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Hamburg-Wahl 2015 : Spurensuche in Hamburg: Wahlkampf Grau in Grau

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Grau in Grau und doch ganz anders: Hamburg wandelt sich. Doch an der Bürgermeisterfront scheint alles beim Alten zu bleiben. Die Hanseaten stehen hinter Scholz.

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2015 | 10:33 Uhr

Hamburg | In den Tagen vor der Wahl zeigt sich der Himmel über Hamburg in dezentem Grau in Grau. Die Elbe vor der „Strandperle“-Bar plätschert gemächlich vor sich hin. Gelegentlich tritt der graue Fluss jetzt über die Ufer, aber nur ein wenig. Auf der anderen Elbseite wird ein Container-Koloss aus dem Hafen geschleppt. Auch der Wahlkampf schleppt sich dahin. Was bewegt diese Stadt? Überall stehen die Plakate an den Straßen, viele wetterbedingt in kläglichem Zustand. Frierende Wahlkämpfer schimpfen auf das Wetter.

Chef im Ring ist Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz. Die Plakate des SPD-Politikers nehmen das Grau des Himmels auf und auch die fast schon sprichwörtliche Kargheit seiner Sprache: „Kitaplätze“ steht da drauf oder „Wirtschaftskraft“ oder einfach nur „Olaf Scholz“. Sein Herausforderer von der CDU, Dietrich Wersich, wirkt schon vor der Wahl geschlagen. Kaum einer kennt ihn, noch weniger würden ihn direkt wählen, sagen Umfragen. Die FDP-Plakate mit dem neuen Pink finden viele besonders schrecklich.

Was sind die großen Themen in diesen Wochen? Der Politologe Jens Tenscher zuckt mit den Achseln. „Der Wahlkampf ist nahezu geräuschlos“, sagt er. „Und es gibt keine Wechselstimmung in der Stadt. Die Hamburger scheinen damit zufrieden zu sein, wie es im Moment läuft.“ Ihn überrasche, dass nicht einmal die Olympia-Bewerbung ein Wahlkampf-Thema sei.

Der Politologe Jens Tenscher.
Der Politologe Jens Tenscher. Foto: dpa
 

Die Hansestadt bewirbt sich für die Olympischen Spiele 2024 und konkurriert dabei mit Berlin. Im März will der Deutsche Olympische Sportbund sich für einen Kandidaten entscheiden. Welche Stadt stürzt sich mit dem größeren Elan in das Abenteuer? Und warum? „Wir könnten das, was wir ohnehin planen, beschleunigen, und es gibt viel Zustimmung für die Idee olympischer und paralympischer Spiele in Hamburg“, sagt Scholz. Der Hanseat wirkt begeistert, zumindest für seine Verhältnisse. Für die Spiele müssten von der dafür vorgesehenen Hafenfläche allerdings mehrere Unternehmen mit 2000 Beschäftigten umgesiedelt werden.

„Wir sind nicht gegen Olympia“, beteuert der Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg, Gunther Bonz. „Wir wollen aber natürlich, dass die Interessen der betroffenen Betriebe gesichert werden.“ Und im Übrigen sei die Vorbereitungszeit bis 2024 viel zu kurz, sagt Bonz. Wenn es diesmal nicht klappt, will sich Hamburg aber ohnehin für Olympia 2028 wiederum bewerben.

Gunther Bonz, Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg.
Gunther Bonz, Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg. Foto: dpa

Was läuft? Die SPD rühmt sich, alle Wahlversprechen eingelöst zu haben. Und die anderen Parteien geben sich weitgehend handzahm, weil sowohl Grüne als auch CDU und sogar die FDP sich als mögliche Koalitionspartner fühlen dürfen, sagt der Politologe Tenscher. Und wenn doch mal diskutiert wird? In einer Großstadt ist die Verkehrspolitik immer ein Thema. Da gibt es den Streit über die Fahrradstraße an der Alster. Nur Anwohner dürfen da noch Auto fahren. Der Milliardär und Logistik-Unternehmer Klaus-Michael Kühne lässt in der Nähe gerade ein Luxus-Hotel bauen. Er nennt die Fahrradstraße einen Alptraum. Der ADFC findet sie dagegen prima.

 

Oder das 260 Millionen Euro teure „Busbeschleunigungsprogramm“. Der Landesrechnungshof hat es gerade heftig gerügt. Einerseits würden für wenige Sekunden Zeitgewinn teuer Busspuren umgebaut und Fahrkartenautomaten aufgestellt, andererseits sollen die Fahrer im Bus aber weiterhin Zeitungen verkaufen.

 

 

Wenn derzeit jemand in der Hansestadt die Sozialdemokraten ärgern kann, dann ist das Manfred Braasch. Der Geschäftsführer des BUND – eine Zeitung nannte ihn schon den heimlichen Oppositionsführer – stellt sich „König Olaf“ ein ums andere Mal mit Klagen in den Weg. Die geplante neunte Elbvertiefung liegt auf Eis, das Verwaltungsgericht verdonnert den Senat, mehr gegen die Luftverschmutzung durch Stickstoffdioxide zu tun. Und Braasch war maßgeblich daran beteiligt, dass Hamburg 2013 per Volksentscheid gezwungen wurde, die Energienetze zurückzukaufen. Braaschs Bilanz der SPD-Umweltpolitik ist dann auch wenig schmeichelhaft. Die SPD habe selbst eigene Ziele nicht erreicht und gesetzliche Rahmen nicht eingehalten. „Das muss besser werden.“ Immerhin kann man wieder in der Elbe baden, sagt die Umweltbehörde, allerdings schon seit zehn Jahren.

Wer Hamburg sagt, meint oft den Hafen. „Der Hafen ist hier eine heilige Kuh“, sagte BUND-Geschäftsführer Braasch. „Der Hafen ist für Hamburg die Lebensader“, sagt Hafenwirtschafts-Präsident Bonz. Für Wirtschaftssenator Frank Horch ist der Hafen das „Herzstück“ der Stadt. Darum müsse die Elbe ausgebaggert werden, für die gigantischen Containerschiffe der neuesten und der nächsten Generation. Und wenn die Gerichte das verbieten? „Die Stadt wird das überleben“, sagt Scholz, „aber es wird Wachstum kosten.“

Unterdessen plätschern unweit des Fischmarkts die Wellen in Övelgönne an das Ufer vor der „Strandperle“. Besonders bei schönem Wetter trifft sich hier halb Hamburg auf eine Bockwurst und ein Bier. Jetzt im Februar sind es wenige, die sich hier niederlassen. „Manchmal joggt Olaf Scholz hier vorbei“, sagt die Övelgönner Kapitänstochter Julia Toetzel, die die „Strandperle“ zusammen mit ihrer Partnerin Pia Fintelmann betreibt.

Julia Toetzel und Pia Fintelmann in der Strandperle.
Julia Toetzel und Pia Fintelmann in der Strandperle. Foto: dpa
 

Viel mehr sei über die Politik nicht zu sagen, stellen die beiden Frauen fest. „Ganz viele Gäste reden jetzt über Religion und nicht über Spitzenkandidaten, die keiner kennt. Und die anderen reden gar nicht, sondern genießen das Plätschern der Wellen und den Blick auf den Hafen.“ Pia Fintelmann, die vor ein paar Jahren aus Sachsen nach Hamburg kam, sieht aber einen starken Wandel in den Szene-Stadtteilen „Schanze“ und Ottensen. „Das Latte-Macchiato-Publikum rückt vor.“

Auch Milliardär Kühne sieht Veränderung und nennt in einem Interview vor allem die Hafen City. Der Unternehmer, der längst in der Schweiz lebt, fühlt sich der Stadt aber dennoch verbunden. Jetzt steigt er als Großinvestor beim ewig klammen Fußball-Erstligisten HSV ein. Bitter nötig, denn der Bundesliga-Dino hat nicht nur eine leere Kasse sondern seit einiger Zeit auch einen Stammplatz im Tabellenkeller. Wenig besser geht es den Kiez-Lieblingen vom FC St. Pauli. Die haben zwar noch viel weniger Geld und einen ebenso schlechten Tabellenplatz in Liga zwei, dafür aber noch leidensfähigere Fans.

Wenige Schritte vom Millerntor-Stadion entfernt beginnt noch immer der Kiez. Kein Hamburg-Besuch ohne Reeperbahn. Das schmuddelige, von Bandenkriegen geschüttelte Vergnügungsviertel gibt es nicht mehr. Hier läuft jetzt eine erfolgreiche Unterhaltungsmaschine. Einen kräftigen Anteil hat die Musical-Industrie. Derzeit laufen mindestens fünf Musicals gleichzeitig in der nach New York und London größten Musical-Metropole der Welt.

Ein weiterer Touristenmagnet macht endlich Fortschritte: Die Elbphilharmonie am Rande der HafenCity. Ein Konzerthaus der Superlative soll sie werden. Super ist schon mal die Entwicklung der Kosten. Seit dem Spatenstich im Frühjahr 2007 verzehnfachten sie sich auf 789 Millionen Euro. Am 11. Januar 2017, also mit sieben Jahren Verspätung, soll sie eröffnet werden.

In der einen Richtung sieht man von der Elbphilharmonie auf den „alten“ Hafen, der es seit Jahrhunderten schafft, sich als Handelszentrum in der Welt zu behaupten. Aber der Wandel ist offensichtlich. Keine Spur mehr von Stückgut und Heerscharen von Hafenarbeitern. Heute erledigen das die Container-Brücken. 1963 gab es hier noch 22 Werften mit 25.000 Beschäftigten, jetzt sind es noch 13 Werften und 1500 Mitarbeiter.

Ein Stück stromabwärts liegt in Finkenwerder eine große Werft, allerdings werden hier seit einigen Jahrzehnten Flugzeuge gebaut. Zwischen Elbe und dem Obstanbaugebiet Altes Land ist Airbus mit knapp 13.000 Menschen größter industrieller Arbeitgeber der Stadt.

Auch die alte Medienstadt Hamburg ist im Wandel. Multimedia, IT, Soziale Medien – neben den Deutschlandzentralen von Google, Facebook und Xing fassen Start-Ups hier Fuß. Vorzeigebetriebe wie „My Taxi“, „Familonet“ oder „Jimdo“ wachsen hier ebenso heran wie zahllose kleine Unternehmen.

Und sonst? Die Mieten sind hoch in Hamburg, in manchen Vierteln sehr hoch. Der Senat hat aber dafür gesorgt, dass mehr als 6000 „bezahlbare“ Wohnungen gebaut wurden. Am Jahresende gab es einen Haushaltsüberschuss. Andere „Aufreger-Klassiker“ wie etwa das linke Kulturzentrum „Rote Flora“ sorgen derzeit nicht für Zündstoff.

Was würde „Dittsche“ dazu sagen? Sein Fernseh-Wohnzimmer ist in der Wirklichkeit die „Eppendorfer Grill-Station“. Olli Dietrich ist zwar nicht da, aber auch Wirt Oliver Kammerer schaut den Leuten aufs Maul. „Die Stimmung ist ganz gut“, sagt er, während er Pommes-Mayo und einen halben Hahn rausgibt. „Eigentlich gibt's kaum Leute, die sagen: Is' ja alles so schlecht.“ Um Politik gehe es hier ohnehin selten, sagt Kammerer. Fußball? „Das ist schon ein Trauerspiel.“ Und Olaf Scholz? „Wir hatten schon Schlechtere.“ Immerhin.

Imbiss-Wirt Oliver Kammerer in seiner „Eppendorfer Grillstation“.
Imbiss-Wirt Oliver Kammerer in seiner „Eppendorfer Grillstation“. Foto: dpa

Fast drei Viertel der Hamburger würden Olaf Scholz direkt wählen. „Die Zustimmung zur Politik des Senats ist hoch, und die persönlichen Umfragewerte für Senat und Bürgermeister sind bemerkenswert“, sagt Olaf Scholz. „Sie beeindrucken mich.“

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