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„Hamburg macht sich kleiner, als es ist“ : Hamburgs neuer Kultursenator über die Freiheit der Kunst und die Elbphilharmonie

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Im Interview spricht Carsten Brosda über sein Selbstverständnis als Kultursenator und seine Lieblingsmusik.

shz.de von
erstellt am 03.Jun.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Herr Brosda, Sie sind seit gut 100 Tagen neuer Kultursenator in Hamburg. Was hat Sie am stärksten überrascht?
Carsten Brosda: Die eine große Überraschung gibt es erfreulicher Weise nicht, weil ich mich ja schon einige Monate vertretungsweise um die Themen und die Behörde gekümmert hatte, bevor ich das Amt offiziell übernommen habe. Ganz überraschungsfrei ist so etwas aber natürlich nie. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass mir manche doch noch einmal anders begegnen, seit ich den Titel des Kultursenators formal trage. Das irritiert, klärt sich dann aber meistens sehr schnell, wenn die merken, dass ich immer noch ein ganz normaler Mensch bin.

Sie waren zuvor in Hamburg Kulturstaatsrat. Was unterscheidet den Kulturstrippenzieher im Hintergrund vom populären Amt des Senators?
Das Arbeiten und Sprechen in der Öffentlichkeit. Ich selbst habe ein öffentliches Amt in meinem Berufsleben nie angestrebt. Aber als ich aufgrund der Krankheit der damaligen Kultursenatorin Barbara Kisseler (†) gezwungen war, immer mehr in eine öffentliche Rolle zu wachsen, habe ich festgestellt, dass viele finden, dass es ganz ordentlich klappt, wenn ich es mache.

Ihre Vorgängerin hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Elbphilharmonie eröffnet werden konnte und nun schon, parallel zur Ihrer Amtszeit als Kultursenator, sich zu einem Pilgerort für Musikfans und Wahrzeichen Hamburgs gemausert hat. Wie arbeitet es sich in so großen Schuhen?
Natürlich waren wir unterschiedliche Typen, aber wir haben sehr ähnliche Auffassungen und Ideen von Kultur geteilt. Wir haben uns sehr gut verstanden und hatten noch einiges vor. Dass es dazu nicht mehr gekommen ist, bedaure ich noch immer sehr. Mir hätte es besser gefallen, selbst im Hintergrund zu bleiben und mit Barbara Kisseler als Kultursenatorin und von ihr lernend die Kultur in der Stadt zu bewegen. Es kommt noch oft vor, dass wir uns in der Kulturbehörde bei anstehenden Entscheidungen fragen: Was würde Barbara Kisseler (†) tun? Es ist unser Glück, dass sie ein unglaublich gut bestelltes Feld hinterlassen und lange Linien angelegt hat. Jetzt geht es darum, das weiter zu entwickeln und umzusetzen. Und zwar aus voller Überzeugung, mit Lust und Leidenschaft.

Was haben Sie sich für Kulturziele in den kommenden Jahren gesetzt?
Ziele zu definieren, ist in erster Linie eine politische Kategorie und passt deshalb für mich nur sehr eingeschränkt zum Begriff Kultur, die ja zuallererst von dem Schaffen der Künstlerinnen und Künstler geprägt sein sollte. Aber es sollte uns gemeinsam gelingen, die neue internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung, die Hamburg spätestens seit der Eröffnung der Elbphilharmonie als Kulturstadt erlebt, dauerhaft in der Selbstwahrnehmung der Stadt und ihrer Bürger zu verankern. Die Bedeutung von Kultur für das städtische Leben und das Selbstverständnis der Bürger darf nicht nur ein oder zwei Sommer überdauern. Dabei geht es nicht nur um die Elbphilharmonie, sondern um das kulturelle Leben unserer Stadt in ganzer Breite. Das bedeutet natürlich auch, dass wir uns fragen müssen, ob die Rahmenbedingungen für die Kreativität und Produktivität der Künstlerinnen und Künstler in Hamburg stimmen. Als Kulturpolitiker verstehe ich mich als Ermöglicher von Kunst und nicht als jemand, der die Richtung vorgibt. Es ist unsere Aufgabe, die Freiheit der Kunst zu gewährleisten.

Braucht die Kultur mehr Geld in Hamburg?
Immer und überall. Einen Zustand, an dem jemand aus der Kultur stöhnt „Jetzt ist aber genug. Ich weiß nicht, wie ich das ausgeben soll…“ hat es noch nie gegeben und wird es vermutlich auch nie geben. Barbara Kisseler hat einmal gesagt: „Eine der Kernaufgaben einer Kultursenatorin ist es, gemeinsam mit dem Finanzsenator eine Definition dafür zu finden, was Kulturstadt Hamburg heißt.“ Aber da nehme ich auch jede Menge solidarische Unterstützung war.

Aus der Kulturszene sind Klagen zu hören, der Elbphilharmonie-Hype sorge bei ihnen für Einbußen. Was tun Sie gegen den Verdrängungswettbewerb zu Lasten kleinerer Häuser?
Es gibt diese Befürchtungen, aber wir sollten uns von ihnen nicht leiten lassen. Meine Hoffnung ist, dass diejenigen, die sich entscheiden, etwas Kulturelles zu unternehmen, sich dann nicht nur für die Elbphilharmonie interessieren. Kulturinteressierte Besucher und Einheimische, die sich vergeblich um ein Ticket für die Elbphilharmonie bemüht haben, werden sich nicht ermattet vor den Fernseher setzen, sondern sich andere kulturelle Ziele suchen.

 

Also statt Elbphilharmonie ins St.-Pauli-Theater?
Warum nicht? Ich glaube, dass es da durchaus Schnittmengen gibt. Aber genauso wichtig ist es, dass wir die Elbphilharmonie nicht als Solitär in der Hamburger Kulturlandschaft stehen lassen, sondern sie mit dem Kulturangebot der Stadt vernetzen. Sie muss Bestandteil anderer kultureller Angebote sein – als Veranstaltungsort etwa wie zurzeit beim Theater der Welt oder thematisch wie in der Ausstellung „Elbphilharmonie revisited“ in den Deichtorhallen. Der Leuchtturm Elbphilharmonie darf nicht alle Blicke auf sich ziehen, sondern muss das Licht auch auf den Rest der Kulturlandschaft in Hamburg werfen. Ich bin sicher: Die Nachfrage nach Kulturangeboten in Hamburg wird sich verstärken. Insofern wird die ganze Kulturstadt Hamburg am Ende profitieren und nicht nur ein Konzerthaus.

Trotz Kunsthalle, Deichtorhallen und Bucerius Kunstforum hat Hamburg im Wettbewerb etwa mit München, Frankfurt oder Berlin in der Kunst- und Galeristenszene einen provinziellen Ruf. Wie kommt das?
Ich würde das so nicht teilen. Die Kunsthalle war im vergangenen Jahr das meist besuchte Kunstmuseum in Deutschland. Das lag sicherlich auch am freien Eintritt für einen Monat anlässlich der Wiedereröffnung der Kunsthalle. Aber es war mehr als das. Und auch aktuell werden das Programm des neuen Direktors Christoph Martin Vogtherr und seine neuen Ausstellungsideen wie im aktuellen Projekt „open access“ andernorts als etwas Besonderes wahrgenommen.

Als eigenständige Kunstqualität von der Elbe?
Hamburg neigt manchmal dazu, sich kleiner zu machen als es ist. Man kann das in vornehmer Selbstbeschreibung hanseatisches Understatement nennen oder es soziologisch als einen „Second-City-Komplex“ analysieren. Aber in Wahrheit ist die kulturelle Landschaft in Hamburg enorm reich und die Programmatik hiesiger Häuser fantastisch. Das Besondere an Hamburg ist: Sie ist die größte europäische Stadt, die niemals Hauptstadt eines Landes gewesen ist. Hamburg ist nie Residenzstadt eines Monarchen oder Hauptstadt einer Nation gewesen. Hamburg war damit auch niemals der Präsentierteller einer Kultur, die Pracht und Macht zur Schau stellen sollte. Alles, was wir in Hamburg an Kultur haben, ist von den Bürgern selbst erschaffen und erwirtschaftet worden. Das ist eine andere, eine bürgerliche Kulturtradition, die weniger auf Grandezza setzt, aber unglaublich viel Substanz hervorbringt:

Haben Sie eine persönliche Kulturleidenschaft?
Ich lese viel und höre viel Musik. Wenn es um Songs und Geschichten geht, dann am liebsten die vier Säulenheiligen: Neil Young, Bob Dylan, Bruce Springsteen und Van Morrison. Wenn es um klassische Musik geht, dann kann ich mich mit einer Mahler- oder Bruckner-Symphonie stundenlang beschäftigen, bevor ich eine Philipp-Glass-Platte auflege. Auch in dieser Hinsicht finde ich den sehr analytischen Klang der Elbphilharmonie ganz großartig, weil er in seiner Zergliederung meiner Art des Zuhörens sehr entgegen kommt.

Es ist schon viel über das neue Hafenmuseum geredet worden. Wo wird es angesiedelt?
Das diskutieren wir gerade. Es ist keine einfache Entscheidung, weil wir einen Standort identifizieren müssen, der einen klaren Bezug zum Hafen hat, aber gleichzeitig einen Museumsbetrieb ermöglicht und gut erreichbar ist. Wir haben eine Standortanalyse in Auftrag gegeben, das Ergebnis liegt aber noch nicht vor. Wichtiger noch als der Standort ist aus meiner Sicht das Konzept. Wir werden darauf achten, dass wir nicht nur die Vergangenheit des Hafens romantisieren, sondern ebenso die Gegenwart und Zukunft eines modernen Hafens in den Blick nehmen. Das muss konzeptionell wie geografisch gut gelöst werden. Dabei werden wir uns nicht unnötig unter Druck setzen. Alle Beteiligten wissen, dass wir das Museum erst im nächsten Jahrzehnt eröffnen können.

  • Carsten Brosda ist geboren 1974 in Gelsenkirchen, verheiratet, zwei Kinder.
  • Volontariat bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Essen
  • Studium der Journalistik und Politikwissenschaft an der Universität Dortmund sowie Promotion
  • 2000 bis 2005 Pressereferent und Redakteur, später Redenschreiber und Referent im SPD-Parteivorstand
  • 2005 bis 2009 Leiter des Referates Reden, Texte und Analysen im Bundesministerium für Arbeit und Soziales
  • 2010 bis 2011 Abteilungsleiter Kommunikation beim SPD-Parteivorstand
  • Juni 2011 bis Februar 2016 Leitung des Amtes Medien in der Hamburger Senatskanzlei
  • März 2016 bis Januar 2017 Staatsrat der Kulturbehörde
  • seit 1. Februar 2017 Senator der Kulturbehörde

Und das Museum für Udo Lindenberg? Er hat uns gesagt, sein Museum kommt, das habe er mit Olaf beim Eierlikörchen schon geklärt. Wann geht’s los?
Das kann ich nicht sagen, aber wir sind in guten Gesprächen – auch wenn ich das mit dem Eierlikör für ein Gerücht halte.

Wird eigentlich beim G20-Gipfel auch über Kultur gesprochen?
Kultur steht nicht explizit auf der Tagesordnung. Aber ein solcher Gipfel ist immer auch Ausdruck einer bestimmten kulturellen Grundhaltung, dass es besser ist, miteinander zu reden als nicht miteinander zu reden. Hamburg wird sich unter anderem mit seiner Kulturikone Elbphilharmonie und dem philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano präsentieren. Und natürlich hoffen wir, dass solche kulturellen Einblicke auch die sonstige Haltung der Gipfelteilnehmer prägen und zu vernünftigen Diskussionen führen.

Carsten Brosda ... persönlich
Premieren sind für mich … eine Freude. Meistens.

An Vernissagen mag ich … die Auseinandersetzung mit Neuem, weniger den Sekt.

Fußball bedeutet mir … viel, solange er blau-weiß ist. Ich bin in Gelsenkirchen aufgewachsen.

Ich lese gerade … „Hillbilly-Elegie“ von J. D. Vance. Das sind die Memoiren eines Mittdreißigers mit einem sehr persönlichen Blick auf die US-Gesellschaft. In den amerikanischen Feuilletons wird es gerade als das Buch besprochen, das man gelesen haben muss, wenn man begreifen will, warum so viele Trump gewählt haben. Weil ich das verstehen will, lese ich das Buch und es lässt sich sehr interessant an.

Von Kultur schalte ich … nie ab.

Geld bedeutet … weniger als Kunst.

Zum G20-Gipfel werde ich … ganz normal meine Arbeit machen.

Glück empfinde ich … wenn ich mit meiner Familie zusammen bin.

Mir fehlt in Hamburg … Sonne.

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