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Altkanzler gestorben : Helmut Schmidt ist tot: Sein Leben in neun Videos

vom

Mit 96 Jahren ist Helmut Schmidt in Hamburg gestorben. Ein Rückblick auf sein bewegtes Leben.

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erstellt am 10.Nov.2015 | 15:24 Uhr

Zigarette, Prinz-Heinrich-Mütze und dieses herzliche Lächeln: Helmut Schmidt hat Deutschland über Jahrzehnte geprägt – als Politiker und Elder Statesman. Seine intellektuelle, abgeklärte Art hat sich der Hamburger bis zuletzt in Interviews bewahrt. Deutschland hat seinen Welterklärer verloren. Helmut Schmidt ist am Dienstag im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. shz.de blickt in neun Videosequenzen auf sein Leben zurück.

1962: Helmut Schmidt, der Krisenmanager während der Sturmflut in Hamburg

(ab Minute 4:10)

Während der Sturmflut 1962 in Hamburg wird Helmut Schmidt bundesweit als Innen- und Polizeisenator bekannt. Das Amt hat er erst seit zwei Monaten inne, dennoch geht er als großer Krisenmanager in die Geschichte ein. Obwohl er eigentlich nicht dazu befähigt ist, fordert Schmidt Hilfe von der Bundeswehr und der Nato an. Die Kontakte hat er noch aus seiner Zeit als Offizier im Zweiten Weltkrieg. Er ruft Lauris Norstad an, Nato-Oberbefehlshaber in Europa, und Admiral Bernhard Rogge, Befehlshaber im Wehrbereichskommando I. Schon kurze Zeit später treffen Soldaten im Krisengebiet ein. Schmidt wird in dem Zusammenhang mit den Worten zitiert: „Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen.“ Mit seiner unbürokratischen Art rettete er so wahrscheinlich vielen Menschen das Leben. Insgesamt gab es 340 Tote.

1966: Helmut Schmidt, der neue SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag

In der Sendung „Zur Person“ interviewt Günter Gaus 1966 Helmut Schmidt, damals frischgebackener SPD-Fraktionsvorsitzender. Bei der Wahl 1965 hatte Schmidt ein Bundestagsmandat bekommen und legte daraufhin sein Amt als Senator in Hamburg nieder. Ludwig Erhard wurde Bundeskanzler, die SPD war in der Opposition. Schmidt war im Schattenkabinett von Willy Brandt gehandelt worden. Im Interview erklärt Schmidt unter anderem, warum er von Hamburg nach Bonn gewechselt ist. In einem persönlicheren Part erzählt Schmidt außerdem, wie der Krieg ihn in die SPD geführt hat.

In Minute 18:50 zündet sich Schmidt ganz selbstverständlich eine Zigarette an. Damals war das normal, zuletzt genoss Schmidt als einziger Prominenter im deutschen Fernsehen eine Sonderbehandlung und durfte weiterhin zum Glimmstengel greifen.

1969: Helmut Schmidt, der Bundesminister

Bei der nächsten Bundestagwahl 1969 wird Willy Brandt erster Bundeskanzler der SPD. Die Sozialdemokraten koalieren mit der FDP und Schmidt wird Bundesminister der Verteidigung.

Für die Sendung „Das politische Studio“ wird Schmidt 1969 interviewt. „Was fasziniert Sie besonders an der Politik?“, fragt der Reporter. In seiner markanten intellektuellen und unaufgeregten Art lässt sich Schmidt Zeit für die Antwort: „Das ist gar nicht so leicht, darauf druckreif zu antworten, Herr Mönning. Ich glaube, es sind mindestens zwei Dinge.“ Es sei eine ungeheure Befriedigung, für das öffentliche Wohl tätig zu sein. Und außerdem: „Politik ist Kampfsport.“ Der Reporter hakt weiter nach: „Ist das ein bisschen der Macht nach laufen, ein Zipfelchen der Macht mitergreifen wollen?“ Schmidts Antwort: „Was den Punkt Macht angeht, bin ich mir nicht ganz gewiss. [...] Beteiligt sein am Handeln, das ist schon ein sehr großer Reiz, jedenfalls empfinde ich ihn so.“

Helmut Schmidt hat ab sofort Macht und Gelegenheit, zu handeln: In seiner Amtszeit wird der Grundwehrdienst von 18 auf 15 Monate verkürzt und die Gründung der Bundeswehruniversitäten in Hamburg und München beschlossen. Am 7. Juli 1972 wird Schmidt nach dem Rücktritt von Karl Schiller Finanz- und Wirtschaftsminsiter.

1974: Helmut Schmidt, der Bundeskanzler

Nach dem Rücktritt Willy Brandts wählt der Bundestag Helmut Schmidt am 16. Mai 1974 mit 267 Ja-Stimmen zum fünften Kanzler der Bundesrepublik. Der Wechsel im Amt ändere nichts an der fortgeltenden Richtigkeit und Notwendigkeit sozialliberaler Politik in Deutschland, erklärt Schmidt in seiner Regierungserklärung. In einer Zeit weltweit wachsender Probleme müsse man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Kontinuität und Konzentration erklärt Schmidt als die Leitlinien seiner Politik. Im Anschluss würdigt Schmidt die Leistung Willy Brandts. Seine Reformpolitik habe in einem knappen halben Jahrzehnt mehr an gesellschaftlichem Fortschritt gebracht als eine andere Regierung in einem gleichen Zeitraum. Damit spielt Schmidt auf die Ostpolitik seines Vorgängers an.

Schmidts erste große Herausforderung als Bundeskanzler besteht in der Lösung der Ölkrise: Im Jahr vor seiner Kanzlerschaft stieg der Ölpreis zum ersten Mal rasant an. Grund dafür war vor allem der Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten. Schlagartig erkannten die westlichen Länder ihre Abhängigkeit vom Öl. Obwohl die Bundesrepublik noch einigermaßen mit der Krise fertig wird, gibt es seit Mitte der 70er Jahre in Westdeutschland erstmals wieder eine größere Zahl von Arbeitslosen.

Helmut Schmidt erkennt, dass sich die wirtschaftlichen Probleme nur in Zusammenarbeit vieler Länder bewältigen lassen würden. Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing – mit dem Schmidt auch privat befreundet ist – begründete er 1975 regelmäßige Treffen der wichtigsten Wirtschaftsnationen. Diese jährlichen Weltwirtschaftsgipfel gibt es bis heute.

1976: Helmut Schmidt, der private Architekt

Zum 57. Geburtstag bekommt Helmut Schmidt Besuch von Journalisten in seinem Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn. Was aus heutiger Sicht bei Angela Merkel unvorstellbar klingt, ist auch damals bei Schmidt nicht an der Tagesordnung. Doch er zeigt sich offen, plaudert mit den Reportern über die Konzeption seinen Hauses, an der er selbst mitgewirkt hat und zeigt seine bunte Pfeiffensammlung.

1977: Helmut Schmidt, der RAF-Gegner

Die wohl größte innenpolitische Herausforderung für Schmidt als Kanzler ist die Auseinandersetzung mit den Terroristen der „Roten Armee Fraktion“ (RAF). Zahlreiche Morde erschüttern im Herbst 1977 die Bundesrepublik. Die RAF entführt Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer, um die Freilassung von Häftlingen zu erpressen. Parallel dazu entführt eine arabische Terrorgruppe ein Flugzeug der Lufthansa – auch sie wollen die RAF-Häftlinge freipressen.

Schmidt leitet den großen Krisenstab, um das Leben Schleyers zu retten. Am Ende befreit eine deutsche Spezialeinheit die Passagiere des nach Mogadischu entführten Flugzeugs – daraufhin ermordeten die RAF-Terroristen den entführten Schleyer. Nachdem die Freipressung fehlgeschlagen ist, bringen sich die inhaftierten Terroristen in ihren Gefängniszellen um.

Schmidt übernimmt die politische Verantwortung für den Tod Schleyers. In einer Fernsehansprache wendet sich der Bundeskanzler an die Entführer: „Sie mögen in diesem Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollten sich nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chancen, denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des gesamten Volkes.“ Schmidt lässt an seiner Meinung keinen Zweifel: „Der Staat muss darauf mit aller notwendigen Härte antworten.“

Während der Entführung hatte er immer wieder erklärt, dass sich der Staat nicht erpressen lassen dürfe. Später sagt Schmidt, er wäre noch in der Nacht zurückgetreten, wenn die Befreiung der Geiseln in Mogadischu fehlgeschlagen wäre.

1982: Helmut Schmidt, der Alleingelassene

Nach 13-jähriger Zusammenarbeit bricht am 17. September 1982 die sozialliberale Regierung in Bonn vor allem wegen Differenzen in der Wirtschaftspolitik auseinander. Die FDP entscheidet sich für die CDU/CSU als neue Koalitionspartnerin. Am 1. Oktober wird Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt. Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl übernimmt das Amt des Regierungschefs.

Dem Misstrauensvotum geht eine sechsstündige Debatte im Bundestag voraus. In einer seiner wohl emotionalsten Reden (im Video ab der 2. Minute) beschuldigt Schmidt die FDP des Wortbruchs und der Täuschung. Zwei Jahre zuvor hätten die Liberalen mit ihrem Bekenntnis zur Fortsetzung der sozialliberalen Koalition „ein sehr gutes Wahlergebnis erzielt“ und den „Willen zum Zusammenwirken“ für weitere vier Jahre ausdrücklich bekräftigt, sagt der Sozialdemokrat. Seit August 1981 sei aber der Vorsitzende der FDP „zielstrebig und schrittweise“ von allen früheren Erklärungen abgerückt. „Über viele Jahre, Herr Kollege Genscher, werden die Bürger Ihnen dieses Verhalten nicht vergessen.“

Dem Wechsel in Bonn ging ein monatelanges Siechtum der Regierung voraus. Angesichts der schwersten Wirtschaftskrise seit 1949 erschien die Bonner Führung kaum noch handlungsfähig. Außerdem gibt es innenpolitische Auseinandersetzungen über den Nato-Doppelbeschluss. Schmidt befürchtete, die Fähigkeit der Sowjetunion, Westeuropa atomar angreifen zu können, ohne dabei seine Schutzmacht USA in Mitleidenschaft zu ziehen, könnte auf Dauer zu einer Entkoppelung der amerikanischen von den europäischen Sicherheitsinteressen führen. Er drängte daher auf den Doppelbeschluss, der die Aufstellung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa vorsah, dies aber mit einem Verhandlungsangebot an die Sowjetunion verband, beiderseits auf diese Waffensysteme zu verzichten. Dieser Beschluss ist in der Bevölkerung sehr umstritten.

1986: Helmut Schmidt, der neue  Altkanzler

Am 10. September 1986 hält Helmut Schmidt seine Abschiedsrede im Bundestag. Über das Leben nach seiner Zeit als Regierungschef spricht Schmidt in der NDR-Talkshow und gibt sich dabei herzlich entspannt. Zum Beispiel als Moderator Herrmann Schreiber Probleme bei der Ansprache des Ex-Bundeskanzlers zugibt („Herr Schmidt, ich habe immer noch Probleme bei der Anrede“) wird er von Schmidt unterbrochen: „Bleiben Sie mal bei Schmidt.“

Als Herrmann wissen will, was ein ehemaliger Bundeskanzler nun in seiner Freizeit mache, gerät Schmidt ins Plaudern: „Ich hatte früher einen 16-Stunden-Tag, heute sind es im Durchschnitt zehn.“ Das komme seinen Hobbys, seiner Frau Loki und seinem Schlaf zu gute. Er lese viel, mache Musik und er schreibe an „längerfristigen Dingen, für die man ein bisschen Muße braucht und Abgeschlossenheit“. Helmut Schmidt schreibt in der Folge zahlreiche Bücher. Bereits seit 1983 arbeitete Schmidt als Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Ernst wird als Schmidt mit Schnupftabak verstopfter Nase gesteht, dass er während der Flugzeugentführung der „Landshut“ nach Mogadischu „die Nerven verloren und einfach losgeheult“ habe (ab Minute 9:00).

2010: Helmut Schmidt, die moralische Instanz für Deutschland

Der Besuch in der NDR-Talkshow sollte der erste und letzte bleiben. Kurios, denn in den folgenden Jahren wird Helmut Schmidt einer der beliebstesten Gesprächpartner von Journalisten und genießt laut einer Spiegel-Umfrage von 2010 als „moralische Instanz“ hohes Ansehen. Als Moderatorin Sandra Maischberger Schmidt mit dem Ergebnis konfrontiert, gesteht der Altkanzler: „Es ist mir ein bisschen unangenehm.“

Doch Schmidt hat sich dieses Standing selbst erarbeitet. Seit seinem Karriereende im Bundestag mischte sich Schmidt immer in die Tagespolitik ein und vertrat auch unpopuläre Meinungen. So befürwortete der Kettenraucher die friedliche Nutzung der Kernenergie, beklagte die übermäßige deutsche „Regulierungswut“ und bezeichnete die multikulturelle Gesellschaft als eine „Illusion von Intellektuellen“. Die Debatte um die globale Erwärmung nannte er „Hysterie“.

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