Verblüffung in SH : Hamburg sucht ein Heim für kriminelle Jugendliche

Zwei Ex-Haasenburg-Bewohner sollen eine Frau in Hamburg sexuell genötigt haben. Die kürzlich aus den umstrittenen Heimen in Brandenburg in die Hansestadt zurückgekehrten Jugendlichen sollen eine 23-Jährige missbraucht haben.
Zwei Ex-Haasenburg-Bewohner sollen eine Frau in Hamburg sexuell genötigt haben. Die kürzlich aus den umstrittenen Heimen in Brandenburg in die Hansestadt zurückgekehrten Jugendlichen sollen eine 23-Jährige missbraucht haben.

Nach dem Aus für die Haasenburg-Heime braucht Hamburg wieder eine Unterbringung für junge Intensivtäter. Allerdings soll diese nicht in der Hansestadt liegen, sondern eventuell in SH. Unterdessen sorgt ein Verbrechen für Schlagzeilen.

shz.de von
15. November 2013, 00:33 Uhr

Hamburg | Es ist eine bemerkenswerte Kehrtwende des SPD-Senats: Hamburg will kriminelle Jugendliche wieder in einem eigenen geschlossenen Heim unterbringen. „Wir machen es jetzt selber“, kündigte Sozialsenator Detlef Scheele an. Allerdings solle die Unterkunft nicht auf Hamburger Territorium liegen, sondern in einem der norddeutschen Nachbarländer. Noch bis Ende November laufe die Suche nach einem gemeinnützigen Betreiber. Finde sich kein geeigneter Trägerverein, werde die Stadt eine eigene Gesellschaft dafür gründen, sagte Scheele. Erst dann werde nach einem Standort gesucht.

Die Ankündigung überrascht, hatte die Hanse-SPD die geschlossene Unterbringung Minderjähriger doch lange strikt abgelehnt. In den 90er Jahren schuf Hamburg das Konzept „Menschen statt Mauern“, bei dem gefährliche Jugendliche in Wohngruppen betreut oder auf erlebnispädagogische Reisen geschickt wurden. 1998 erstachen zwei solcher Intensivtäter in Rahlstedt einen Lebensmittelhändler – der Fall wurde zum Anfang vom Ende der 44-jährigen SPD-Herrschaft an der Elbe. Unter der CDU/Schill/FDP-Regierung richtete Hamburg 2003 in Alsterdorf ein geschlossenes Heim ein, dass von Schwarz-Grün allerdings 2008 wieder aufgegeben wurde. Auslöser waren mehrere Skandale sowie etliche Entweichungen aus der Unterkunft Feuerbergstraße.

Seither schickt der Stadtstaat minderjährige Kriminelle, für die Jugendrichter geschlossene Unterbringung anordnen, in andere Bundesländer – bis vor kurzem in drei Einrichtungen des freien Jugendhilfeträgers Haasenburg GmbH nach Brandenburg. Dort lebten zeitweise bis zu zehn jugendliche Straftäter aus Hamburg. Nach Missbrauchsvorwürfen gegen Personal und Führung hat Brandenburg Anfang November die Schließung der Haasenburg-Heime verfügt. Für die zuletzt noch drei Hamburger Intensivtäter braucht Scheele nun eine andere Lösung.

Eine Wiederöffnung des Feuerbergstraßen-Hauses kommt für den Senat nicht in Frage. Die Unterbringung von Problem-Jugendlichen in der eigenen Stadt habe sich als Fehler erwiesen, sagte Schweitzer. „Es ist dabei keine Trennung der Betroffenen von ihrem Milieu möglich.“

Die im Umland geplante Unterkunft soll laut Sozialbehörde zehn bis 15 Plätze für Jungkriminelle aus der Metropole bieten, aber auch den anderen Nordländern offen stehen. Der Behördensprecher: „Sobald es einen Träger gibt und ein Konzept ausgearbeitet ist, werden wir mit unseren Nachbarländern über eine Kooperation sprechen und deren Bedarf abfragen.“

Im Kieler Sozialministerium löste der Vorschlag Verblüffung aus. „Mit dieser Fragestellung ist noch niemand an uns herangetreten“, sagte Sprecher Christian Kohl. Er verwies auf den Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und SSW. „Jugendarrest muss im Vergleich zum Jugendstrafvollzug eine eigene pädagogische Konzeption zur Grundlage haben. Geschlossene Heime oder den Warnschussarrest für Jugendliche lehnen wir ab“, heißt es dort. Präventionsarbeit müsse bei Jugendkriminalität an erster Stelle stehen. Anders als in den Stadtstaaten wird in Schleswig-Holstein die Jugendhilfe von den Jugendämtern der Kreise und kreisfreien Städte gemanagt. „Das Land hat bei der Entscheidung, welche Hilfen für einzelne Jugendliche eingeleitet werden, keine Entscheidungsbefugnis“, so Kohl. Es gebe unter den Kommunen einen Konsens, geschlossene Unterbringungen zu vermeiden, das sei auch bislang bei keinem Jugendlichen aus Schleswig-Holstein der Fall. Stattdessen würden junge Intensivtäter in Familien untergebracht oder von Mitarbeitern der Jugendhilfe in einer offenen Einrichtung betreut.

Unterdessen sorgt ein Verbrechen für neue Schlagzeilen: Zwei Ex-Haasenburg-Bewohner sollen eine Frau in Hamburg sexuell genötigt haben. Die kürzlich aus den umstrittenen Haasenburg-Heimen in Brandenburgin die Hansestadt zurückkehrten Jugendlichen sollen eine 23-Jährige missbraucht haben. Die 13 und 17 Jahre alten Jungen seien am 8. November aufgegriffen worden, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Den beiden werde vorgeworfen, die junge Frau am 3. November abends im Hamburger Stadtteil Hamm nahe einem Kleingartenverein niedergerissen und sexuell genötigt zu haben.

Nach Agentur-Informationen ist der 17-Jährige einer der drei Jugendlichen, die im Sommer nach ihrer Flucht aus Haasenburg-Heimen die Schlagzeilen bestimmt hatten. Sie gaben damals an, vor Übergriffen aus dem Heim geflohen zu sein und hatten damit die schon länger dauernde Diskussion um die Heime neu befeuert. Ende August wurde der 17-Jährige offiziell aus dem Heim entlassen, lebte seither wieder in Hamburg und wurde ambulant betreut. Inzwischen ist gegen ihn Haftbefehl erlassen und er sitzt in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand ein. Er ist wegen mehrerer Delikte bereits polizeibekannt. Es seien bislang aber noch keine Sexualstraftaten darunter gewesen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Der 13-Jährige ist noch nicht strafmündig. Eigentlich hatte er am 6. November nach einem Urlaub bei der Mutter in Hamburg in ein Haasenburg-Heim zurückkehren sollen. Doch diesen Plan hatte die Sozialbehörde gestoppt und den Teenager beim Kinder- und Jugendnotdienst untergebracht. Denn an diesem Tag war bekanntgeworden, dass die wegen Misshandlungsvorwürfen umstrittenen Kinder- und Jugendheime der Haasenburg GmbH schließen müssen.

Die Ermittlungen zu der sexuellen Nötigung der jungen Frau in Hamm-Nord dauern an. Die Angaben der beiden Jungen zu dem Verbrechen seien nicht einheitlich, sagte die Sprecherin der Anklagebehörde. „Sie haben die Tat gemeinschaftlich begangen, aber der Ältere soll mehr gemacht haben.“ Laut Polizeibericht hatte sich die 23-Jährige gewehrt und um Hilfe geschrien. Als zwei Passanten aufmerksam wurden, flüchteten die Täter. Das Opfer wurde leicht verletzt.

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