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Charakterwechsel in 30 Sekunden : Hinter den Kulissen des Schmidt Theaters

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Unser Reporter blickt vor der Aufführung von „Königs vom Kiez“ mit der Wedeler Schauspielerin Maraile Woehe hinter die Kulissen des Schmidt Theaters in Hamburg.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2015 | 11:00 Uhr

Hamburg | Jede Geste,  jeder Ton sitzt, die Bewegungen sind perfekt aufeinander abgestimmt, die Spielfreude ist allen Akteuren anzumerken – so kennen die Zuschauer die „Königs vom Kiez“. Seit September 2013 läuft die Musicalkomödie über den Alltag der prolligen Familie König im Stadtteil St. Pauli und das Leben auf dem Kiez. Leichtigkeit und ein Hauch Glamour sind das Markenzeichen der Aufführungen im Hamburger Schmidt Theater. Auf der Bühne wirkt alles ganz entspannt und leicht. Doch vor dem Applaus des Publikums stehen harte Arbeit, viel Akribie und eine logistische Meisterleistung.

Das gilt auch für Maraile Woehe. Die Wedelerin spielte in der Kiezkomödie bereits etwa 50-mal die Rolle der liebestollen Bertha Possehl, die für eine heiße Nacht mit dem Käpt’n, dem ständig betrunkenen Familienoberhaupt der Königs, alles tun würde. Der furiose Auftritt auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ist aber nur die Kür. Vorher steht die Pflicht. Die beginnt bereits auf der Fahrt von Wedel nach Hamburg. „Im Auto probe ich das Singen“, sagt sie. Dabei sei sie so laut, dass die Menschen an den Kreuzungen irritiert zu ihr schauten. „Selbst bei geschlossenen Fenstern“, berichtet Woehe.

Im Schmidt Theater beginnt die heiße Phase etwa eine Stunde vor der Show. Während es auf der Bühne und den Zuschauerrängen vor allem gut aussehen muss, zählt hinter den Kulissen nur eins: Praktisch muss es sein. Über Treppen und enge Gänge gelangt man in die zwei Garderoben. Eine für die Frauen, eine für die Männer. Mehrere Spiegel, davor ein Tisch und Stühle, Kleiderständer mit den Kostümen, Schminkutensilien, Ablageflächen – nur das Nötigste befindet sich dort. Bevor aus Maraile Woehe die prollige Bertha wird, ist einiges zu tun. „Ich mache fast alles selbst“, erklärt Woehe. Los geht’s mit dem Umziehen. Die eigene Kleidung ausziehen, dafür Jogginghose und Leoparden-Oberteil anziehen. Fertig.

Nora Altmann (r.) unterstützt Maraile Woehe bei der Verwandlung in ihre Rolle Bertha Possehl. (Foto: Zimmermann)
Nora Altmann (r.) unterstützt Maraile Woehe bei der Verwandlung in ihre Rolle Bertha Possehl. (Foto: Zimmermann)
 

Danach wird’s  schwieriger und die Schauspieler sind auf die Unterstützung aus der Maske angewiesen. Woehes lange Haare müssen zumindest für einige Stunden weg. Also werden sie in vielen kleinen Schnecken am Kopf festgesteckt. Darüber kommen ein Haarnetz und das Mikrofon mit einem hautfarbenen Kabel, das für das Publikum nicht zu sehen ist. Der Sender wird unter dem Leopardenoberteil befestigt. Das Schminken übernimmt Woehe selbst – unterstützt von Nora Altmann aus der Maske. Nun fehlt nur noch die Perücke und Maraile hat sich endgültig in Bertha verwandelt. „Früher spielte ich die jungen Geliebten, jetzt die schrägen Tanten“, sagt Woehe schmunzelnd. Konzentriert, aber immer gut gelaunt und mit einem Spruch auf den Lippen. Die Schauspielerin ist jemand, der sich selbst nicht so ernst nimmt und andere mit ihrer guten Laune ansteckt. Das zeigt sich auch auf der Bühne. „Ich liebe es, andere zum Lachen zu bringen“, sagt sie. Für Schauspieler sei es selbstverständlich, dass in ihren Figuren auch etwas von ihrem Charakter stecke. „Jeder gibt seiner Rolle ein eigenes Gesicht.“

Die Vorbereitung auf die Aufführung endet nicht in der Garderobe, sondern geht direkt hinter der Bühne weiter. Fast alle Darsteller der „Königs vom Kiez“ müssen ständig die Kostüme wechseln und spielen unterschiedliche Rollen. So ist Woehe nicht nur die liebestolle Bertha, sondern zwischendurch auch noch die strenge Notarin Frau Dr. Winkelmann, die den Königs kurz vor der Pleite und dem Rausschmiss aus der Wohnung einen Lottogewinn beschert. Insgesamt achtmal muss sie während einer Vorstellung das Outfit wechseln. „Manchmal habe ich dafür nur 30 Sekunden Zeit.“ Als Schauspieler muss man also in der Lage sein, ganz schnell aus den Klamotten zu schlüpfen. Dabei muss jeder Handgriff sitzen. Kleiderständer mit Kostümen, Perücken, Requisiten – direkt hinter der Bühne befinden sich noch allerlei Kleinigkeiten, die unverzichtbar sind. Und ganz schnell greifbar sein müssen.

Auf der Bühne: Maraile Woehe spielt die Rolle der liebestollen Bertha Possehl. (Foto: Zimmermann)
Auf der Bühne: Maraile Woehe spielt die Rolle der liebestollen Bertha Possehl. (Foto: Zimmermann)
 

Zeit zum Luftholen und zum Sammeln für den nächsten Auftritt bleibt selbst dann nicht, wenn die eigenen Figuren mal Pause haben. Woehe sucht sich vor der Show alles raus, was sie braucht und hängt es an die Garderobe direkt hinter einem der Abgänge, durch den die Schauspieler von der Bühne in den Backstagebereich gelangen.  Nicht mal eine Minute dauert es, bis die prollige Bertha zur strengen Notarin wird. Dabei steht ihr nur ganz wenig Platz zur Verfügung. Denn direkt hinter der Bühne ist es mächtig eng.

So geht es bei den Proben nicht nur um Text, Gesang und Mimik. „Ich musste üben, mich schneller umzuziehen.“ Kleine Pannen sind aber nicht ausgeschlossen. So hat Woehe einmal beim wilden Tanzen  auf der Bühne ihre Perücke verloren. „Zum Glück bei der Generalprobe“, sagt sie. Die Zuschauer bekommen von dem Stress hinter den Kulissen nichts mit. Und das soll auch so sein. Denn Theater ist für das Publikum nun mal eben vor allem Glanz und Glamour.

Die Musicalkomödie „Die Königs vom Kiez“ ist noch bis zum 14. November im Hamburger Schmidt Theater zu sehen. Weitere Aufführungen folgen Anfang 2016. Tickets können unter der Nummer 040-31778899 oder im Internet bestellt werden.
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