Wohnungslose EU-Bürger : Hamburg: Beratungsstelle vermittelte mehr als 900 Obdachlose in Heimatländer

Andreas Stasiewicz, Projektkoordinator der Beratungsstelle für osteuropäische Obdachlose PLATA, berät in Hamburg einen polnischen Obdachlosen in seinem Büro.
Andreas Stasiewicz, Projektkoordinator der Beratungsstelle für osteuropäische Obdachlose PLATA, berät in Hamburg einen polnischen Obdachlosen in seinem Büro.

„Plata“ versucht Obdachlosen aus Polen, Rumänien und Bulgarien eine neue Perspektive zu eröffnen - im Heimatland.

shz.de von
31. Mai 2015, 09:32 Uhr

Hamburg | Es sind in der Regel gescheiterte Menschen, die bei Andreas Stasiewicz Rat suchen. Der 56-Jährige leitet das Projekt „Plata“ bei der Anlaufstelle für wohnungslose EU-Bürger, das seine Räume ganz in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs hat. Plata ist polnisch und kommt von dem deutschen Ausdruck „Platte machen“. Vor der Tür von Stasiewicz drängen sich etwa ein Dutzend Obdachlose. Manchmal sind es bis zu 70, sagt der aus Breslau stammende Soziologe.

Die Gesichter der meisten Wartenden sind vom Alkohol gezeichnet. Es riecht etwas streng im Vorzimmer, an den Wänden im Treppenhaus sind Blutspritzer einer Schlägerei zu sehen. Gleichwohl herrscht eine aufgeräumte Stimmung bei Stasiewicz und seinen vier Mitarbeitern, deren Arbeit von der Stadtmission und der Sozialbehörde getragen wird. Sie wollen ihren Klienten helfen und - wenn möglich - eine Perspektive bieten, nicht unbedingt in Hamburg. „Wir versuchen, Alternativen im Heimatland zu finden“, sagt Stasiewicz.

In Polen hat „Plata“ einen starken Partner namens „Barka“. Diese Organisation hilft in Not geratenen Polen in ganz Europa und hat für sie in der Nähe von Posen Reintegrationszentren aufgebaut. „Die Menschen, die hier auf der Straße waren, bekommen dort das, was sie brauchen“, sagt Stasiewicz. Er spricht aus Erfahrung. Einem alkoholkranken Mann hatte er in Hamburg eine Therapie vermittelt, die aber an der Sprachbarriere scheiterte. In Polen wurde er erfolgreich behandelt und kam zwei Jahre später „trocken“ nach Deutschland zurück. Stasiewicz hat die in Deutschland kaum bekannten Zentren von „Barka“ besucht. „Ich habe mich selbst gewundert, dass es solche Einrichtungen gibt.“

Ein ehemals Obdachloser, den er kennt, baut nun in Ostpolen ein eigenes Haus im Wert von 10.000 bis 15.000 Euro. Andere sind in einem Zentrum untergekommen, das ein Tierheim für streunende Hunde betreibt. „Das funktioniert so wunderbar: Die kaputten Säufer machen das besser als ausgebildete Tierpfleger“, schwärmt Stasiewicz. Jeder habe in den Zentren sein eigenes Zimmer, doch gegessen werde in Gemeinschaftsräumen. „Ich träume davon, dass wir so was in Rumänien finden“, sagt Stasiewicz, oder in Bulgarien.

Ali Aliew kommt aus der Nähe von Warna am Schwarzen Meer. Der 57-Jährige geht an Krücken, ist krank und obdachlos. Früher hat er auf Baustellen und in einer Bäckerei in Deutschland gearbeitet. Wenn er in Hamburg weiter auf der Straße lebt, wird er sterben, sagt Stasiewicz. „Das ist eine traurige Geschichte.“ Die Anlaufstelle für Obdachlose hat für Aliew einen Platz in einem Altersheim in Bulgarien gefunden. Doch dahin will er nicht. „Er hat Angst vor Bekannten, die ihm feind sind“, sagt ein bulgarischer Student, der bei „Plata“ als Übersetzer arbeitet. „Da können wir nichts machen“, meint Stasiewicz.

Für den Leiter der Hamburger Bahnhofsmission, Axel Mangat, steht fest, dass nicht jedes soziale Problem in Hamburg gelöst werden kann, und manches nur im Herkunftsland der Betroffenen. Seit 2002 hätten immer mehr Osteuropäer in der Bahnhofsmission Hilfe gesucht. Mangat und seine Mitarbeiter suchten Kollegen, die die Sprachen der Hilfesuchenden verstanden, und gaben den Anstoß zu „Plata“.

Inzwischen ist er überzeugt, dass die sozialen Probleme des EU-Binnenmarktes eine transnationale Sozialarbeit erfordern. Was in Polen inzwischen so gut funktioniere, müsse auch mit Rumänien und Bulgarien in Gang kommen. „Man muss hinfahren und sich verständigen.“ Stasiewicz war schon dort, allerdings noch ohne großen Erfolg. „Man findet dort keine Zivilgesellschaft“, sagt er. Es gebe viel Gleichgültigkeit und wenig Nächstenliebe.

„Plata“ vermittelt Rumänen, die in Hamburg keine Perspektive haben, meist zurück in ihre Familien. Sieben Millionen Osteuropäer haben sich auf die Suche nach einer neuen Existenz auf dem EU-Binnenmarkt gemacht, schätzt Stasiewicz. Studien zeigten, dass etwa zehn Prozent von ihnen scheiterten. Auch in Hamburg. Allein im vergangenen Jahr hat „Plata“ 938 Menschen in ihre Heimatländer vermittelt, rund 200 davon nach Polen. Stasiewicz weiß aber auch von zehn Obdachlosen, die 2014 in Hamburg auf der Straße starben.

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