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Hamburg-Wahl 2015 : Jörn Kruse und die AfD: Die Protestpartei im Stadtstaat

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Wie Jörn Kruse die Hamburger Alternative für Deutschland erstmals in ein westdeutsches Landesparlament führen will.

shz.de von
erstellt am 12.Feb.2015 | 16:25 Uhr

Hamburg | Jörn Kruse ist ein freundlicher Mann von 66 Jahren. Der Hamburger AfD-Spitzenkandidat trägt seine Wahlreden auch in hitziger Atmosphäre überwiegend ruhig und sachlich vor. Dabei liegt stets etwas dezent Belehrendes in den Worten des Neupolitikers, der die Alternative für Deutschland erstmals in ein westdeutsches Landesparlament führen will. Nicht selten beschließt der Volkswirtschaftler im Ruhestand seine Sätze mit einem fragenden „...ja?“. So als wolle er wissen, ob die Zuhörer denn auch verstanden haben.

Die Marotte wurzelt in der beruflichen Praxis des gebürtigen Eutiners. Bis vor gut einem Jahr lehrte Kruse als Wirtschaftsprofessor, zuletzt an der Helmut-Schmidt-Universität. Die Professoren-Attitüde kann und will der emeritierte Hochschullehrer als Wahlkämpfer nicht ablegen. Er steht zu seiner akademischen Weisheiten: „Wir VWL-Professoren haben doch als Erste gesehen, dass bei der Euro-Rettung was schiefläuft“, sagt Kruse, diesmal vor gut 100 Zuhörern im Forum Alstertal, einem Zentrum für Seniorenwohnungen im gut situierten Hamburg-Poppenbüttel.

Wahlkampfendspurt einer bürgerlichen Protestpartei im Stadtstaat. Dort, wo der Boden für Neugründungen rechts der CDU nachweislich fruchtbar ist. Einst reüssierten an der Elbe die Statt-, dann die Schill-Partei. Beide verschwanden so schnell in der politischen Versenkung, wie sie gekommen waren.

Zwei Polizisten inspizieren am Eingang jeden Besucher dieses Abends. Sicher ist sicher. Die AfD klagt über massive Anfeindungen im Wahlkampf. „Schlimmer als bei der Schill-Partei“, sagt Kruse. Es gab Farbanschläge auf die Häuser mehrerer Parteikandidaten. 10.000 AfD-Wahlplakate, schimpft Vizeparteichef Bernd Baumann, hätten Unbekannte schon gestohlen oder zerstört. Ein Besucher versteigt sich zum Vergleich der Plakatvandalen mit braunen Horden. „Die sind wie Kolonnen von der SA.“

Kruse legt nach. Die anderen Parteien freuten sich klammheimlich über den Zerstörungs-Feldzug aus dem linken Lager. Von Polizei und Medien fühlen sich die Deutsch-Alternativen im Stich gelassen. Und nicht nur von ihnen. Auch die Umfrage-Institute hätten sich gegen die Eurokritiker verschworen. „Die reden uns grundsätzlich herunter“, sagt Gastredner Hans-Olaf Henkel, einst Industriepräsident und nun AfD-Europaabgeordneter. Und Honorarprofessor. Den vorhergesagten wackeligen 5,5 Prozent für Hamburg schenkt Henkel keinen Glauben, die Partei werde besser abschneiden. Am Einzug in die Bürgerschaft bestehe kein Zweifel. „Und wenn wir es im bürgerlichen Hamburg schaffen, dann schaffen wir es auch in jedem anderen Bundesland − und spätestens 2017 in den Bundestag.“

Der Zuhörer spürt, Henkel und Kruse dozieren am liebsten über die Euro-Schulden-Griechenland-Krise, dem Geburtsimpuls der AfD. Deutschland sofort raus aus „diesem Euro“. Die Zuhörer klatschen begeistert. Freilich: Ein landespolitisches Hamburger Thema ist das nicht. Und so reden die AfD-Spitzenleute auch viel über Zuwanderung und islamistischen Terrorismus. Seine Partei fische nicht am rechten Rand, versichert der Landesvorsitzende stets. Aber Kruse sagt an diesem Abend auch: „Natürlich hat dieser Terrorismus etwa mit dem Islam zu tun.“ Um sich dann sofort um eine Relativierung zu bemühen. Nur eine kleine Gruppe habe mit Radikalismus und Terror zu tun. „Nicht der Großteil der Muslime, die in gewisser Weise auch ein Bereicherung unserer Gesellschaft darstellen.“ Der Islam gehört also auch für die AfD zu Deutschland. Aber nur der gute.

Die AfD will den „liberalen Islam“ stärken, radikale Strömungen und die Unterdrückung von Frauen aber bekämpfen. Verschleierte Frauen seien ein Symbol der „Integrationsfeindlichkeit“, sagt Kruse. Und: „Den Tschador finde ich katastrophal.“ So will die Partei in der Bürgerschaft auf ein Verschleierungsverbot für Lehrerinnen dringen und die salafistische Anwerbung junger Menschen in Schulen unterbinden. Aber auch den Staatsvertrag Hamburgs mit religiösen Gruppen der Muslime und der Aleviten „hinterfragen“.

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