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Interview zum Saisonfinale : HSV-Boss Heribert Bruchhagen: „Ich erwarte Respekt vor der Leistung des HSV“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Vorstandsvorsitzende spricht über die Krise des HSV, die Zukunft der Bundesliga und die Gründe für sein Engagement beim Traditionsklub.

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2017 | 17:00 Uhr

Hamburg | Die riesen Enttäuschung über das 0:0 gegen Mainz im vorentscheidenden Abstiegsduell wiegt noch schwer, als Heribert Bruchhagen zum Gespräch in seinem Büro im Volksparkstadion empfängt. Fünf Monate nach seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden steckt der HSV – wieder einmal – tief in der Krise. Kein Geld, kein Erfolg, keine Punkte. Da bleibt es nicht aus, dass mehr über die sportliche Lage und den Verein gesprochen wird, als ursprünglich geplant. Dabei bietet die Karriere des Westfalen eigentlich genug Gesprächsstoff.

Spieler, Trainer, Manager und Vorsitzender, unter anderem bei Schalke 04, Arminia Bielefeld und Eintracht Frankfurt, zwischendurch mal einige Jahre Lehrer – Bruchhagen hatte viele Herausforderungen zu bestehen, bevor er sich im besten Rentenalter noch die des Hamburger Traditionsklubs aufbürdete. Schon einmal, von 1992 bis Ende 1994 war er Manager an der Elbe. „Nein“, sagt Bruchhagen entschieden, seine Rückkehr habe er „in keinster Weise bereut“. Vom HSV habe er vor seiner Vertragsunterschrift im Dezember „ein klares Bild gehabt, ich wusste um die prekäre Situation“. Und ja, er wäre wohl auch gekommen, „wenn man mir damals gesagt hätte, die Situation zwei Spieltage vor Schluss ist so wie sie heute ist“.

Und wie ist die? Bruchhagen vertraut seiner Mannschaft. Es gebe „keine kategorische Aussage“ von ihm, „aber ich bin fest überzeugt davon, dass wir genug Potenzial und die spielerische Qualität in der Mannschaft haben, um in den beiden ausstehenden Spielen zu bestehen und uns darüber hinaus notfalls auch in der Relegation durchsetzen“, sagt der Fußballlehrer. Kategorisch!

Gehören Sie eigentlich zu der Kategorie Männer, die im Ruhestand nichts anzufangen wissen mit ihrer vielen freien Zeit?
Bruchhagen (lacht): Ein bisschen was ist da sicherlich dran. Ich war auf diesen Ruhestand nicht so gut vorbereitet. Ich habe kein Seniorenstudium in Münster angestrebt, ich bin in keinem Kegelklub, keinem Literaturklub oder Kartenklub. Ich war immer sehr stark auf meinen Beruf fixiert und bin dann in die Heimat zurückgekehrt, in der eine gewisse Enge eingetreten ist.

Eigentlich hatten Sie doch in Frankfurt vor einem Jahr gesagt, irgendwann muss mal Schluss sein.
Das war ja lange vorbereitet, und ich hatte mir ein Bild gemalt, wie mein Ruhestand aussehen könnte: Fahrradfahren, morgens Zeitungen und Brötchen holen, ein bisschen Golf spielen, reisen mit meiner Frau. Das habe ich auch alles gemacht und bis September war das sehr gut. Dann aber kam Oktober, November, und dann wurde der Tag sehr lang.

War die Entscheidung für Hamburg mehr eine für den HSV oder eine für die Stadt, in der Ihre Töchter und ihr Enkel zuhause sind, und in der Sie gern viel Zeit verbracht haben.
Es ist ja kein Zufall, dass ich seit 25 Jahren Mitglied beim HSV bin. Und es ist auch klar: Wenn es nicht der HSV gewesen wäre, zu einem dritten Verein wäre ich nicht mehr gewechselt.

Was können Sie besser als andere Vorsitzende, Präsidenten, Manager, Sportdirektoren, die in den letzten zehn Jahren in Hamburg gescheitert sind?
Nichts. Ich bin nur länger dabei. Das heißt, die Vorgänge, die Aufgeregtheiten, die Diadochenkämpfe, die divergierenden Strömungen in einem Traditionsverein sind mir sowohl aus Schalke als auch aus Frankfurt bekannt, alle Abläufe und Vorgänge sind für mich nicht neu.

Ich habe gelernt, damit umzugehen und, dass man Vereinbarungen, Verträge, Konstellationen nicht nur aus der Situation heraus beurteilen kann. Alle Vorgänger haben doch nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, und ich schließe mich niemals dieser nachgeordneten Kritik an, weil diejenigen die alles kritisieren, weder die Protokolle, noch die Inhalte, noch die Entscheidungsgrundlagen auf dem Schirm haben.

Haben Sie sich die Aufgabe beim HSV so schlimm vorgestellt?
Wieso ist die schlimm? Unsere Mannschaft spielt nicht gut...

...schlimm genug. Und die finanzielle Situation ist auch nicht rosig.
Stimmt. Und das war mir auch bekannt, ich war ja schließlich 15 Jahre im Lizensierungsausschuss der Bundesliga. Aber ob ich jetzt das Amt antrete oder ein anderer hätte ja nichts an der wirtschaftlichen Konstellation geändert. Im Gegenteil: Ich verwahre mich sogar dagegen, dass der Verein als chaotisch bezeichnet wird. Das ist falsch.

Dieser Verein ist sehr groß aufgestellt, ob das immer ein Vorteil ist, ist eine andere Frage. Er ist sehr gut durchorganisiert, alle Abteilungen, alle Abläufe sind klar strukturiert. Der Verein ist also keinesfalls chaotisch, sondern er bleibt weit hinter den sportlichen Leistungen zurück, die man von ihm erwarten kann.

Trotzdem war das Ergebnis in den letzten Jahren, egal wie die Vorsitzenden, Manager, Trainer oder Spieler hießen, immer das gleiche: Durcheinander, Erfolglosigkeit und auch Chaos. Was ist das eigentlich für ein Virus, von dem Hamburg ergriffen scheint, wenn es um den HSV geht?
Das kann man nur selbstkritisch beurteilen. Es kann doch nicht sein, dass wir in den letzten zehn Jahren zwölf Trainer mit Abfindungen versehen haben. Die können ja nicht alle schlecht gewesen sein. Als der HSV 1983 den Europapokal der Landesmeister gewonnen hat, lag der Etatunterschied zum FC Bayern bei 30 Prozent. Heute liegt er bei 500 Prozent.

Ich habe noch als Manager bei Schalke neun Millionen Mark Fernsehgelder bekommen so wie alle anderen 17 Bundesligavereine auch. Heute hat es eine Explosion der Fernsehgelder gegeben und eine Spreizung zwischen den Vereinen, diesen Zug hat der HSV damals verpasst.

Das bedeutet, außer dass es an Geld fehlt?
Dass es eine sportliche Erwartungshaltung in der Stadt gibt, die aus der Vergangenheit herrührt, die aber die finanzielle Situation nicht mehr zulässt. Es ist ein schwieriger Spagat, Menschen erklären zu müssen, warum etwas nicht mehr geht, und gleichzeitig den Wunsch nach sportlichem Erfolg aufrecht zu erhalten. Und wenn jetzt Uli Hoeneß noch sagt, der eigentliche Konkurrent des FC Bayern München dürfte nur der HSV sein, dann tut uns das richtig weh, weil es überhaupt nicht mehr mit den Tatsachen übereinstimmt.

Trotzdem haben wir erlebt, dass eine Reihe guter Spieler in Hamburg eher schlechter geworden ist und junge Spieler ihre Klasse erst bei anderen Vereinen finden.
Stimmt auch. Der HSV besetzte bei der Zusammenstellung der Mannschaft immer wieder Stellen mit fertigen Spielern und räumte damit den jungen Spielern keinen Platz ein. Das was wir in Mainz, in Augsburg, in Freiburg erleben, um nur einige zu nennen, passierte hier nicht, weil man immer namhafte Spieler von anderen Vereinen holte, um schneller Erfolg zu haben.

Verderben eine Weltstadt wie Hamburg mit seinen attraktiven Möglichkeiten zur Ablenkung und ein Verein wie der HSV mit seinen Gehältern den Charakter junger Spieler?
Wenn Spieler, die bisher 100 Euro verdient haben, beim HSV 200 Euro bekommen, an der Elbchaussee oder an der Alster wohnen, beim Italiener den Tisch freigeräumt bekommen und einen großen Dienstwagen fahren, und sich auch noch die Frauen ausgesprochen wohlfühlen beim Shopping in Hamburg, denken manche vielleicht, wir haben’s geschafft.

Die Spieler sind zwar immer noch in dem festen Glauben, das beste und alles auf dem Rasen zu geben, aber manch einer, der so ein gesetteltes Moment wie in Hamburg erlebt, ist im Unterbewusstsein nicht mehr in der Lage, eine Streetfighter-Mentalität zu entwickeln, die noch mehr Willenskraft mobilisiert so wie sie die jungen Spieler in den anderen Vereinen auf dem Weg nach oben in die Waagschale werfen.

Können Sie den Reiz der Stadt zurzeit eigentlich noch privat genießen mit Ihrer Frau oder den Kindern?
Ich hab ja den großen Vorteil, dass ich eine öffentliche Person bin und manchmal eingeladen werde zum Beispiel zum Hafengeburtstag. Und ich bin auch so in der Stadt unterwegs...

...und werden überall angequatscht und konfrontiert mit der Lage des HSV?
Ja klar, aber das gehört dazu. Außerdem habe ich ein Sprachkleid entwickelt, mit dem ich mich ganz charmant schützen kann. Und wenn es ganz hart wird, dann stelle ich die Gegenfrage: Sagen Sie mal, warum sind Sie eigentlich Senator geworden und nicht Bundesligamanager, so wie Sie mir das alles erklären spricht doch alles dafür, dass Sie erfolgreich wären. Dann gehen alle erst mal einen Schritt zurück.

Wie hoch ist Ihr Herzinfarktrisiko derzeit beim HSV?
Ich bin Raucher, von daher war ich auch schon bei Eintracht Frankfurt so einem Risiko ausgesetzt. Aber an Spieltagen und während des Spiels bin ich schon sehr angespannt. Meine Frau arbeitet intensivst daran, dass ich nicht oder weniger rauche, und ich setze dem Stress intensiv Sport entgegen, ich laufe zwei-, dreimal die Woche sechs, sieben, acht Kilometer, je nach Verfassung, und versuche mich aus dem Alltag zu lösen.

Und morgens, wenn ich durch die Stadt ins Büro fahre, versuche ich mir immer wieder zu sagen: Du hast es selbst gewollt und es gibt viele Dinge, die Dir trotz allem ein angenehmes Leben bescheren.

Bayern, Dortmund und zwei drei andere Klubs werden zur neuen Saison wieder hohe dreistellige Millionenbeträge investieren. Wird die Wettbewerbsungleichheit nicht immer größer?
Trotzdem kommen ja nach wie vor 54.000 Menschen ins Stadion wie bei uns letzten Sonntag. Es geht schon gar nicht mehr um die Erwartungshaltung, wer Meister wird.

Entfernt sich der Fußball mit seinen astronomischen Millionensummen nicht immer mehr von den Menschen auf den Rängen, die dafür zahlen sollen, wie Thomas Tuchel mal gesagt hat?
Ihre Fragestellung ist ein Relikt aus den 60er, 70er, 80er Jahren, wo das Bundesligageschehen noch rein sportliche Motive hatte. Sie haben die alten Werte des Fußballs vor Augen, damals wurde auch gepfiffen, wenn es zur Halbzeit 0:0 stand im Volksparkstadion. Da waren aber auch nur 18.000 Zuschauer da. Heute haben wir 53.000 und den so genannten Dauersupport. Nur ein Teil unseres Publikums liest noch den „Kicker“ oder hat früher selbst in der Kreisklasse, Bezirks- oder Landesliga gespielt. Heute ist Fußball ein gesellschaftliches Ereignis.

Für eine nachhaltige Lösung beim HSV brauchte es  auch personelle Kontinuität an der Spitze. Kann das ein 70jähriger auch im Falle eines Abstiegs leisten?
Ich habe einen Vertrag bis 2019 abgeschlossen, der dem Verein und mir jederzeit die Möglichkeit gibt, Kontinuität zu zeigen oder auch ihn aufzulösen. Als mich die Aufsichtsräte verpflichtet haben, sind die sicher Szenario Eins, Klassenerhalt, aber auch das Szenario Zwei durchgegangen. Ich habe in der Vergangenheit bewiesen, dass ich auch mit einem sportlichen Rückfall sehr gut umgehen kann.

Das Hamburger Abendblatt hat in einer Leserumfrage festgestellt, dass 77 Prozent der Teilnehmer finden, der HSV habe diesmal den Abstieg verdient. Wie geht es Ihnen damit?
Ich stelle ja auch fest, dass in Fußballdeutschland so ein Vorurteil besteht. Das ist absurd. Im Gegenteil: Ich erwarte, dass man großen Respekt vor der Leistung des HSV hat, als einziges Mitglied vom ersten bis zum heutigen Tag durchgehend in der Bundesliga zu sein. Darin steckt auch eine positive Leistung, um das zu erreichen. Das kann bis auf den FC Bayern München, der nie abgestiegen ist, kein anderer Verein von sich behaupten.

Heribert Bruchhagen...persönlich

Die Elbphilharmonie ist...ein tolles Wahrzeichen für Hamburg, das ein Meilenstein weit über eine Generation hinaus sein wird. Und der Michel ist ja inzwischen auch etwas angestaubt.

Zur Entspannung muss ich am liebsten...joggen an der Alster. Aber ich mache mich dabei unkenntlich. Nach Kilometer drei, vier setzt bei mir ein Wohlbefinden ein, nach Kilometer acht verkehrt sich das wieder ins Gegenteil.

HSV-Mitglied zu sein bedeutet für mich...stolz auf die 54-jährige Bundesligazugehörigkeit und sicherlich eine gewisse Abwehrhaltung gegen die Kritik an den sportlichen Leistungen der letzten fünf Jahre, auch wenn die enttäuschend sind.

Am liebsten bin ich mit meiner Familie...auf Juist. Wir sind große Juist-Fans, ich war als Kind schon auf der Insel, meine Frau auch, und ebenso meine Kinder. Diese Insel hat was ganz besonderes.

Ultras und Pyro sind...Zeiterscheinungen, die einer Jugendbewegung geschuldet sind, die wahrgenommen werden möchte und sich gegen das Fußball-Establishment auflehnt. Und den Verein viel Geld kosten.

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