Ein Jahr „Elphi“ in Hamburg : Intendant Christoph Lieben-Seutter: „Man kann die Architektur förmlich hören“

Intendant Christoph Lieben-Seutter über den Spitznamen „Elphi“: „Ich habe den Widerstand mittlerweile aufgegeben.“

Intendant Christoph Lieben-Seutter über den Spitznamen „Elphi“: „Ich habe den Widerstand mittlerweile aufgegeben.“

Im Interview spricht Intendant Christoph Lieben-Seutter über den Ärger mit dem Ticketverkauf und den Spitznamen „Elphi“.

shz.de von
05. Januar 2018, 21:13 Uhr

Ich konnte Sie vor gut einem Jahr beobachten, als Sie bei einem Testkonzert, zu dem auch Hafencity-Anlieger eingeladen waren, während des gesamten Konzerts durch die Reihen gingen, um offenbar die Akustik aus den verschiedenen Winkeln des Saals wahrzunehmen. Erinnern Sie noch, was damals in Ihnen vorging?
Ich kann mich noch gut erinnern. Es war eines von drei Testkonzerten mit Publikum, wenige Wochen vor der Eröffnung der Elbphilharmonie. Bis dahin hatte ich den Großen Saal bei Orchesterproben ohne Publikum erlebt, aber die Atmosphäre und auch die Akustik verändert sich mit Publikum grundlegend. Zum ersten Mal den vollbesetzten Saal zu erleben, war ein unvergessener, bewegender Moment.

Sie sind seit 2007 Intendant der Elbphilharmonie und waren wohl weltweit der einzige Intendant, der über Jahre ein Engagement ohne Konzerthaus hatte. War das unbefriedigend?
Die Geschichte ist gut, stimmt aber nicht ganz, weil ich ja von Anfang an auch Intendant der Laeiszhalle war und somit auch in den Jahren der Bauverzögerung ein Konzerthaus hatte. Aber natürlich nicht das, für das ich nach Hamburg gekommen war. Es war eine extrem spannende Zeit, in der es viel zu lernen galt. Vor allem aber hätten wir mit der Elbphilharmonie nie einen so guten Start hinbekommen, wenn wir nicht schon ein paar Jahre Übung gehabt und ein tolles Team aufgebaut hätten. Wir waren in jeder Hinsicht startklar, insofern hat die Vorbereitungszeit durchaus ihr Gutes gehabt. Allerdings hätte sie nicht so lang sein müssen.

Gab es Momente in der Zeit vor der Eröffnung, in denen Sie nicht mehr an ein gutes Ende geglaubt haben?
Es gab eine Phase, in der sich die Stadt sehr unsicher war, ob sie mit dem Unternehmen Hochtief weiterbauen will. Eine Trennung hätte leicht zu einem jahrelangen Rechtsstreit führen können, der die Baustelle total blockiert hätte. Mir war immer klar, dass ich an dem Projekt festhalten möchte, auch wenn es ein paar Jahre länger dauert als ursprünglich geplant. Wenn es aber gar keine Perspektive mehr gegeben hätte, wäre es vorbei gewesen. Es ist zum Glück für Hamburg und alle Beteiligten nicht so gekommen.

Was war Ihr Highlight des ersten Jahres?
Ach, da gab es viele bewegende Momente. Sehr schön war etwa, als wir nach der Eröffnung der Plaza und noch vor den Testkonzerten ein kleines Konzert und eine Party für die Mitarbeiter der Bau- und Planungsfirmen veranstaltet haben. Eben für all die Leute, die auch zehn Jahre an dem Projekt gearbeitet haben und es dann loslassen mussten. Das war ein sehr emotionaler Moment.

Und Ihre größte Enttäuschung?
Insgesamt hat alles wesentlich besser funktioniert als es zu erwarten war. Enttäuschend war höchstens das ein oder andere Konzert, das den künstlerischen Erwartungen nicht entsprochen hat. Doch bei Hunderten von Konzerten kann man diese Fälle an einer Hand abzählen.

Und Ihre größte Überraschung?
Es gab viele grandiose Überraschungen. Vom Jörg Widmans „Arche“ und dem ersten internationalen Gastspiel mit dem Chicago Symphony Orchestra über das berührende Konzert von Anohni bis zu den Open-Air-Übertragungen im vergangenen Sommer. Wir haben immer an unser Programm und die Künstler geglaubt, aber wirklich sicher ist man künstlerisch erst am Ende der Aufführung – und natürlich mit einem begeisterten Publikum.

Was wäre nicht passiert, wenn nicht Sie Intendant dieses Hauses wären?
Dann hätte es wohl ein anderes künstlerisches Programm gegeben. Was das Haus betrifft, so konnte ich viele kleinere Themen noch in der Planung unterbringen, unter anderem das Kaistudio im Kaispeicher. Und ich habe verschiedene Aspekte der Zugänglichkeit der Elbphilharmonie für Besucher immer wieder hinterfragt, was letztlich zu Lösungen geführt hat, die heute sehr gut funktionieren.

Gewöhnt man sich eigentlich daran, in einem Haus von Weltrang zu arbeiten?
Als Intendant des Wiener Konzerthauses war ich elf Jahre lang für eines der größten Konzerthäuser der Welt verantwortlich. Insofern ist die Größe des Betriebs nicht neu für mich, aber die Elbphilharmonie ist natürlich ein einmaliger Platz. Das wird mir jeden Tag immer wieder neu bewusst. Mein Arbeitsplatz hier ist schon ziemlich einzigartig.

Sie haben mehrfach gesagt, dass die Elbphilharmonie etwas über Hamburg hinaus verändern wird. Was war das in Ihrem ersten Jahr?
Der Stellenwert von Musik und Kultur in unserer Gesellschaft hat sich verändert, daran hat die Elbphilharmonie durchaus einen Anteil. Allein, dass für Konzerte so ein einzigartiges Gebäude gebaut wurde, ist ein wichtiges Signal.

Und warum strahlt dieses Signal über Hamburg hinaus?
Die gelungene Mischung aus individueller gelungener Architektur, dem richtigen Standort und den zwei besonderen Konzertsälen machen das Erlebnis vor Ort zu etwas Besonderem. Das Publikum hat sofort verstanden, dass hier etwas Einzigartiges erlebbar wird. Das zeigt auch die unglaubliche Nachfrage und internationale Berichterstattung über die Elbphilharmonie. Deutsche Musik- und Konzertveranstalter berichten uns, dass sie auch in anderen Städten deutlich mehr Karten verkaufen, seit es die Elbphilharmonie gibt.

Braucht denn Musik ein so spektakuläres Gebäude, um so viel wachsende Aufmerksamkeit zu bekommen?
Sagen wir mal: Es hilft. Ein besonders einmaliges Gebäude wertet die Inhalte auf, egal, ob es sich um ein Konzerthaus oder ein Museum handelt. Das macht es in den Augen der Menschen interessanter. Das Wichtige, auch in der Elbphilharmonie, ist: Man kommt nicht nur einmal, um sich das spektakuläre Gebäude anzusehen, sondern die Menschen fühlen sich wohl, sind gern hier, kommen immer wieder. Insofern zahlt es sich aus, darüber nachzudenken, im welchem Kontext Kunst stattfindet, und dass man nicht nur einen Raum braucht, der physikalisch geeignet ist, sondern der auch eine große Aufenthaltsqualität ermöglicht. Das macht den Besuch zu einem runden Gesamterlebnis und führt dazu, dass Gäste gern und häufig wiederkommen.

Ist Hamburg durch die Elbphilharmonie eine Weltstadt geworden?
Das ist ein hoher Anspruch. Sicher hat sie Hamburg in der internationalen Wahrnehmung ein Stück nach vorn gebracht.

Wien ist eine Musikstadt, München auch. Wie erklären Sie sich die Euphorie nach anfänglicher Ablehnung ausgerechnet in Hamburg?
Nun ja, am Anfang waren die Hamburger ja schon sehr begeistert von der Idee der Elbphilharmonie. Erst als am Bau einiges schiefgelaufen ist, sind sie als gut rechnende Kaufleute zu Recht skeptisch geworden. Und jetzt kommen alle und stellen fest: „Wow, es ist toll, in diesem Saal eine Sinfonie zu hören. Es bereichert das Leben. Das machen wir jetzt öfter.“ Für uns ist ja die Wiederholung das Entscheidende. Denn plötzlich gehen Tausende von Hamburgern nicht nur zu Weihnachten ins Konzert, sondern öfter im Jahr. Ich glaube, dass dem Publikum gerade unser vielfältiges und manchmal nicht so gängiges Konzertprogramm gefällt und ans Herz gewachsen ist. Die Elbphilharmonie macht viele Besucher offener dafür, etwas erleben, was sie noch nicht kennen.

Im Fußball sagt man: Das zweite Jahr ist schwieriger als das erste. Trifft das auf Ihre Intendanz auch zu?
Das glaube ich nicht, aber es wird nicht immer alles eitel Sonnenschein bleiben. Die enorme Begeisterung, die wir derzeit erleben, wird früher oder später nachlassen. Weil aber die Nachfrage momentan zigmal so hoch ist wie das Angebot, werden wir so bald nicht vor leeren Rängen sitzen. Aber während das Haus derzeit überrannt wird, werden wir in zwei, drei Jahren einen Normalzustand erreicht haben, so dass man dann auch wieder Karten für die Konzerte bekommt, die man gern hören möchte. Die werden dann am Ende hoffentlich auch ausverkauft sein. Doch erst kurz vorher und nicht ein Jahr im Voraus.

Finden Sie die Kritik am Ticketverkauf berechtigt?
Ja, sicher. Das treibt uns auch um. Es gibt ja immer wieder neue Konzerte im Verkauf, aber die Karten sind so schnell wieder vergriffen, dass es nicht leicht ist, welche zu ergattern. Nur: So lange die Nachfrage so irre ist, lässt sich daran kaum etwas ändern.

Müssen Sie sich ein anderes Ticketkonzept überlegen, um nicht zu viele Leute zu vergraulen, die kein Ticket bekommen können?
Bei besonders stark nachgefragten Veranstaltungen haben wir das System bereits umgestellt, indem wir die Karten nicht direkt verkaufen, sondern zwei Wochen lang nur Bestellungen entgegennehmen. Wenn dann mehr Bestellungen als Plätze vorhanden sind, entscheidet der Computer nach dem Zufallsprinzip, wer die Tickets bekommt. Das führt zwar auch zu Enttäuschungen, aber wir bekommen wesentlich weniger Beschwerden als vorher, wo Leute stundenlang angestanden haben und dann doch keine Karte bekommen haben.

Die verstorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler hat gesagt, die Elbphilharmonie sei architektonisch so beeindruckend, dass sie die Musik fast nicht mehr brauche. Das könnte stimmen ...
... mit dieser Aussage kann ich gut leben. Die sehr organischen, inspirierenden, phantasievollen Formen – insbesondere im großen Saal der Elbphilharmonie – sind geradezu prädestiniert für ein außergewöhnliches Musikerlebnis. Man kann die Architektur förmlich hören. Musik und Architektur befruchten sich gegenseitig. Manchmal birgt es das Risiko, dass Menschen irritiert sind, weil sie nicht wegen der Musik in ein Konzert kommen, sondern weil es im großen Saal der Elbphilharmonie stattfindet. Demgegenüber stehen aber Zigtausende, die aus demselben Anlass erstmals in ein Konzert gehen und von der Musik total begeistert sind. Der positive Effekt überwiegt die Irritation, die es gelegentlich gibt, bei weitem.

Was ist ihr künstlerischer Anspruch für das kommende Jahr?
Wir bleiben neugierig. Für tolle künstlerische Ereignisse spielt immer die Überraschung, das Abenteuer eine große Rolle. Es ist langweilig, im Konzert das zu bekommen, das man zuhause schon auf der CD gehört hat. Man möchte etwas live und neu erleben. Die Bandbreite des Programms bleibt deshalb auf jeden Fall erhalten. Es geht darum, den Reichtum der Musik vor den Menschen auszubreiten und zu zeigen, was es etwa außer Beethoven noch alles gibt. Und dass es Künstler gibt, die zwar keine großen Namen haben, die aber trotzdem ganz, ganz toll sind.

Sie waren direkt nach der Schule selbstständiger Softwareberater und dann Assistent des damaligen Intendanten des Wiener Konzerthauses geworden. Hilft eine gewisse Bodenständigkeit in Ihrem Geschäft?
Mir hilft heute, dass ich den Beruf von der Pike auf gelernt habe. Ich habe so gut wie jede Tätigkeit, die im Haus anfällt, schon einmal selbst gemacht. Insofern habe ich viel Know-how und auch viel Verständnis für die Abläufe im Haus.

Worin besteht der Hauptteil Ihrer Arbeit?
Ich bin als Intendant gemeinsam mit meinem Co-Geschäftsführer Jack Kurfess für das Ganze verantwortlich. Mein Aufgabenbereich ist insbesondere das künstlerische Programm sowie Marketing, Öffentlichkeitarbeit und Sponsoring. Das heißt einerseits, das Haus nach außen zu repräsentieren, die Mitarbeiter zu fordern und zu fördern. Es ist sicher andererseits auch meine Aufgabe, immer wieder neu zu definieren, was die Welt vom Haus erwartet. Mir gelingt es, glaube ich, ganz gut, mein Insiderwissen abzustreifen und mit der Distanz und aus der Perspektive eines Hamburgers, eines Besuchers oder Musikinteressierten kritisch auf das Haus zu schauen. Vieles lässt sich verbessern oder der Zeit anpassen. Aber mit dem Start bin ich sehr zufrieden. Wir bekommen viel positives Feedback, haben aber natürlich in der ersten Spielzeit auch noch Kinderkrankheiten organisatorisch-technischer Natur. Im Großen und Ganzen kommt das Haus aber sehr gut an.

Was vermissen Sie als Wiener in Hamburg?
Die Berge. Ich wandere leidenschaftlich gern und fahre Ski. Sonst vermisse ich nichts. Ich fühle mich sehr wohl in Hamburg.

Stimmt es eigentlich, dass Sie die den Spitznamen Elphi nicht mögen?
Ja, das habe ich mal gesagt, aber ich habe den Widerstand mittlerweile aufgegeben (lacht). Die Verniedlichung eines so gewaltigen, imposanten Gebäudes fand ich unpassend.

Zuletzt hat es öffentlich Unruhe gegeben, weil Thomas Hengelbrock, der Dirigent des Elbphilharmonie-Orchesters beleidigt ist und nun schon im kommenden Jahr sein Pult räumt. Verstehen Sie ihn?
Ich kann nachvollziehen, dass er unglücklich über die kurzfristige Ankündigung seines Nachfolgers war. Ich finde es trotzdem schade, dass er so reagiert hat. Das Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent ist nicht so zerrüttet, dass er früher hätte Schluss machen müssen. Sie hatten gemeinsam eine tolle Zeit und haben viel bewegt. Dass es nach acht Jahren Zusammenarbeit Zeit für den nächsten Schritt ist, ist ganz normal. Nur die unglückliche Art und Weise der Verkündung hat für böses Blut gesorgt, was eigentlich überhaupt nicht nötig gewesen wäre.

Erst Anfang Dezember habe wir gesehen, dass die Elbphilharmonie noch mehr sein kann, etwa ein Laufsteg für Chanel. Die ZEIT schrieb daraufhin von einer Mehrzweckhalle von überragender ästhetischer und marketingeffizienter Strahlkraft. Gefällt Ihnen diese Umschreibung?
Nicht so ganz. Die Elbphilharmonie ist für klassische Konzerte gebaut, aber es war von vornherein klar, dass jedes Jahr auch einige wenige herausragende Anlässe anderer Natur stattfinden können. Chanel fand ich dafür sehr passend, weil Mode auch Kunst und Karl Lagerfeld eine Hamburger Legende ist. Außerdem haben wir eine unbezahlbar gute PR und noch mehr internationale Aufmerksamkeit bekommen. Das macht aus dem Haus noch lange keine Mehrzweckhalle.

Würden Sie sich mehr von solchen Veranstaltungen wünschen?
Nein, drei- bis viermal im Jahr kann es große geschlossene Veranstaltungen für geladene Gäste geben. Das ist so geplant und trägt zur Kostendeckung bei. Bei über 600 Konzerten im Jahr ändern die paar Abende am Profil der Elbphilharmonie gar nichts.

Gibt es eigentlich ein Lebensmotto, das Ihnen Kraft und Ruhe gibt?
Damit kann ich leider nicht dienen.

Beginnen Sie diesen Satz:

Ich kann am besten entspannen...  wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht entspannen muss.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg...  ist im großen Saal in der Elbphilharmonie.

Typisch für die Hamburger ist...  ein sehr trockener Humor.

Als Wiener vermisse ich in Hamburg...  die Berge. Ich wandere leidenschaftlich gern und fahre Ski. Sonst vermisse ich nichts. Ich fühle mich sehr wohl in Hamburg.

Ich halte mich fit... Wenn ich behaupten würde, ich treibe viel Sport, wäre das geschummelt (lacht). Nein, ich bin ein Mensch der Mitte; von allem nicht zu viel und nicht zu wenig, ganz langweilig.

Meine Stärke ... ist Gelassenheit.

Mein Laster...  ist Faulheit.

Musik... ist ein Lebensmittel – jederzeit und immer.

Heimat...  Wherever I lay my hat, that's my home.

Ich kann mich ärgern... über meine Fehler.

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