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Immobilien-Not : Hamburg wächst: Wo ist noch Platz für neue Wohnungen?

vom

Die Bevölkerungszahl soll bis 2030 auf zwei Millionen steigen. Doch schon jetzt gibt es Wohnungsnot. Es gibt zwei Lösungsmöglichkeiten.

shz.de von
erstellt am 11.Okt.2017 | 18:10 Uhr

Lösung I: Hochgeschoss-Bauten entlang von Hauptverkehrsadern

<p>An den Hauptverkehrsachsen: Die Stadt setzt auf E-Mobilität und hofft, das Wohnen wie hier an der Kieler Chaussee, damit erträglicher zu machen. </p>

An den Hauptverkehrsachsen: Die Stadt setzt auf E-Mobilität und hofft, das Wohnen wie hier an der Kieler Chaussee, damit erträglicher zu machen.

Foto: dpa

Wohin mit fast 200.000 zusätzlichen Hamburgern in den kommenden 15 Jahren? Eine Lösung könnte nach Auffassung der rot-grünen Senatsmehrheit in einer massiven mehrgeschossigen Bebauung entlang der großen Hauptverkehrsachsen bestehen. SPD und Grüne wollen den Senat heute per Bürgerschaftsantrag auffordern, das Baupotenzial entlang vier- und sechsspuriger Verkehrsachsen zu prüfen. Nach einer Untersuchung im Bezirk Altona könnten allein dort 20.000 zusätzliche Wohnungen in einem Korridor von 50 Metern beidseits der Magistralen entstehen, heißt es in der Begründung. Hochgerechnet auf das gesamte Stadtgebiet hofft Grünen-Stadtentwicklungsexperte Olaf Duge auf ein Potenzial von 100.000 Einheiten.

Hintergrund des Vorstoßes ist die anhaltende Zuwanderung in Hamburg. Bis 2030 wird die Einwohnerzahl von 1,8 Millionen auf fast zwei Millionen ansteigen, so Bevölkerungsforscher. Hamburg verfolgt ein ehrgeiziges Bauprogramm mit dem Bau von 10.000 zusätzlichen Wohnungen pro Jahr. In den vergangenen Monaten hat sich deshalb der Konflikt mit Naturschützern zugespitzt, die gegen den Verlust von immer mehr Grün- und Erholungsflächen kämpfen. Der Naturschutzbund (Nabu) will per Volksinitiative erreichen, dass Hamburg unter dem Strich den jetzigen Anteil an Grünflächen erhält.

Geht es nach Rot-Grün, wird ein Großteil des Bevölkerungswachstums ohnehin lieber entlang großer Einfallstraßen wie Bramfelder und Wandsbeker Chaussee, Kieler Straße, Lok¬stedter Steindamm und Kollaustraße bewältigt. Dort herrschen bisher ein- bis zweigeschossige Bauten vor. Diese, so die Idee, sollen entweder auf vier bis sechs Stockwerke aufgestockt oder durch entsprechende Neubauten ersetzt werden.

Laut Antrag müsse eine „nachhaltige Innenentwicklung“ durch Baulückenschließungen, Aufstockungen und Ausbauten müsse „deutliche Priorität vor einer Stadterweiterung“ an Hamburgs Rändern haben. Zugleich räumen die Initiatoren aber ein, dass eine großflächige Neubebauung der größten Straßen schwer zu bewältigen sein wird – vor allem, wenn private Grundstückseigner nicht mitziehen. Im Antragstext heißt es, dass sich das Potenzial in Altona von 20.000 Einheiten „teilweise deutlich reduzieren“ könne.

Zweiter Knackpunkt des Vorstoßes ist die hohe Lärm- und Schadstoffbelastung an den vielspurigen Einfallstraßen. Grüne und SPD setzen in diesem Punkt auf den Faktor Zeit und die begonnene Verkehrswende. Wenn immer mehr Elektroautos unterwegs seien, nähmen Krach und Abgasbelastung deutlich ab.

Lösung II: Oberbillwerder als erste Großsiedlung am Stadtrand

<p>Oberbillwerder aus der Vogelperspektive: Rund 120 Hektar Grünland (Mitte) sollen bebaut werden, links der Stadtteil Neuallermöhe. </p>

Oberbillwerder aus der Vogelperspektive: Rund 120 Hektar Grünland (Mitte) sollen bebaut werden, links der Stadtteil Neuallermöhe.

Foto: BSW
 

Nur die Hafencity ist größer: Im Bezirk Bergedorf will Hamburg sein zweitgrößtes Neubaugebiet aus dem Boden stampfen. Auf 120 Hektar Grünland und Wiesen sollen 6000 bis 7000 Wohnungen für etwa 15.000 Menschen entstehen. Zwölf Planungsbüros haben nun begonnen, Vorschläge für das Pioniervorhaben im Rahmen des Senatsprogramm „Stadt an neuen Orten“ zu erarbeiten. Dahinter verbirgt sich das Konzept, an den Rändern der Metropole größere Siedlungen zu errichten, um die stetig wachsende Wohnungsnachfrage zu befriedigen und die Abwanderung junger Familien in den Speckgürtel einzudämmen. Ein Drittel der Wohnungen in dem Großquartier sollen sozial gefördert sein.

Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) macht deutlich: „Oberbillwerder bietet für Hamburg die Möglichkeit, einen modernen und lebendigen und urbanen Stadtteil zu entwickeln.“ Stolz verwies sie darauf, dass die Bevölkerung schon in der jetzigen Vorplanung ein gewichtiges Wörtchen mitreden soll. Erstmals nutze Hamburg mit dem Wettbewerblichen Dialog ein Verfahren, das Planungsbüros miteinander ins Gespräch bringt und gleichzeitig die Öffentlichkeit einbindet. Die Latte für den Vorzeigestadtteil legt der Senat bewusst hoch, um die Entstehung eines Ghettos zu vermeiden. Stapelfeldt: „Wir suchen Konzepte für bezahlbare Wohnungen und gleichzeitig Bauten von hoher städtebaulicher Qualität.“

Außer Wohnungen sollen in Oberbillwerder Arbeitsplätze für 5000 Menschen entstehen, dazu drei Schulen und 14 Kitas sowie weitere Einrichtungen für Soziales, Kultur und Nahversorgung. Autoarmut gehört zum Konzept, StadtRad-Stationen, Switchh-Points und Fahrradgaragen sind obligatorisch. Weiteres Ziel ist ein hoher Anteil regenerativer Energien.

Bergedorfs Bezirksamtsleiter Arne Dornquast (SPD) kündigte überdies eine besondere Schwerpunktsetzung an: „Unser Ziel ist es, ein Musterquartier als Sportstadtteil zu werden.“ Die Versorgung mit Sportanlagen soll deutlich besser ausfallen als in anderen Teilen der Hansestadt.

Zwölf beauftragte Planungsbüros werden in den nächsten Monaten mit den Bürgern Vorschläge zur Umsetzung all der Vorgaben machen. Die Stadt fordert anschließend drei bis vier der Büros zur Abgabe verbindlicher Angebote auf. Im Mai 2018 soll feststehen, wer den Masterplan erarbeiten darf.

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