Markt.
Am 21. August kommt Heinz Strunks neues Buch mit Kurzgeschichten auf den Markt.

Autor Heinz Strunk über Fritz Honka und den „Goldenen Handschuh“, sein neues Buch und ein Leben zwischen Depression und Tanzkapelle.

shz.de von
18. August 2018, 16:55 Uhr

Hamburg | Wer glaubte, der Autor des satirischen Bestsellers „Fleisch ist mein Gemüse“, kann nur komisch, sah sich spätestens seit dem Buch „Zum Goldenen Handschuh“ getäuscht. Heinz Strunks Roman über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka und das St. Pauli-Milieu rund um die berüchtigte Absturzkneipe auf dem Kiez verkaufte sich bislang rund 200.000 mal und brachte ihm zum Teil hymnische Kritiken ein.

Jetzt geht er wieder an einen völlig neuen Weg. Am 21. August kommt ein Buch mit Erzählungen auf den Markt. „Teemännchen“ ist eine Sammlung von langen, kurzen und sehr kurzen Texten. Kurzgeschichten liegen ihm am Herzen und sind zugleich ein Versuch, so sein Verlag, „ein Stück weit zu sich“ selbst zu kommen. Entsprechend geht es wieder um düstere und manchmal groteske Themenwelten wie Einsamkeit, Sexualnot, Alkohol, oder Körperverfall, die immer wieder sein Leben bestimmen. Erzählt zum Beispiel an Kurzerlebnissen von Axel Rose, Kopf der Hardrock-Band „Guns ‚n Roses“, auf St. Pauli oder einem politisch verfolgten DDR-Bürger.

Wer Strunk (56) verstehen will muss sein Leben und dessen Widersprüche kennen. Er wird als Mathias Halfpape in Harburg geboren, nach dem Abitur bestimmen die schwere psychische Krankheit seiner Mutter, Alkohol und ein Hang zur Depression sein Leben. Er frickelt in einem kleinen Tonstudio an seinem Traum als Pop-Musiker, spielt in der Band von Pop-Star Michi Reincke und schlägt sich zwölf Jahre lang mehr schlecht als recht in der Tanzkapelle „Tiffanys“ auf norddeutschen Dorffesten durch – die 2004 als Milieustudie für „Fleisch ist mein Gemüse“ herhalten musste und rund 500.000 mal allein als Buch verkauft wurde.

Heute bildet Strunk mit Rocko Schamoni und Jaques Palminger unter anderem das für seine Telefonstreiche bekannte Trio „Studio Braun“ („Fraktus“). Seine Tragikomödie „Jürgen- Heute wird gelebt“ gewann in diesem Jahr die Goldene Kamera als „Bester deutscher Fernsehfilm“.

Frage: Sie nennen sich auf Ihrer Homepage „Großmeister und Wundermacher“...

Antwort: ...Wundermensch. Wundermacher, so weit ist es noch nicht. Und „Wundermensch“ ist natürlich vollkommen übertrieben, ein Kunstbegriff, und nicht ernst gemeint. So eingebildet bin ich nicht. Den Begriff hat vor vielen Jahren mal Franz Beckenbauer über Boris Becker gesagt. Das ist mir irgendwie hängengeblieben. Ich schreib so was auf, bin immer auf der Suche nach komischen Sachen und originellen Schöpfungen, ich bin auch einer der letzten Mohikaner der deshalb noch Fernsehen guckt, „die Wollnys“ und so.

Sie sprechen aber gern in der dritten Person von sich. Das klingt, als wenn sie auf keinen Fall eitel wirken wollen.

Besonders eitel bin ich tatsächlich nicht. Ich bin eher von ständigen und manchmal schon geradezu zu harschen Selbstzweifeln gepeinigt. Ich kann nicht sagen warum. Aber wenn ich mich im Spiegel angucke, was nur mal zum Rasieren passiert, nehme ich immer die Brille ab. Ich kann meinen Anblick nicht gut ab, wenn ich mich mit Brille sehe. Ich bin das Gegenteil eines selbstverliebten Typen.

Warum ärgert es Sie eigentlich, Komiker oder Comedian genannt zu werden?

Komiker geht, aber nur bedingt, weil ich ja gerade auch andere Pfade beschritten habe, und Komiker ein Oberbegriff für das komische Fach ist. „Comedian“ ist was anderes: Ich sage immer, wo Comedy draufsteht, ist Scheiße drin. Weil das seit 1994 mit der TV-Sendung „Samstag Nacht“ eine komplette Banalisierung von Humor darstellt. Für mich ist das ein ganzjährig verlängerter Abend des rheinischen Karnevals mit all seiner Bräsigkeit, Stumpfheit, Dumpfheit, Vorurteilsbeladenheit und vor allem kompletten Unwitzigkeit...

Mit der andere Kollegen viele Menschen allerdings erfolgreich zum Lachen bringen.

Andere mögen das, ja, die Erfolge, von Kaya Yanar und Mario Barth sprechen für sich. Und sich darüber kulturpessimistisch auszulassen ist müßig. Ich kann nur sagen, wenn ich den Fernseher einschalte sitze ich da mit Betongesicht. Ich weiß natürlich was da lustig gemeint sein soll, aber ich kann nicht drüber lachen. Ich finde es entsetzlich und so dumm, dass ich mich richtig, richtig darüber aufrege.

Als was verstehen Sie sich selbst, Entertainer, Satiriker, Autor, Künstler?

Mein Schwager hat mich vor vielen Jahren, da hatte ich noch gar nichts geschafft, mal in seinem Büro als einen Kunst- und Kulturschaffenden aus Hamburg vorgestellt. Das habe ich noch ein bisschen ergänzt: Mit Schwerpunkt Humor. Ich glaube, das wird mir halbwegs gerecht.

Ist Ihr neues Buch „Teemännchen“ mit Kurzgeschichten der Versuch, endgültig ein ernsthafter und ernst zu nehmender Schriftsteller zu sein?

Den ernstzunehmenden Versuch habe ich schon einigermaßen gut mit dem „Goldenen Handschuh“ gemeistert, so wurde mir jedenfalls bescheinigt. Das Buch ist jetzt der Level, auf dem ich angekommen bin, und ich hoffe, dass es als literarisch wahrgenommen wird.

Warum ausgerechnet Kurzgeschichten, die manchmal sogar arg kurz geraten sind?

Weil es eine Form ist, die ich beim Schreiben noch nicht bedient habe. Dabei komme ich ja eigentlich von einer kurzen Form, vom Songtext oder vom Telefonat. Ich habe Kurzgeschichten sei es von Botho Strauß, Charles Bukowski oder Ernest Hemingway selber gern gelesen, und wollte das unbedingt machen. Ich finde die Idee des Aussparens und Weglassens, die Hemingway das Eisbergmodell nannte, total gut. Wohlwissend, dass sich solche Bücher in Deutschland für gewöhnlich nicht gut verkaufen.

Ihr Roman „Zum Goldenen Handschuh“ wurde von Kritikern als „Quantensprung“ Ihrer Arbeit als Autor geadelt. Ist das so?

Naja, es gab davor schon ein paar Bücher, die leider untergegangen sind. Zu nennen wäre da vor allem der Roman „Junge rettet Freund aus Teich“, der hat ja leider gar keine Beachtung gefunden. Das finde ich wirklich ein herausragendes Buch. Auch literarisch. Einige Kritiker zum Beispiel in der FAZ haben schon wahrgenommen, dass ich längst nicht mehr nur der lustige Heinzi bin, der seine Schützenfestanekdoten aufschreibt. Aber für die breite Wahrnehmung kam das wohl erst mit dem „Handschuh“, weil der so erfolgreich war.

Der Roman erzählt die Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka und sein Leben im wohl  heruntergekommensten St. Pauli Milieu der Siebziger. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Seit ich privat 2009 zum ersten Mal im „Goldenen Handschuh“ war und auch relativ schnell mit dem Wirt Sascha Nürnberg ins Gespräch kam, dem Enkel des Gründers, lernte ich da so viele verrückte Sachen kennen, die überwiegend unterhaltsam und originell waren. Aber natürlich ist ein Buch aus gesammelten lustigen Begebenheiten nicht tragfähig. Dann bin ich auf Honka gestoßen, der mir noch aus der Zeit in Erinnerung war als ich zwölf oder vierzehn war. Seine Geschichte und der „Handschuh“, in dem ich ungefähr 200 Mal war, das war die Geschichte, so hat sich das ergeben.

Muss man das Milieu auch irgendwie mögen, um so tief einzudringen?

Irgendeine Zugewandheit und vielleicht sogar grundsätzliche Menschenliebe gehört wohl dazu. Es gibt da aber auch Menschen, die sind einfach nicht liebenswert, die kann auch ich nicht sympathisch finden, richtig schlimme Typen. Ich hätte Honka sicher auch nicht liebenswert oder sympathisch gefunden. Dann gibt es da aber eben auch ganz rührende Leute, alte Omas, Stammgäste seit 30 Jahren, die kommen mit ihren Behördenschrieben vorbei, weil sie die nicht verstehen und fragen: „Was soll ich denn machen, Sascha?“ Und dann wird Ihnen geholfen. Da bildet sich auch noch etwas das alte St. Pauli ab, in dem man sich unter die Arme greift. Das habe ich zuhauf erlebt und das rührt mich schon.

Die Arbeit an dem Buch hat Jahre gedauert, Sie haben insgesamt 18 Fassungen und Versionen geschrieben – was war daran so kompliziert?

Der Ton macht die Musik. Ich bin da immer sehr streng mit mir. Und bei dem „Handschuh“ war das ganz schwierig, eine angemessene Tonalität zu finden. Im Milieu muss man sich wieder anders artikulieren als wenn man über Reeder schreibt. Ich habe auch lange recherchiert über das untergegangene Vokabular der siebziger Jahre und sehr viel mit den Menschen geredet. Geschichten über solche Typen kann man sich ja gar nicht ausdenken.

Das Buch wird zur Zeit von Fatih Akin verfilmt, ist das so etwas wie eine Adelung?

Das freut mich natürlich schon sehr, dass er das macht, es gab auch andere Interessenten. Fatih hat ja immer viele Projekte, die er machen könnte. Die Entscheidung ist gefallen, als ich mal mit ihm in den „Goldenen Handschuh“ gegangen bin, er kannte den Laden überhaupt nicht. Als sich dann so eine Frau da hinsetzte, die ein Honka-Opfer hätte sein können, und ihre Lebensgeschichte erzählte, das war so ein Abend, der echt anrührend war.

Warum haben Sie nach dem Abitur eigentlich keinen ernsthaften Beruf erlernt oder studiert?

Wegen psychischer Probleme. Ich bin nach dem Abi zur Bundeswehr gegangen. ich hatte mich beworben für das Heeresmusikkorps und war auch genommen worden. Als ich zum Grundwehrdienst nach Marburg eingezogen wurde, bekam ich dort schwere Depressionen. Die war vorher schon da, eigentlich hätte ich gar nicht tauglich gemustert werden dürfen. Aber die Bundeswehr hat alles verschärft. Dieses ewige Rumgeschnauze, dass man seine Rechte praktisch an der Kaserne abgeben musste, die unglaubliche Anstrengung, das hat alles potenziert. Mit den Nachwirkungen einer Psychose hatte ich dann viele Jahre zu tun. Normal wäre ich ausgemustert worden und hätte dann studiert. Aber es ging einfach nicht. Ich war krank. Ich habe mir damals nicht vorstellen können, 30 zu werden.

Wie wichtig ist Hamburg für Sie und Ihre Arbeit? Typen, Themen, Trivialitäten – alles typisch Hamburg?

Wenn ich in Berlin Düsseldorf oder München groß geworden wäre, dann würden meine Sachen sicher ganz anders klingen. Das Hamburgische und Norddeutsche ist eine starke Prägung, das ist schon der Humus hier.

Hätten Sie in ihrem Leben gern was anders gemacht?

Ich hätte gern die ersten 20 Jahre stark eingekürzt weil so wenig passiert ist. „Tiffanys“ waren ja nicht zwei  sondern zwölf Jahre immer die gleichen Abläufe. Vielleicht hätten ja auch drei oder maximal vier Jahre ausgereicht, so ein Buch zu schreiben. Ich wär‘ tatsächlich gern zehn Jahre jünger, für das, was ich noch so vorhabe.

PERSÖNLICH

Erfolg ist....

....mit seiner Arbeit zufrieden und ausgesöhnt zu sein.

Heiraten ist...

...das ungefähr Überflüssigste, was ich mir vorstellen kann, das ändert sich auch nicht mehr.

Freundschaften sind...

....für mich nur noch Lebensendpartnerschaften. Bei Geld hört die Freundschaft für mich nicht auf. Ich finde, bei Geld fängt sie erst an, das ist die Prüfung jeder Freundschaft.

Hochachtung habe ich..

...generell vor Menschen, die ohne Ansehen der eigenen Person Gutes tun und anderen helfen.

Glück ist...

.. ein Zustand den man im Leben in seiner reinen Form leider nur etwa zehn Mal für kurze Momente erreichen kann.

Rentner werden....

...ist für mich ausgeschlossen, weil ich dem Helmut-Schmidt-Prinzip verpflichtet bin und wahrscheinlich so lange machen werde, bis ich tot umfalle oder zu krank bin.

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