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„Die Dabeigewesenen“ : Hamburg startet Portal mit Biografien von NS-Mitläufern

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Die Nachschlageplattform stellt eher unbekannte Nutznießer der NS-Zeit aus Hamburg vor. Doch auch bekannte Namen sind dabei.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2016 | 19:12 Uhr

Hamburg | Hamburg Nazi-Terror, Judenvernichtung und Vermögensraub – auch in Hamburg wäre das ohne ein abertausendfaches Mitläufertum nicht möglich gewesen. Mit einem Internetportal lüftet die Landeszentrale für Politische Bildung nun den Schleier über diesem Dunkelfeld des Schreckens. Unter dem Titel „Die Dabeigewesenen“ enthält die Datensammlung 520 Kurzprofile von Hamburger Tätern, Karrieristen, Profiteuren, Befehlsempfängern, Denunzianten und Verstrickten des Tausendjährigen Reichs. Beleuchtet werden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, von Medizin über Justiz, Schulen und Senat bis zu Kirchen und Kultur.

Die Informations- und Nachschlageplattform wolle einen Anstoß geben, sich in Hamburg verstärkt mit den eher unbekannten Nutznießern der NS-Zeit zu beschäftigen, sagte Sabine Bamberger-Stemmann, Direktorin der Landeszentrale, zur Freischaltung des Portals. „Die Landeszentrale hofft auf eine rege Nutzung, auf vielfältige Anregungen und Überlegungen sowie auf eine Bürgerdebatte über den Umgang unserer Stadt mit den Dabeigewesenen und mit deren Opfern.“

Das Portal bündelt Informationen aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Biographien und Entnazifizierungsakten. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Suchen lässt sich sowohl nach Personenamen als auch anhand thematischer Schlagworte.

Eines davon ist das der „Denunzianten“, von denen Alfons Pannek einer war. Der Ex-Kommunist, so erfährt der Leser, diente der Gestapo von 1940 an als Spitzel in Hamburg, lieferte Freunde und Bekannte reihenweise ans Messer; mindestens 15 davon überlebten die Gestapohaft nicht.

In der Rubrik „Sport“ stößt der Leser unter anderem auf die Namen zweier stadtbekannter Vereinsgrößen. Paul Hauenschild, Gründungsmitglied und späterer Vorsitzender des HSV, trat eilfertig bereits am 1. Mai 1933 der NSDAP bei. Dennoch machte ihn der Verein 1949/50 erneut zu ihrem obersten Vertreter. 1937 wurde auch der Vorsitzende des FC St. Pauli, Wilhelm Koch, Mitglied der Hitler-Partei. Bis 1945 war er unbehelligter „Vereinsführer“, und ab 1947 wieder. „Er hatte das Vertrauen der neuen Machthaber und passte sich zusammen mit anderen Vereinsfunktionären an“, heißt es im Datenportal über Koch.

Die meisten der 520 Namen sind wenig bekannt, doch es gibt auch allerlei weitere Prominente im Verzeichnis der Dabeigewesenen. Das gilt nicht zuletzt für den Kulturbereich. Veit Harlan, Regisseur antisemitischer Filme wie „Jud Süß“, ist dabei ein bemerkenswertes Beispiel von Entnazifizierung in Hamburg. Er war kurz vor Kriegsende an die Elbe geflüchtet, die Briten entließen ihn dort als „Entlasteten“. Auch in zwei Strafprozessen vor Hamburger Gerichten wurde Harlan freigesprochen.

Das Portal listet schließlich 40 NS-Anhänger und -Profiteure auf, nach denen noch heute Straßen in der Hansestadt benannt sind. Der Bogen reicht von Architekt Fritz Höger (Chilehaus), der ein Gau-Hochhaus an der Ost-West-Straße entwarf, bis zu den Malern Emil Nolde und Hans Leip.

 

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