Mahnwache von „Terre des Femmes“ : Hamburg: Vor zehn Jahren starb Morsal Obeidi

Die Deutsch-Afghanin Morsal Obeidi wurde nur 16 Jahre alt.

Die Deutsch-Afghanin Morsal Obeidi wurde nur 16 Jahre alt.

Der Ehrenmord an der damals 16-Jährigen sorgte bundesweit für Aufsehen. Ihr Bruder tötete sie mit über 20 Messerstichen.

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15. Mai 2018, 12:06 Uhr

Hamburg | Zehn Jahre nach dem Ehrenmord an Morsal Obeidi gedenken am Dienstag Frauen der Städtegruppe Hamburg von „Terre des Femmes“ der Getöteten. Von 16 bis 18 Uhr werde am Ort des Geschehens, dem Übergang der S- und U-Bahnhaltestelle Berliner Tor, eine Mahnwache abgehalten. Das teilte der Verein, der sich für Menschenrechte für Frauen einsetzt, in einer Pressemitteilung mit.

Die damals 16 Jahre alte Deutsch-Afghanin Morsal Obeidi wurde am 15. Mai 2008 von ihrem Bruder mit 23 Messerstichen getötet – aus Wut über ihren westlichen Lebensstil. Sie wollte leben „wie eine Deutsche“. Schon vor ihrem Tod wurde die 16-Jährige von ihrem Bruder und den Eltern drangsaliert, geschlagen und getreten. Selbst ein zehnmonatiger Aufenthalt in Afghanistan tat ihrem Willen nach einem freien Leben keinen Abbruch. Morsal war zwischen ihrer Freiheit und ihrer Familie hin und hergerissen.  Oft rief Morsal die Polizei, suchte Sicherheit in Schutzunterkünften, doch Anzeige erstattete sie nie. Auch die Einrichtungen verließ sie immer wieder, um zu ihrer Familie zurückzukehren.

Am 13. Februar 2009 wurde der 24-jährige Ahmad Obeidi zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 24-Jährige „heimtückisch und aus niederen Beweggründen“ handelte. Richter Wolfgang Backen sagte, Morsals Bruder „tötete aus reiner Intoleranz“. Er war Polizei und Justiz schon vorher als Intensivtäter bekannt.

Das Urteil löste heftige Proteste beim Verurteilten und anderen Familienangehörigen aus. Die Familie hämmerte gegen das Panzerglas, das den Zuschauerraum abtrennt, sie schrien den Richter an und attackierten später auch Journalisten. Bevor der Angeklagte aus dem Gerichtssaal geführt wurde, warf er einen Papierstapel in Richtung Staatsanwalt Boris Bochnick, wüste Beschimpfungen wie „Du Hurensohn, ich ficke deine Mutter“ folgten. Eine Mahnwache der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ vor dem Gericht wurde angegriffen. Morsals Mutter drohte, sich aus dem Fenster zu stürzen, weil man ihr „die Famlilie kaputt gemacht“ habe.

Gegen Ahmad Obeidi wurde später unter anderem wegen Beleidigung ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Außerdem erhielt der Staatsanwalt anonyme Morddrohungen.

Morsal Obeidi wurde am 7. September 1991 in Masar-e Scharif geboren und besuchte bis zu ihrem Tod die Schule Ernst-Henning-Straße in Bergedorf. Sie wurde auf dem Friedhof Öjendorf beerdigt.

„Terre des Femmes“ will die Gesellschaft weiter für dieses Thema sensibilisieren. Zwei Ehrenmordversuche der vergangenen Monate:

  • In Laupheim wird ein 17 Jahre altes Mädchen aus Libyen, das nach Scharia-Recht verheiratet worden war, von ihrem Bruder mit einem Messerstich im Oberkörper lebensgefährlich verletzt, weil sie einen neuen Freund hatte. Er und sein 34 Jahre alter Schwager wurden festgenommen und sind dringend tatverdächtig.
  • Ein 75-jähriger Vater attackiert in Berlin seine 47-jährige Tochter mit einem Messer an ihrer Arbeitsstelle. Die türkischstämmige Frau muss nach der Messerattacke notoperiert werden. Sie hatte sich zuvor von ihrem Ehemann getrennt, weil er sie geschlagen hatte.
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