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Zum Tod des Altkanzlers : Helmut Schmidt: Ein Weltbürger im Reihenhaus

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Zuneigung und doch Distanz – diese Mischung war bezeichnend für das Verhältnis der Hamburger zu ihrem Ex-Kanzler.

Hamburg | Die Hamburger hielten bis zum Schluss respektvoll Abstand zu ihrem wohl populärsten Mitbürger. In den vergangenen beiden Tagen, als Altkanzler Helmut Schmidt mit dem Tod rang, gab es keinen Menschenauflauf vor seinem Reihenhaus in Langenhorn. Keine Kerzen, ein einziger dünner Strauß aus roten Rosen lag bis gestern Mittag in der offenen Gartenpforte am Neubergerweg. Erst als sich die Nachricht vom Tod des 96-Jährigen am frühen Nachmittag verbreitete, legten die Hanseaten die Zurückhaltung ab. Dutzende kamen in das kleinbürgerliche Wohnviertel im Norden der Stadt, brachten schweigend Blumen und Kerzen und erinnerten sich an den Verstorbenen. „Er hat mich mal in den Arm genommen, als er zur Wahl ging“, berichtete Nachbar Andreas Heylik mit Tränen in den Augen. Schmidt sei für ihn „einer der größten Politiker, die es je gegeben hat“. In diesem Sinne äußerten sich die meisten der Trauernden. „Ein großartiger Mensch, seine Frau hat immer gegrüßt“, sagte eine Nachbarin. Andere erzählten von Begegnungen mit den Schmidts in der Langenhorner Kirchengemeinde. 

Zuneigung und doch Distanz – diese Mischung war bezeichnend für das Verhältnis der Hamburger zu ihrem Ex-Kanzler. Der gebürtige Hamburger Jung - 1918 in Barmbek zur Welt gekommen - war durch und durch ein Sohn der Stadt. Nicht aus der noblen Kaufmannschaft stammend zwar, sondern aus einem Lehrerhaushalt, und doch im Tun und Denken hanseatisch wie kaum einer in den vergangenen Jahrzehnten. Mit „Treue und Stolz“ benannte Helmut Schmidt einmal seine Gefühle für die Vaterstadt. Hamburg habe ihn erzogen und geprägt. Er schätzte die Mischung aus Weltläufigkeit und Wertkonservatismus, aus persönlicher Bescheidenheit und Verantwortung für das Gemeinwohl – und handelte danach.

Die Quelle für die unerschütterliche Verehrung der Bürger ist schnell ausgemacht. In einer katastrophalen Februarnacht des Jahres 1962 rettete Schmidt als Hamburgs Innensenator mit klarem Blick und energischem Durchgriff während der verheerenden Sturmflut Hunderten, vielleicht Tausenden das Leben. Der Aufstieg zum Bundespolitiker von Rang war absehbar, ja unaufhaltsam. Doch der als Krisenmanager unübertroffene Kanzler kappte auch im Bonner Zenit der Macht die Wurzeln nie – ganz im Gegenteil. Mehrfach rückten in Langenhorn in den 1970ern und 80ern Polizei und Bodyguards an, um das Reihenhaus von Helmut und Loki abzuschirmen. Schmidt empfing Staatsbesucher dann nur zu gern und demonstrativ nicht in mondänen Sälen, sondern in bürgerlicher Umgebung. Persönliche Bescheidenheit eben, wie er sie verstand. 

Und die Hanseaten honorierten es mit Stolz für ihren Helmut. Wie er Weltpolitik machte mit dem Elbsegler auf dem Kopf, Staatsmann war und doch erdverbundener Barmbeker blieb.

1983 machte die Freie und Hansestadt den im Jahr zuvor gestürzten Kanzler zu ihrem Ehrenbürger. Später benannten sie noch zu Lebzeiten die Universität der Bundeswehr nach dem ehemaligen Bundesverteidigungsminister. Nach der Politikerkarriere war dieser an die Elbe zurückgekehrt. Natürlich. Der Weltökonom und nun angehende Elder Statesman wurde Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ und blieb es bis zuletzt. Von seinem Büro im Verlagsgebäude am Speersort blickte er auf den Domplatz, dort wo einst die Hammaburg, mithin die Wiege Hamburgs stand.

Es war eben jener Platz, der den Politiker a.D. im Jahr 2006 zu einer der ganz wenigen Einmischungen in die Stadtpolitik veranlassen sollte. Als der damalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) dort einen kantigen Glasklotz planen ließ, zürnte „Schmidt Schnauze“ über Geschichtsvergessenheit und globalisierte Allerweltsarchitektur, derlei Effekthascherei widerspreche Hamburger Kultur. Basta. Die Pläne wanderten in den Papierkorb.

Helmut Schmidt war da längst schon eine Institution - und klug genug, sich nie in die Angelegenheiten seiner streitsüchtigen und oft provinziellen Hanse-SPD zu stecken. Auf Landesparteitagen traf man ihn nicht. Den letzten Ausflug in die Kommunalpolitik machte der schon über 90-Jährige Anfang 2011 im Wahlkampf für Olaf Scholz – einer seiner Nachfolger im Geiste. Pragmatiker wie Scholz und der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück – auch ein Hamburger – schätzte der Macher über alles. „Helmut Schmidts Rat war für mich immer besonders wertvoll“, formulierte Scholz gestern aus dem fernen China.

Die Stadt wird auf Hamburger Weise dem Verstorbenen gedenken. Am Mittwoch ab 10 Uhr haben die Bürger Gelegenheit, sich in der Rathausdiele in Kondolenzlisten einzutragen. Und auch wenn es für den Altkanzler womöglich einen Staatsakt geben wird, darf als sicher gelten: Auf einer Trauerfeier im Michel werden die Hamburger Gelegenheit bekommen, sich von Schmidt zu verabschieden. So wie 2010 von seiner Ehefrau Loki.

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erstellt am 11.Nov.2015 | 08:05 Uhr

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