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Esso-Häuser und Kultclubs : Hamburger Reeperbahn vor Schönheits-OP

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Kein Platz für alte Clubs auf der neuen Reeperbahn: Das „Molotow“ soll im kommenden Sommer vorübergehend verschwinden; die Esso-Häuser werden abgerissen und neu gebaut. Die Reeperbahn wird eine andere werden, befürchten die Mieter.

Hamburg | Was nicht abgerissen wird, wird einstürzen, sagen die Gutachter. Was kein Geld bringt, muss weichen. So empfinden es die Anhänger der alten Clubs in den Esso-Häusern an der Hamburger Reeperbahn. Von der Esso-Tankstelle bis zum Kultclub Molotow kommt jedenfalls alles weg.

Das endgültige Aus skizzieren die Bausachverständigen auf Seite vier des Gutachtens zum Zustand der Esso-Häuser: „Das Versagen eines einzelnen Bauteils könnte zu einem Dominoeffekt führen.“ Und weiter heißt es in deutlichen Worten: „Der Zustand von nahezu 100 Prozent der Bauteile ist kritisch oder grenzwertig.“ Risse in den Mauern, sichtbare Stahlträger, Feuchtigkeit. Die Bewohner dürfen ihre Balkone nicht mehr betreten, denn diese könnten abbrechen. Um die Waschstraße der Esso-Tankstelle sind die Mauern feucht.

Der Eigentümer des Molotow, Andi Schmidt, sitzt am späten Nachmittag in rotem Licht vor roter Wand an der Bar, trinkt Cider und sucht seinen Optimismus. Er hofft, dass die Bezirksverwaltung ihm bei der Suche nach einer neuen Location hilft. Idealerweise in Steinwurfnähe, auf jeden Fall auf St. Pauli. Er hofft, sein Laden überlebt. Nur glaubt er halt nicht dran.

Die Münchner Firma Bayerische Hausbau kaufte die Esso-Häuser im Jahr 2009. Dort hatte man nie vor, die Häuser stehen zu lassen. „Wir haben instand gehalten, was man instand halten musste“, sagt Sprecher Bernhard Taubenberger. Etwas Neues soll entstehen - mit den alten Mietern. Die sind skeptisch. Funktionieren Traditionsclubs im Neubau? 

Die Betreiber des Clubs versuchen, weitere Unterstützer zu gewinnen. „Das Molotow muss bleiben“, steht in großen Lettern auf Plakaten und Aufklebern, auf T-Shirts, auf dem Boden, auf Straßenlaternen. Schmidts Laden ist voll, auch unter der Woche, wenn unbekannte Künstler die Bühne rocken, vor 80 bis 100 Leuten, seit 1990.

Das Problem: Seit Jahren wurden die Esso-Häuser nicht instand gesetzt. Abgestützt werden könnten die Gebäude noch, aber Schall- und Brandschutz wären zu schwer. Die Tiefgarage könnte einstürzen, von den Esso-Häusern bliebe ein Schutthaufen. Vom 30. Juni 2014 an erlaubt das Bezirksamt Altona den Betrieb der Esso-Häuser nicht mehr. Im Auftrag der Bayerischen Hausbau sucht nun die Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg (Steg) nach Wohnungen für die privaten Mieter. Sie sollen später einmal in das neue Gebäude zurückkehren können. Wann und wie, das steht noch in den Sternen.

Geplant sind 5000 Quadratmeter Gewerbe- und 19 500 Quadratmeter Wohnfläche. Ursprünglich sollte Letztere zu einem Drittel aus sozialem Wohnraum bestehen, zu einem Drittel aus Mietwohnungen mit höherer Miete, und zu einem Drittel aus Eigentumswohnungen. Bezirkschef Andy Grote (SPD) versucht zu vermitteln, seit Jahren schon. Er wird nachdenklich, wenn er über die Esso-Häuser spricht. Recht hätten sie ja irgendwie alle. „Das Molotow ist ein Kulturbetrieb, das muss bleiben.“ Und: „Es muss immer eine Ecke geben, in der der, der so ein Projekt finanziert, auch Geld verdient.“ Die Häuser werden nicht erhalten, „aber die Inhalte“.

Die Bezirksversammlung fordert mindestens 100 geförderte Wohnungen, mindestens 50 Prozent sollen es sein. Dann verdient die Bayerische Hausbau deutlich weniger. Die Geschäftsmieter müssten draufzahlen, sagt Taubenberger. So weit denkt Schmidt noch nicht. Er sorgt sich um den Umzug. „In der Regel geht das schief“, sagt er. Sein Programm kann er mitnehmen. Aber das Ambiente ist weg. „Man kann alles nachbauen, wenn man das Geld hat. Aber das haben wir nicht.“ 

Schmidt hadert mit dem Ende der alten Reeperbahn. „Diese Mischung aus alter Seefahrerromantik, Rotlicht und Szene - die ist kaum noch zu erahnen.“ Was bleibt: „Läden, wie es sie in jeder beliebigen Stadt gibt, in jeder beliebigen Hauptstraße, in jedem Scheißkaff.“  

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erstellt am 13.Okt.2013 | 11:15 Uhr

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