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Interview in der Elbphilharmonie : Hamburgs Tourismuschef über Wilhelmsburg, Chatbots und den Schlagermove

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Tourismuschef Michael Otremba spricht im Interview über die Zukunft des Tourismus in der Elbmetropole.

shz.de von
erstellt am 01.Apr.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Wir treffen Michael Otremba in der Elbphilharmonie. Das hoch gelobte Konzerthaus ist für Hamburgs Tourismuschef Glücksfall und Auftrag zugleich. Das neue Wahrzeichen soll die Stadt touristisch in die Liga der Weltmetropolen befördern.

Kürzlich hat in der 2. Fußball-Bundesliga der FC St. Pauli bei 1860 München gespielt. Wem haben Sie die Daumen gedrückt?
Otremba: Dem FC St. Pauli.

Obwohl Sie mal für 1860 gearbeitet haben...?
Ich habe während meiner Arbeit im Fußball festgestellt, dass ich mehr an den Menschen hänge, als an Vereinslogos. Und jetzt gibt es eine Nähe zu den Personen bei St. Pauli.

Das Spiel hat St. Pauli gewonnen. Wann wird Hamburg auch bei den Übernachtungszahlen München überflügeln?
(lacht) Wir müssen uns fragen, ob Übernachtungszahlen wirklich das entscheidende und einzige Kriterium sind, an dem wir uns orientieren...

...sind sie nicht?
Nein, ich finde nicht.

Wir haben gedacht, die Zahl der Übernachtungsgäste ist für den Tourismuschef der Stadt das alles Entscheidende?
Natürlich wollen wir die Attraktivität Hamburgs weiter steigern und mehr Menschen für Hamburg und den Norden begeistern. Aber auch in anderen Metropolen geht es derzeit hin zu der Betrachtung: Wie wird die Stadt vor Ort wahrgenommen – und welches Erlebnis bieten wir den Gästen?

Also mehr Qualität als Quantität?
Wir wollen weiter wachsen, und das wird auch so kommen. Aber ein „Immer mehr“ kann nicht allein die Maßgabe sein. Wir müssen uns stärker mit der Frage auseinandersetzen: Wie können wir das Erlebnis vor Ort und für die Gäste noch wertvoller und angenehmer gestalten?

Das heißt konkret?
Die Anspruchshaltung bei Hamburg-Besuchern steigt, allein schon wegen der Elbphilharmonie. Die steht für ein unvergleichliches Erlebnis in der Stadt. Diesen hohen Qualitätsanspruch wollen wir während des gesamten Aufenthalts erfüllen können.

Michael Otremba ist seit Mai 2016 Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH und der Hamburg Marketing Gesellschaft. Seit dem vorigen Oktober steht er zudem an der Spitze des Hamburg Convention Bureau, das die Stadt als Kongress- und Tagungsort international vermarktet. Der 45-Jährige hat seine Wurzeln im Norden, ist in Stade (Niedersachsen) geboren und in Eckernförde (Schleswig-Holstein) aufgewachsen. Der studierte Sportökonom war seit 2008 am Flughafen München tätig und verantwortete am zweitgrößten deutschen Airport als Vice President die Bereiche Werbung, Medien und Marketing. Zuvor arbeitete er in leitenden Positionen in der Sportvermarktung, unter anderem bei Sportfive in Hamburg, beim Fußballbundesligisten Borussia Dortmund sowie bei 1860 München. In seiner Dortmunder Zeit feierte der Marketing-Fachmann die Deutsche Meisterschaft mit dem BVB. Bis heute pflegt Hamburgs Tourismuschef eine Freundschaft mit einigen der Profikicker. Eine augenfällige Angewohnheit hat Otremba aus seiner Münchner Zeit mit an die Elbe gebracht: Er ist passionierter Hutträger.

Was fehlt Hamburg touristisch?
Hamburg fehlt nichts, wir haben alles. Aber bisher haben wir uns noch zu stark am Prinzip „Mehr und mehr“ orientiert. Das war richtig und wichtig. Jetzt ist es aber an der Zeit, andere Parameter zu definieren. Es geht um einen Perspektivenwandel. Als Tourismusgesellschaft wollen wir das Wachstum nicht mehr sich selbst überlassen.

Wie tun sie das?
Es gibt zum Beispiel seit einiger Zeit den Event-Lotsen. Das ist ein Tool, mit dem Veranstalter einen Überblick bekommen, auf welchen Flächen in Hamburg wann was möglich ist. Das hilft uns bei dem Ziel, das Geschehen zu entzerren und Veranstaltungen auch in andere Stadtteile zu bringen. Und mit unserem Hotelbedarfsplan wollen wir unter anderem Impulse setzen für die Entwicklung von attraktiven Arealen außerhalb des Stadtzentrums. Auch das ist eine neue Aufgabe.

Hamburg-Urlauber gehen demnächst also eher nach Barmbek und Wilhelmsburg als in die City?
Ich frage: Ist das beste Café automatisch immer am Rathausmarkt? Vielleicht nicht. Das Reiseverhalten ändert sich, es gibt eine große Nachfrage unter dem Stichwort „Live like a local“. Es gibt immer mehr Besucher, die nicht nur die touristischen Spots abhaken. Für die wollen wir Geschichten erzählen, die in den Stadtteilen spielen. Das heißt: Besucher wollen Hamburg so erleben, wie es die Hamburger tun. Wir wollen Hamburg also echt und kontrastreich auch fernab der bekannten Pfade darstellen, die Kampagnen dazu laufen sehr erfolgreich.

Aber Touristen erwarten von Hamburg doch die Klassiker wie Hafen, Kreuzfahrtschiffe, St. Pauli und Musicals...?
Ja, das werden wir auch weiterhin bedienen. Aber wir wollen das klassische Angebot um anderes ergänzen.

Heißt das, weg von umstrittenen Massenveranstaltungen wie Schlagermove und Harley Days?
Nein. Es gibt einen Markt für diese Veranstaltungen. Zum Schlagermove kommen 500.000 Menschen. Auch die Harley Days finden große Nachfrage. Die Veranstaltungen haben eine wichtige wirtschaftliche Komponente.

Manche Hamburger sagen, die Stadt sei die schönste der Welt. Macht der Tourismuschef sich das zu eigen?
Hamburg ist eine wunderschöne Stadt. Viele Besucher sagen, sie haben gar nicht gewusst, wie schön. Ich erlebe bei den Hamburgern unfassbar viel Stolz auf ihre Stadt. Aber daraus darf keine Saturiertheit resultieren, nach dem Motto: wird schon laufen. Bei der Attraktivität sind wir in einem Wettbewerb mit Städten wie Amsterdam und Barcelona.

Was wird den Tourismus in Hamburg noch verändern?
Die Digitalisierung. Perspektivisch wird es möglich sein, mit Gästen stärker in Dialog zu treten, etwa über Chatbots...

...klingt technisch-unpersönlich.
Ich glaube das Gegenteil wird passieren. Chatbots machen den Kontakt zu der Vielzahl an Besuchern erst möglich und wahrscheinlich persönlicher. Wir wollen mit allen 96 Millionen Gästen, die jährlich nach Hamburg kommen, in den Dialog treten.

 

Wie soll das gehen?
Der Gast schickt beispielsweise eine Whatsapp-Nachricht, und der Chat-Roboter antwortet. Er lernt vom Besucher, was dieser sucht und kann entsprechende Angebote machen. Etwa Hinweise auf gute Restaurants oder Golfplätze geben, wenn der Gast sich genau dafür interessiert.

Was bedeutet die Elbphilharmonie für den Hamburg-Tourismus?
Die Kraft dieses Bildes ist einzigartig. Zum ersten Mal hat Hamburg ein Motiv, das weltweit für die Stadt steht, so wie das Opera House für Sydney. Die touristische Anziehungskraft ist immens.

Spüren Sie das Feedback bereits?
Ja, auf jeden Fall. Die Bilder der Eröffnung sind um die Welt gegangen. In den Gesprächen mit Airlines, Reedereien oder Reiseveranstaltern zeigt sich, dass die Elbphilharmonie insbesondere im Ausland Türen öffnet

Wie sehen Sie die Hafencity?
Das Projekt ist total mutig und steht für die Aufbruchstimmung. Aber es ist auch eine Herausforderung. Es wird jetzt um die Belebung gehen und darum, eine Balance zu finden zwischen Hafencity und Innenstadt.

Die Hafencity hat wenig aktives Quartiersleben...
Wir sollten dem Stadtteil Zeit geben. All das wird kommen.

Wo macht Hamburgs Tourismuschef Urlaub?
Meistens am Wasser. Ich bin in Eckernförde groß geworden. Seit ich da weg bin, habe ich große Sehnsucht nach dem Meer.

Ihre Lieblingsstadt?
Sydney. Die Menschen sind wunderbar offen. Da wird man von Wildfremden zum Picknick eingeladen, habe ich selbst erlebt.

Bis Sie die Hamburger dazu bringen, Fremde zum Picknick zu bitten, müssen Sie dicke Bretter bohren...
Das erlebe ich ganz anders, gerade als jemand, der lange in München gelebt hat. Die Hamburger begegnen mir mit großer Offenheit und Direktheit.

Michael Otremba...persönlich
Ich entspanne... am Wasser.

 Mein Lieblingsort in Hamburg ist... Entenwerder.

 Meine Heimatstadt Eckernförde... hat mich die Sehnsucht nach dem Meer gelehrt.

HSV oder St. Pauli? St. Pauli

 Glück empfinde ich... mit Freunden.

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