Bürgergespräch in Barmbek : Hamburgs Bürgermeister präsentiert sich als „braver Herr Tschentscher“

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Beinharte Kritiker von Rot-Grün waren nicht gekommen.

Beinharte Kritiker von Rot-Grün waren nicht gekommen.

Zehn Wochen nach seinem Amtsantritt sprach Peter Tschentscher mit den Bürgern.

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12. Juni 2018, 19:51 Uhr

Hamburg | Seit zehn Wochen ist Peter Tschentscher Hamburger Bürgermeister. Große Akzente hat der SPD-Politiker noch nicht gesetzt, schon fragen Hamburger Medien besorgt, ob das neue Stadtoberhaupt überhaupt Lust auf den Job hat. Um so größer war die Neugierde vor seinem ersten „Bürgergespräch“, einer Veranstaltungsreihe, die der 52-Jährige von Amtsvorgänger Olaf Scholz übernommen hat. Über allem die Frage: Was hat der unscheinbar und bedächtig wirkende Mann „seinen“ Hamburger zu sagen?

Premierenort für die Tournee durch alle 17 Wahlkreise ist die Aula des Margaretha-Rothe-Gymnasiums in Barmbek. Für den Senatschef ein Heimspiel, er wohnt wenige hundert Meter entfernt. „In der Fuhlsbüttler Straße kenne ich mich aus“, wird er dieseen Trumpf später in der Diskussion zur Radpolitik ausspielen.

Beinharte Kritiker von Rot-Grün sind nicht gekommen

150 Interessierte sind da. Das SPD-Forum ist öffentlich, doch beinharte Kritiker von Rot-Grün sind nicht gekommen. Tschentscher – völlig unverdächtig, ein Volkstribun zu sein – wirkt gleichwohl befangen. Er weiß nicht recht, was ihn erwartet und wie er rüberkommt beim Volk, das er seit Ende März regiert. Zur Einleitung gibt’s vom früheren Finanzsenator ein routiniertes Kurzreferat zur Senatspolitik: Wohnungsbau, Verkehr, Kitas, Wirtschaft. „Lassen Sie uns jetzt miteinander ins Gespräch kommen“, startet er sodann die Fragerunde – beugt aber lieber übergroßen Erwartungen vor: „Es wird nicht so sein, dass wir heute Abend alle Probleme lösen können.“ 

Was folgt sind anderthalb Stunden Bürgerdialog von der artigen Sorte. Brave Fragen, brave Antworten. Streit ersparen die Barmbeker ihrem Bürgermeister, der viel Wohlwollendes zu hören bekommt: Glückwünsche fürs neue Amt gibt es und sogar einen Vergleich mit dem gebürtigen Barmbeker Helmut Schmidt.

Peter Tschentscher als Brückenbauer

Die Mehrzahl der gut ein Dutzend Fragen behandelt durchaus Kritisches, Beispiel Verkehrspolitik. „Wann hören Sie auf, das Auto wie ein Goldenes Kalb zu behandeln“, versucht ein Mann zu provozieren und fordert die Rückkehr zur Straßenbahn. Ein anderer versichert, er würde gern aufs E-Bike umsteigen. „Aber schleppen Sie mal jeden Tag die 25-Kilo-Räder die Treppe rauf“, klagt er und verlangt mehr E-Ladestationen.

Verkehrspolitik zwischen Fahrradstadt und Wirtschaftsverkehr – Tschentscher ist in seinem Element als Brückenbauer. Es gehe nicht um ein Gegeneinander, sondern ein Miteinander, sagt er und fügt untypisch martialisch hinzu: „Wir wollen keinen Krieg einer gegen den anderen auf den Straßen.“ Ganz ruhig sagt er das, sachlich und irgendwie vertrauenswürdig. Keine Nachfragen.

Keine einzige Frage zu vermeintlichen Aufregerthemen

Mietenexplosion, schleppende Digitalisierung, Integration, Rückkehr zu G9 – die Barmbeker sprechen allerlei an, in Bedrängnis bringen sie den Senatschef nicht. Der nutzt die Vorlagen zur Darlegung des sattsam bekannten Senatsprogramms. Inhaltlich ist das alles zu 100 Prozent Scholz-Politik. Neue Ideen, andere Akzente, eine Vision gar von Tschentschers Hamburg der Zukunft gibt es nicht.

Bemerkenswert ist schon eher, was die Bürger nicht vortragen: Keine einzige Frage kommt zu vermeintlichen Aufregerthemen wie G20, „Rote Flora“, Flüchtlinge, HSH Nordbank, Dieselfahrverbote. 

Tschentscher hat kaum damit gerechnet, so glimpflich davonzukommen. Er schließt den Abend erleichtert und scherzt: „Ich bedanke mich, dass Sie mich überwiegend freundlich angeguckt haben.“ Braver Applaus.

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