St. Pauli : Illegales Zeltlager am Kiez aufgelöst

Im Nobistor-Park auf St. Pauli campierten 50 bis 60 bulgarische und rumänische Familien. Jetzt soll das Camp aufgelöst worden sein.

shz.de von
13. Juni 2014, 18:13 Uhr

Hamburg | Offenbar hatten sich die Osteuropäer nach der lebhaften öffentlichen Diskussion in der Stadt entschlossen, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken und weiterzuziehen. Wohin? Unklar. Schon einmal hatten einige der Menschen innerhalb Hamburgs nur das Lager gewechselt und waren von Wilhemsburg nach St. Pauli gekommen.

Die Behörden waren dann ahnungslos hinsichtlich des abrupten Endes der Camps aus Zelten, Matratzen und Autos. Vor knapp drei Wochen waren die Familien im Nobistorpark am Westende der Reeperbahn angerückt, darunter Schwangere, Kleinkinder und Kinder. Nur einen Steinwurf vom Touristenmagneten Reeperbahn entfernt. Überwiegend handelte es sich um Roma aus Rumänien und Bulgarien. Als EU-Bürger dürfen sich die Osteuropäer in Deutschland aufhalten und nach Arbeit suchen, haben laut Sozialbehörde aber keinerlei Anspruch auf eine öffentliche Unterbringung oder auf Sozialleistungen. Der Bezirk Altona sah von einer Räumung ab, obwohl Campen auf öffentlichem Grund untersagt ist.   

Die Grünfläche grenzt an den Jüdischen Friedhof an der Königstraße, den Hamburg zum Weltkulturerbe angemeldet hat. Unter einem Überstand hatten die Männer und Frauen Zelte aufgeschlagen und Matratzen ausgelegt, direkt neben einem Spielplatz. Wäsche hing zum Trocknen aus, Müll lag herum. Wer genau hinschaute, entdeckte Fäkalien im Gebüsch. Um zumindest die hygienischen Verhältnisse zu verbessern, ließ die Bezirksverwaltung ein halbes Dutzend Dixie-Klos aufstellen.

Mehrere betagte Transporter mit bulgarischen und rumänischen Kennzeichen parkten in der Nähe und dienten  als Behausungen. Tagsüber machten sich die meisten der Zeltbewohner auf, um Geld zu verdienen und Lebensmittel zu besorgen. Anwohner beklagten sich über bettelnde Roma-Frauen und Kinder in ihren Treppenhäusern. Andere Mitglieder der Gruppe verdienten sich ein paar Euro mit dem Putzen von Autoscheiben an den großen Kreuzungen der Stadt.

Nachbarn beschwerten sich bei den Behörden über die Zustände im Park. „Auf Dauer ist das unhaltbar“, hatte Bezirkssprecherin Kerstin Godenschwege noch am Donnerstag gesagt. Wie in anderen, öffentlichkeitswirksamen Fällen auch, ließen Bezirk und Polizei die Menschen aber einstweilen gewähren. Zuletzt hatte die Stadt mehr als zwei Jahre lang beim Occupy-Zeltlager in der Innenstadt beide Augen zugedrückt.   

Akuten Handlungsbedarf hinsichtlich der minderjährigen Mitglieder der Gruppe sahen die Ämter zumindest nicht. Eine Überprüfung habe ergeben, dass die Kinder ausreichend versorgt würden. Einige der Bulgaren und Rumänen hatten sich zuvor über Monate in Wilhelmsburg auf dem sogenannten Arbeiterstrich für Gelegenheitsjobs angeboten.

Hamburgs Diakonie begleitete die Vorgänge am Nobistor mit großer Sorge und nahm sich der Gestrandeten an. Tagelang warnte Diakonie-Vorstand Gabi Brasch vor einer Räumung: „Die Menschen brauchen erstens schnell Hilfe und das heißt vor allem: ein Dach über dem Kopf. Familiengerechte Unterbringung ist das Gebot der Stunde.“ Es gehe schließlich um EU-Bürger, die in Hamburg Arbeit suchten. Der pauschale Hinweis der Behörden, die Osteuropäer hätten keinerlei Rechtsansprüche  hierzulande,  sei falsch. Brasch: „Jeder Einzelfall muss von den Behörden genau geprüft werden.“   Auch das Obdachlosenmagazin „Hinz & Kunzt“ forderte die Stadt auf, den Familien eine Unterkunft zu stellen. Es dürfe nicht sein, dass in einer der reichsten Städte Deutschlands Familien mit Kindern in Zelten leben müssten, befand „Hinz & Kunzt“-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer.

Die Grünen-Bürgerschaftsfraktion drängte den Senat zu einer unbürokratischen Lösung. „Wir dürfen nicht zulassen, dass kleine Kinder, Babys und Schwangere in unserer Stadt auf der Straße leben“, sagte die sozialpolitische Sprecherin, Katharina Fegebank. Eine Räumung könne keine Option sein: „Platzverweise verschieben nur das Problem, lösen es aber nicht.“ Auch die Links-Fraktion verlangte Hilfe für die Osteuropäer. Die Abgeordnete Cansu Özdemir sagte: „Unfassbar, dass der Senat die Situation ignoriert.“

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