BUND-Fluglärmreport 2017 : Hamburger Airport: Weniger Flüge, aber mehr Fluglärm

Ein Flugzeug startet vom Flughafen in Hamburg. /Archiv
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Ein Flugzeug startet vom Flughafen in Hamburg. /Archiv

Der Umweltverband BUND kämpft weiter für eine Ausweitung des Nachtflugverbots am Flughafen in Hamburg.

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20. März 2018, 16:47 Uhr

Hamburg | Am Hamburger Flughafen landen und starten nach Angaben des Umweltverbandes BUND immer mehr Flugzeuge in den späten Abend- oder Nachtstunden. Im vergangenen Jahr habe es zwischen 22 und 6 Uhr 8404 Flugbewegungen gegeben und damit gut 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2011 sei die Zahl der Nachtflüge sogar um 63 Prozent gestiegen, sagte der Sprecher des BUND-Arbeitskreises Luftverkehr, Martin Mosel, am Dienstag bei der Vorstellung des Fluglärmreports 2017.

Im Jahr 2017 haben  nach Angaben des Flughafens rund 17,6 Millionen Passagiere den Hamburger Airport genutzt. Das sind 1,4 Millionen Fluggäste mehr als im Jahr zuvor. Um den Bedarf zu decken, setzen die Airlines auf beliebten Urlaubsstrecken vermehrt größere Flugzeuge der Lärmklassen 3 bis 4 mit 90 bis 200 Sitzplätzen ein. Dadurch wird die Anzahl der Starts und Landungen deutlich reduziert – allerdings auf Kosten des Lärms. Dieser kann unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Störungen verursachen.

Die Umweltschützer berufen sich auf Angaben der Hamburger Umweltbehörde. Demnach nahm die Zahl der Flugbewegungen außerhalb der offiziellen Betriebszeit zwischen 23 und 6 Uhr sogar um 29 Prozent zu, und zwar von 953 Flugbewegungen im Jahr 2016 auf 1229 im vergangenen Jahr.

Der sogenannte Fluglärmteppich, also das lärmbelastete Gebiet um den Flughafen, habe sich von 13,9 Quadratkilometer im Jahr 2007 auf 14,7 Quadratkilometer im vergangenen Jahr ausgeweitet. Im gleichen Zeitraum sei die Gesamtzahl der Flugbewegungen allerdings von 173.500 auf 159.780 zurückgegangen.

Mehr Flugzeuge mit höherer Lärmbelastung unterwegs

Zudem seien mehr Flugzeuge mit einer höheren Lärmbelastung unterwegs gewesen. Der Anteil der vergleichsweise leisen Maschinen der Lärmklassen 1 und 2 habe sich von 31 Prozent im Jahr 2009 auf 13 Prozent im Jahr 2017 mehr als halbiert. Im Gegenzug sei der Anteil der lauteren Flugzeuge der Lärmklassen 3 und 4 von 66 auf 85 Prozent gestiegen. „Weniger Flüge haben mehr Lärm erzeugt“, lautet das Fazit des BUND.

96 Prozent der Flugbewegungen am Hamburger Flughafen fallen in die Lärmklassen 1 bis 4. Insgesamt werden sieben Klassen unterschieden. Die lautesten Flugzeugflotten am „Helmut-Schmidt-Airport“ sind die der Fluggesellschaften Condor (durchschnittliche Lärmklasse 4,55), Lufthansa (4,43) sowie Turkish Airlines (4,02).  Der Anteil weniger lauter Flugzeugtypen (beispielsweise die Baureihen AirbusNeo oder BoeingMax) liegt laut BUND-Bericht weiterhin unterhalb von einem Prozent.

Lärmklassen Standard-Lärmpegel in Dezibel*
Klasse 1 bis 71,9
Klasse 2 72,0 bis 74,9
Klasse 3 75,0 bis 77,9
Klasse 4 78,0 bis 80,9
Klasse 5 81 bis 83,9
Klasse 6 84 bis 86,9
Klasse 7 ab 87
*steigt der Lärmpegel um 3 Dezibel, verdoppelt sich die Schallleistung. Steigt der Pegel um zehn Dezibel, verdoppelt sich die Lärmwahrnehmung.

Während in den Jahren 2006 bis 2009 ein positiver Trend zu weniger lauten Flugzeugen zu verzeichnen war, kehrte sich diese Entwicklung in den nachfolgenden Jahren um: Der Belastungskennwert stieg deutlich an. Im Jahr 2012 wurde ein bisheriger Maximalwert von 3,31 erreicht. Dieser wurde nunmehr überschritten. Im vergangenen Jahr stieg die durchschnittliche Flugzeug-Lärmklasse von 3,22 auf 3,35 an.

Geräuschquellen und mögliche gesundheitliche Auswirkungen
Dezibel mögliche Auswirkungen
0 Hörschwelle
10 Blätterrauschen, normales Atmen
20 Flüstern, ruhiges Zimmer, Rundfunkstudio, ruhiger Garten.
25 Grenzwert für gewerblichen Arbeitslärm in der Nacht.
30 Nebenstraßengeräusche. Kühlschrankbrummen, ruhiges Schlafzimmer bei Nacht.
35 Obere zulässige Grenze der Nachtgeräusche in Wohngebieten.
40 Leise Unterhaltung. Schlafstörungen treten auf. Lern- und Konzentrationsstörungen möglich.
45 Obere zulässige Grenze der Tagesgeräusche in Wohngebieten.
50 Normale Unterhaltung, Zimmerlautstärke, Geschirrspüler.
60 Stressgrenze. Laute Unterhaltung. Walkman (Pegelbegrenzung).
65 Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems.
Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
70 Bürolärm, Haushaltslärm wie Staubsauger.
75 Fahrradglocke (genormte Mindestlautstärke)
80 Starker Straßenlärm, Staubsauger, Schreien, Kinderlärm.
85 Gehörschutz im gewerblichen Arbeitsbereich vorgeschrieben.
90 Dieselmotor, zehn Meter entfernt.
100 Motorrad, Kreissäge, Presslufthammer, Diskomusik
110 Schnellzug in geringer Entfernung, Walkman, Rockkonzert.
120 Flugzeug in geringer Entfernung. Unwohlseinsschwelle
130 Schmerzschwelle – Gehörschädigung möglich.
140 Düsenflugzeug in 30 Metern Entfernung. EU-Grenzwert zum Schutz vor Gehörschäden.
160 Geschützknall, Trommelfell kann platzen. Knall bei einer Airbag-Entfaltung.
190 Innere Verletzungen, Hautverbrennungen, Tod wahrscheinlich.
 

Der Fluglärm-Dauerschallpegel ist an den meisten Messstellen im Einflussbereich des Flughafens im Zeitraum 2013 bis 2017 ebenfalls gestiegen. Bis auf die Stationen „Quickborn (Schule)“ und „Langenhorn“ ist es an allen Fluglärmmessstellen in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich lauter geworden.

In den besonders geschützten Nachtstunden von 22 bis 6 Uhr ist es in den vergangenen Jahren ebenfalls deutlich lauter geworden.

 

Kritik an „Spaßreisen“

Die Anhebung der Verspätungs- und Lärmzuschläge sowie die Vereinbarungen mit den Fluggesellschaften hätten nichts gebracht. „Diese Instrumente haben bislang nachweislich nicht funktioniert“, sagte BUND-Landesgeschäftsführer Manfred Braasch. Die Lärmbelastung für die Anwohner sei unerträglich, sagte Mosel. „Der Betrieb eines innerstädtischen Flughafens kann so nicht weitergehen.“ Es müsse insgesamt weniger geflogen werden, sagte Braasch.

68 Prozent der Flüge von und nach Hamburg seien Freizeitflüge, die die Umweltschützer auch als „Spaßreisen“ bezeichnen. „Ich möchte nicht der vierköpfigen Familie ihren Sommerurlaub per Flugzeug vermiesen“, betonte Braasch. Aber man müsse nicht drei oder vier Mal pro Jahr zum Einkaufen nach Kopenhagen oder London fliegen.

Im vergangenen Jahr hatte der BUND mehr als 12.000 Unterschriften für eine Volkspetition gesammelt, mit der ein striktes Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr gefordert wird. Der Umweltausschuss der Bürgerschaft will am Donnerstag über die Volkspetition beraten. Das Parlament werde sich voraussichtlich im April mit dem Anliegen befassen, sagte Braasch.

Eine Sprecherin des Flughafens betonte, dass Flüge in der Zeit von 23 bis 24 Uhr zulässig seien und im Rahmen der Verspätungsregelung stattfänden. Diese sei ein wichtiger Bestandteil der Betriebsgenehmigung am Hamburg Airport. Oft reiche schon eine kleine Verzögerung, zum Beispiel durch ein Unwetter, eine technische Störung oder einen medizinischen Notfall, um eine Verspätung herbeizuführen. „Am Ende dieser Kette stehen die Passagiere, die trotz der Verzögerung an ihrem Zielort ankommen möchten“, sagte die Sprecherin.

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