Hamburger Innenstadt : Hightech-Mülleimer: Problem für Flaschensammler

Mit Solarenergie gegen Abfall: Die neuen Mülleimer in der Hamburger Innenstadt haben ein größeres Fassungsvermögen und eine integrierte Müllpresse.
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Mit Solarenergie gegen Abfall: Die neuen Mülleimer in der Hamburger Innenstadt haben ein größeres Fassungsvermögen und eine integrierte Müllpresse.

Sie stinken nicht, sie ziehen keine Ungeziefer an – dennoch sind die neuen Mülleimer in Hamburg vielen ein Dorn im Auge. Flaschensammlern machen sie das Leben schwer. Auch Kiel testet die neuen Solar-Mülleimer.

shz.de von
10. Juni 2014, 11:11 Uhr

Hamburg / Kiel | „Große Klappe, viel dahinter“ und andere markige Sprüche sind auf den bulligen, fast 1,5 Meter großen Hightech-Tonnen mit Bügelgriff an der Front zu lesen. Die knallrot oder schwarz lackierten Mülleimer stehen seit einiger Zeit in den Innenstädten von Hamburg und Kiel. In ihrem Innersten steckt eine mit Sonnenenergie betriebene Müllpresse. Sie verhindert, dass man hineingreifen kann. Damit haben Sammler von Pfandflaschen nun ein Problem.

 „Diese Mülleimer machen Menschen, die Pfandflaschen sammeln, das Leben schwer“, sagt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer vom Hamburger Straßenmagazin „Hinz und Kunzt“. Durch die Presse hätten sie keine Chance mehr, an die Pfandflaschen zu kommen. Wie bei einem Altkleidercontainer verhindere eine bewegliche Klappe den Eingriff. Nicht nur Obdachlose, auch immer mehr Rentner seien auf diese zusätzliche Einnahmequelle angewiesen, sagt Karrenbauer. „Wer kein Pfand mehr sammeln kann, rutscht sozial noch weiter ab.“ Seit der Einführung der Hightech-Müllschlucker seien die Sammler komplett aus der Hamburger Innenstadt verschwunden.

Für die Solar-Papierkörbe hatte die Hamburger Stadtreinigung scharfe Kritik aus der Bevölkerung geerntet. Rund 700 Menschen richteten eine Online-Petition zur Unterstützung von Flaschensammlern an Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). „Wir hatten nicht die Absicht, die Flaschensammler aus der Innenstadt zu vertreiben“, so der Sprecher der Stadtreinigung, Andree Möller. Kiel hat sich im Mai 15 Solar-Mülleimer zugelegt, die in der City testweise in der Fußgängerzone stehen. Das Pfandflaschenproblem habe man auch an der Förde im Blick, sagt Rolf Eichholz vom Abfallwirtschaftsbetrieb. „Die Kieler Innenstadt ist aber generell keine Szene für Flaschensammler“, sagt Eichholz. Außerdem sei nur ein sehr kleines Areal mit den neuen Mülleimern bestückt worden. Die 15 Solar-Mülleimer stünden über 2000 offenen Abfallbehältern gegenüber.

Beim Straßenmagazin für Schleswig-Holstein „Hempels“ habe es bisher keine Beschwerden von Obdachlosen über die Solar-Mülleimer gegeben, sagt Geschäftsführer Reinhard Böttner. Der Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel testet momentan die Standorte der Solar-Mülleimer, „Manche der neuen Behälter sind erst nach fünf Tagen voll, andere nach drei Tagen“, sagt Eichholz. Ihren Füllstand melden sie per Funk an die Entsorgungsbetriebe. Am Behälter selbst zeigt eine Ampel die Befüllung an. Mit den neuen Müllschluckern, von denen ein Exemplar sechs bis sieben kleine alte ersetzt, spare man sich nicht nur zusätzliche Leerungen. „Sie schützten den Inhalt auch sehr viel besser gegen Vandalismus.“ 

Der Hamburger Entsorgungsbetrieb hat inzwischen testweise eigens entwickelte Pfandregale an 10 der 160 neuen Mülltonnen angebracht, um zumindest einigen Flaschensammlern entgegenzukommen. Seitlich an den Abfallbehältern befestigt, haben die Regale Platz für fünf Flaschen. Allerdings stehe die Stadtreinigung dem Pfandregal noch skeptisch gegenüber, sagt Möller. „Wir hoffen, dass die Sammler und ihre Unterstützer mithelfen, dass die Pfandbehälter nicht vermüllt werden.“ Sozialarbeiter Karrenbauer zeigt sich erfreut, weil Flaschensammler nun nicht mehr im Müll wühlen müssten: „Ein Pfandregal ist viel hygienischer und sicherer“.

Ein Schnäppchen sind die Hightech-Behälter nicht: 5000 Euro kostet einer. „Dennoch sind die neuen Mülleimer wirtschaftlich rentabel“, sagt der Sprecher der Hamburger Stadtreinigung. Bei Veranstaltungen seien die alten Behälter in Sekundenschnelle rappelvoll gewesen. „Überquellende Papierkörbe gehören jetzt der Vergangenheit an. Damit haben wir auch ein ästhetisches Problem gelöst“, sagt Möller.

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