Hamburg : Inbrunst statt Perfektionismus: Der angesagt Männerchor „Goldkehlchen“

<p>Aus vollen Kehlen und mit viel Spaß und Leidenschaft singen die „Goldkehlchen“.</p>
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Aus vollen Kehlen und mit viel Spaß und Leidenschaft singen die „Goldkehlchen“.

Lieder von Hans Albers sind nicht dabei, dafür Shantys, Songs von Michael Jackson, Guns n‘ Roses, Münchner Freiheit.

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12. April 2018, 20:05 Uhr

Hamburg | Auf der Reeperbahn nachts um halb zehn. Über den Dächern des Kiez wird aus gut geölten (Gold)-Kehlen geschmettert, was das Zeug hält. Lieder von Hans Albers sind nicht dabei, dafür Shantys, Songs von Michael Jackson, Guns n‘ Roses, Münchner Freiheit.

Chorprobe bei den Hamburger Goldkehlchen. Eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe zwischen 20 und 45. „70 Männer und keiner kann singen“, kokettieren sie auf Facebook. Das stimmt zwar nicht ganz, denn manche singen richtig gut. Trotzdem: Voraussetzung für die Aufnahme sind weder Chorerfahrung noch eine tolle Stimme.

<p>Eher Surfer-Typ als Chorknabe: Flemming Pinck in seinem Laden.  </p>
Foto: Dagmar Gehm

Eher Surfer-Typ als Chorknabe: Flemming Pinck in seinem Laden. 

„Wichtig ist, dass sie Energie einbringen“, sagt der hauptberufliche Chorleiter Christian Sondermann (38), einzig professioneller Musiker der Gruppe. „Schon beim Casting achten wir darauf, dass die neuen Mitglieder zu uns passen“. Ziemlich locker sind sie drauf, die Studis, Werbe- oder Medienleute. Die meisten sind auch sportlich aktiv, sogar zwei Hockey-Olympiasieger sind darunter – Jan Philipp Rabente und Nicolas Jacobi. Und Typen wie Flemming Pinck, der eher wie ein kalifornischer Surfer aussieht als ein Chorknabe.

Es begann mit einem Facebook-Aufruf

Flemming, der auf der Schanze sein eigenes Mode-Label „Inferno Ragazzi“ betreibt, spielt im Team der Hockey Bundesliga, wie auch sein Kumpel und Chor-Mitgründer Max Michel. „Bei einem Karaoke-Abend auf dem Kiez haben wir uns gedacht, wie cool es wäre, wenn wir einen Chor hätten, bei dem wir Songs singen, die wir bei Karaoke oder im Radio gern mitschmettern“, erzählt der 30-jährige. „Da wir gut vernetzt sind, haben wir auf Facebook einen Aufruf gestartet.“

Von vornherein war klar, dass sie keine Mädels aufnehmen würden. „Obwohl wir echt viele Anfragen haben“. Im September 2016 war dann die Feuertaufe. „Seitdem haben die Goldkehlchen enorm an Fahrt aufgenommen.“

Erfolg ging durch die Decke

Mit Inbrust und Leidenschaft statt Perfektionismus und Professionalität. Der Erfolg ging durch die Decke – aus rund 700 Anfragen nach Auftritten sich der angesagteste Chor Hamburgs inzwischen die Rosinen herauspicken. Die Einnahmen werden größtenteils gespendet – an die Hamburger Tafel und an Kirchen. Der Rest wandert in die Chorkasse. Obwohl sie für die Getränke, die durch die durstigen Männerkehlen rinnen, schon Sponsoren gefunden haben. 

Einmal im Jahr, im Februar, ist Casting. „Da werden sogar Bestechungsgeschenke in Form von Kuchen und Schnaps mitgebracht“, grinst Flemming. „Wer in die Auswahl kommt, muss in einer dreimonatigen Probezeit zeigen, wie gut er die Texte lernt. Aber im Vordergrund steht immer der Spaß“.

Beginnt das Vogel-Goldkehlchen schon vor Sonnenaufgang zu jubilieren, ist der Gesang der menschlichen Namensvettern eher am Abend zu hören. Scheint die Existenz des Vogels mit der orange-roten Brust ungefährdet, trifft das auch auf den Fortbestand des Chors zu, denn an Bewerbern mangelt es nicht. So ist auch die wöchentliche Probe richtig gut besetzt, dicht an dicht stehen sie nach Stimmen aufgeteilt: Tenor, Bariton, Bass. 14 Songs haben sie in petto, drei bis vier Proben brauchen sie, bis ein Song richtig sitzt.

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