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Tödliches Virus : Hamburg: So wurde der Ebola-Patient geheilt

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Vor ein paar Wochen wurde der Senegalese aus dem Krankenhaus entlassen. Ärzte beschreiben, wie schlimm es um ihn stand. Einer von ihnen reist jetzt in das Krisengebiet nach Westafrika.

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2014 | 10:50 Uhr

Hamburg | Die Erkenntnisse aus der Behandlung des ersten Ebola-Patienten in Deutschland könnten nach Ansicht des Hamburger Tropenmediziners Stefan Schmiedel auch im Krisengebiet in Westafrika helfen. Der Erkrankte aus dem Senegal sei ohne experimentelle Mittel wie „ZMapp“, sondern ausschließlich mit einer unterstützenden Therapie geheilt worden, sagte Schmiedel am Donnerstag. Als Beispiel nannte er vor allem eine Flüssigkeits- und Ernährungstherapie über Infusionen: „Das kann jede Krankenschwester und jeder Arzt.“ Wenn solche Maßnahmen im Ebola-Krisengebiet stärker etabliert würden, könnte die Sterblichkeit auch ohne High-Tech-Medizin deutlich gesenkt werden. Voraussetzung sei allerdings, dass es dort ausreichend medizinische Fachkräfte gebe, betonte Schmiedel. „Der kritische Faktor ist tatsächlich das Personal.“

Der 51-Jährige wird bald selbst in Westafrika helfen. Er werde am Mittwoch für die Organisation Ärzte ohne Grenzen für drei Wochen nach Sierra Leone reisen, sagte Schmiedel - in ein Krankenhaus, „das mitten im Hauptendemiegebiet liegt“. Wegen der Personalknappheit seien die Behandlungsbedingungen dort „äußerst limitiert“. Er mache sich aber keine Sorgen, mit dem Ebola-Virus infiziert zu werden, erklärte der Vater von vier Kindern: „Ich hab überhaupt keine Angst, weil ich weiß, wie man sich davor schützen kann.“

Schmiedel war verantwortlich für die Therapie des Hamburger Ebola-Patienten. Der Mann aus dem Senegal wurde fünf Wochen auf der Sonderisolierstation des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) behandelt und Anfang Oktober geheilt entlassen. Ende August war er nach Hamburg eingeflogen worden. Er hatte als Epidemiologe in einem Ebola-Behandlungszentrum in Sierra Leone gearbeitet. Dort infizierte sich der Mann höchstwahrscheinlich bei einem Kollegen.

Die Erkenntnisse aus der Therapie haben Ärzte und Infektiologen des UKE, des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Das Virus habe den Magen-Darm-Trakt des Patienten völlig gelähmt, berichtete Schmiedel. Es führe auch zu Verwirrung und Benommenheit: „Man kann nur mit leiser Stimme müde Fragen beantworten.“ Die Ärzte habe auch überrascht, wie viel Flüssigkeit über Infusionen zugeführt werden musste - anfangs waren es pro Tag etwa zehn Liter.

Ein weiterer kritischer Punkt war, dass Darmbakterien streuten und eine schwere Blutvergiftung hervorriefen. Das UKE hatte Schmiedel zufolge zwei antivirale Mittel vorrätig, die aber nicht verwendet wurden. Angesichts des „Drucks in der Behandlerszene“ sei es nicht einfach gewesen, auf experimentelle Strategien zu verzichten. Es habe aber keine überzeugenden Argumente für einen Einsatz bei dem Patienten gegeben. Das UKE habe die Mittel inzwischen an andere Behandlungszentren weitergereicht.

Das Ebola-Virus sei sehr hartnäckig, sagte Prof. Stephan Günther vom Bernhard-Nocht-Institut. „Es kann sich in verschiedenen Organen noch verstecken.“ Auch wenn man das Virus im Blut nicht mehr finde, könnten Reste davon noch im Körper sein - etwa in Samenflüssigkeit, Speichel, Urin oder Schweiß. Die direkten Behandlungskosten schätzt die Klinik auf rund 300.000 Euro. Wie hoch die Kosten insgesamt waren, ist den Angaben zufolge bisher unklar: „Zwei Millionen sind sicherlich viel zu hoch gegriffen.“

Einen „echten“ Verdachtsfall nach den Kriterien des Robert Koch-Instituts habe es bisher im UKE nicht gegeben, sagte Schmiedel. Dennoch sei allein eine Arbeitskraft nur mit Anfragen rund um Ebola beschäftigt. „Was man sehen muss: Es gibt erhebliche Ängste und Unsicherheiten auch bei medizinischem Fachpersonal.“

Der Kampf gegen die Ebola-Seuche geht weltweit weiter. Mediziner setzen auf den schnellen Einsatz von Impfstoffen. Zwei Substanzen würden bereits an Menschen getestet, in Tierversuchen hätten sie einen hundertprozentigen Schutz gezeigt, sagte Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Tropenmedizin am UKE, am Mittwoch auf einer Fachveranstaltung in Frankfurt. Dabei wird abgeschwächten, genetisch veränderten Trägerviren ein kleines Proteinstück eines Ebola-Virus zugefügt, um den Geimpften immun zu machen. Der eine Impfstoff werde seit September in den USA, Großbritannien und Mali getestet. Der zweite - ein Lebendimpfstoff, der zum Teil in Marburg entwickelt wurde - werde in Kürze in der Schweiz, Gabun, Kenia und Deutschland getestet.

Auch hierbei spielt Hamburg eine Rolle, am UKE ist eine Studie geplant: Der Impfstoff werde in Phase eins insgesamt 30 gesunden Freiwilligen gespritzt, um mögliche Nebenwirkungen zu erkennen. In Phase zwei könnten bereits Tausende, vielleicht sogar Zehntausende Menschen in Afrika einbezogen werden, sagte Klaus Cichutek, Leiter des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strebt den großflächigen Einsatz von Impfstoffen in den Krisengebieten für Anfang des kommenden Jahres an. Bei den Tests derzeit gehe es neben der Sicherheit darum, die richtige Dosis zu bestimmen, hatte die stellvertretende WHO-Generaldirektorin Marie Paule Kieny am Dienstag in Genf erklärt. Eine Ebola-Erkrankung infolge der Impfung schloss sie aus, weil in den Stoffen nicht das gesamte Virus enthalten sei.

Aber auch wenn eine geringe Dosis wirksam sei, reichen laut WHO die Impfstoffe bei weitem nicht für alle Menschen in Westafrika. Deswegen müsse man mit den Verantwortlichen vor Ort klären, welche Personengruppen zunächst geimpft würden - als Beispiele nannte Kieny Ärzte, Ersthelfer oder Angehörige von Erkrankten.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Mittwochabend sind inzwischen 9936 Fälle erfasst. Die Zahl der Toten beträgt demnach 4877. Allerdings gehen Experten nach wie vor von einer hohen Dunkelziffer aus. Besonders in den Hauptstädten der Länder Guinea, Liberia und Sierra Leone, die am stärksten von der Seuche betroffen sind, bleibe die Übertragungsrate sehr hoch, erklärte die WHO.

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