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Interview mit Weihnachtshasser : Harmonie-Stress an Weihnachten, und warum Männer das Fest als Untertan begehen sollten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Satiriker Dietmar Bittrich verrät im Festtagsinterview, wie er zum Weihnachtshasser wurde.

Hamburg | Heimelige, kuschelige Weihnachtszeit, das Fest der Liebe – von wegen, meint Dietmar Bittrich. Dem Satiriker geht der Feierzwang mächtig auf die Nerven. Im Gespräch mit shz.de erzählt Bittrich, wie er zum Weihnachtshasser wurde.

Weihnachten, das Fest der Liebe – oder?
Dietmar Bittrich: Ja, alle lieben einander, wenn auch auf schwer erkennbare Weise. Stresslevel, Streithäufigkeit und Trennungen – meist kurzfristige – erreichen zu Weihnachten ihren Jahreshöhepunkt. Das liegt an der bedrückenden Dunkelheit, an dem Termindruck, der vom Jahresende verschärft wird, an der Geschenkenot, am Dress Code und am Zwang, mit Verwandten zusammen zu sein, die man gewöhnlich auf Distanz hält. Wer dann noch harmonisch tun soll, ist der Klapsmühle ganz nahe.

Zur Liebe fällt Ihnen gar nichts ein?
Äh – doch. Nur wer entspannt ist, kann lieben. Rund um Weihnachten wird die Anspannung, englisch Stress, auf sonst nie gekannte Höhen getrieben. In dieser Anspannung erscheint die Botschaft von der Liebe wie etwas Absurdes und Fernes, zumal sie ja suggeriert: Wenn du das nicht spürst, dann stimmt was nicht mit dir. Aber es stimmt alles. Manche Leute kann man nur lieben, wenn sie sehr weit weg sind. Zu Weihnachten sitzen sie leider im Wohnzimmer.

Und darum hassen Sie Weihnachten?
Hassen nur im Sinne von „Da krieg ich die Hasskappe!“ Wer zu Weihnachten keinen Wutausbruch kriegt und am liebsten alles zum Fenster rauswerfen will, der fühlt einfach nicht tief genug oder hat keine Kraft mehr. Jedem sensiblen Menschen geht der Feierzwang auf die Nerven. Stille und Frieden sind um Weihnachten herum am schwierigsten zu erfahren. Unter den städtischen Lichtergirlanden herrscht kriegerische Stimmung.

Was verbirgt sich hinter Ihrer schroffen Ablehnung des Weihnachtsfests?
Pures Leiden. Zur Weihnachtszeit leiden alle. Dies ist das Fest, bei dem wir am deutlichsten spüren: Da stimmt was nicht. Das ist eine intuitive Kritik des Herzens. Die Kritik des Verstandes kommt danach. Sie sucht Ursachen. Etwas hilflos greift sie zu Formeln wie: Alles ist dem Kommerz unterworfen. Oder: Wenn es eine sogenannte frohe Botschaft gegeben hat, eine Verheißung von Liebe und Frieden, wo sind die eigentlich? Weihnachten wird schmerzlich offenbar, dass die Geschichte, die von den Kirchen seit zweitausend Jahren erzählt wird, nicht stimmt.

Wie wurden Sie zum Weihnachtshasser, ist etwa Ihr Urgroßvater schuld?
Ja, es liegt ein Weihnachtsfluch auf der Familie. Mein Urgroßvater kam vor mehr als hundert Jahren auf die verhängnisvolle Idee, einen Weihnachtsmann-Verleihservice zu gründen. Es war der erste Service dieser Art in Deutschland und vielleicht in Europa. Mein Urgroßvater gehörte damals zu einer ärmlichen Studentenverbindung. Sechs Kommilitonen und er boten erstmals im Jahre 1905 per Annonce an, bei Familienfeiern in Verkleidung Bescherungen vorzunehmen. Sie kleideten sich nach dem Vorbild des Nikolaus im Struwwelpeter, also mit rotem Mantel und Seilgürtel und roter Bischofsmütze, alles selbstgenäht. Im ersten Jahr brachte das nur so viel ein, wie diese Kostüme gekostet hatten, aber im zweiten Jahr berichtete das Berliner Tageblatt darüber. Und von da an boomte die Agentur.

Lassen Sie uns mal über etwas Positives reden: In der Weihnachtszeit melden sich alte Freunde nach langer Zeit wieder. Das ist doch toll?
Ja, es gibt einem die Möglichkeit, von zu Hause auszureißen, genau wie damals...

Und was ist mit Kontemplation, Müßiggang, Geschenke auspacken?
Alles gut und deshalb das ganze Jahr über praktiziert. Wir schenken einander irgendwann im Jahr etwas, wenn wir etwas Schönes oder Passendes sehen. Wir ziehen uns zur Muße und Kontemplation zurück, wann immer wir das Bedürfnis haben. Weihnachten haben wir zwar das Bedürfnis, aber keine Gelegenheit. Und natürlich trinken wir Alkohol das ganze Jahr über, und garantiert besseren als am Glühweinstand. Was das Jahr über maßvoll und qualitätsvoll geschieht, soll Weihnachten geballt stattfinden. Das gehört zu den Gründen für die Zunahme weihnachtlicher Depressionen.

Und – wie feiern Sie nun Weihnachten?
Wie jeder Mann unterwerfe ich mich Weihnachten den Wünschen und Befehlen meiner Frau. Weihnachten ist vorrangig ein weibliches Fest. Die Frau knüpft hohe Erwartungen daran. Wärme, Gemeinsamkeit, Gefühl, Kuschelstimmung und engelsreine Harmonie stehen auf ihrem inneren Wunschzettel. Der Mann versucht, sich mit ironischen Bemerkungen zu wehren. Aber wenn er sich abschätzig über den Rummel äußert, sitzt er im Fettnapf. Seine Frau ist ja selbst Teil des Rummels, kauft, rafft, rennt, bäckt, schmückt, putzt, bastelt, bretzelt, brutzelt, ruiniert Portemonnaie, Frisur und Nerven. Es ist besser, wenn er sie unkommentiert gewähren lässt und untertänigst assistiert. So feiert er – so feiere ich – Weihnachten. Als Untertan.

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