Neues Album „Montenegro Zero“ : Haiyti – Die Hamburger Rapperin, die nicht berühmt sein will

Rapperin Haiyiti: „Zurückhaltung, die fast deplatziert wirkt“.
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Rapperin Haiyiti: „Zurückhaltung, die fast deplatziert wirkt“.

Ihr erstes Album kann noch als Flop abgetan werden. Nicht so „Montenegro Zero“ – das zweite Werk von Haiyti.

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09. Januar 2018, 21:16 Uhr

Hamburg | Eigentlich heißt sie Ronja Zschoche, sie wuchs in prekären Verhältnissen in den Hamburger Stadtteilen St. Pauli und Langenhorn auf und studiert Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Nebenbei rappt sie – und das unter dem Pseudonym Haiyiti mittlerweile sogar so erfolgreich, dass sowohl Kenner der Branche, als auch Hater Notiz von ihr nehmen. Mit „Montenegro Zero“ erscheint ihr zweiter Longplayer – doch berühmt werden will sie damit nicht.

Auf Facebook zählt sie auch „nur“ rund 25.000 Fans. Und so kokettiert sie im Eröffnungssong ihres neuen Albums, dem zweiten nach dem von ihr selbst produzierten Flop „Havarie“, selbstbewusst mit ihrer Nichtberühmtheit: „Ich hab 100.000 Fans, die mich noch nicht kennen“ heißt es darin.

Auf die Frage, wie wichtig eine möglichst große Hörerschaft ist, überrascht Haiyti mit einer Zurückhaltung, die fast deplatziert wirkt: „Ich will immer nicht, dass die Leute meine Musik hören. Ich will eigentlich nur die ganzen Ideen rausschmeißen und dann weitermachen. Das ist eigentlich mega-egoistisch und ich will auch nicht unbedingt den Leuten gefallen.“ Dass sie mit ihrem Mix aus HipHop, Rap, Pop und viel, viel Autotune vor allem polarisiert, zeigt ein Blick in die sozialen Netzwerke.

Mehr Beleidigungen als Lob

Unter ihrem Musikvideo zu „Mafioso“, dem vierten Track auf „Montenegro Zero“, findet man mehr Beleidigungen als Lob, die ihr und der Produktionsfirma Universal Music „Fame-Geilheit“ und noch wesentlich deftigere Dinge vorwerfen. Falsch liegen die Kritiker damit allerdings nicht nur deshalb, weil der Song in seiner augenzwinkernden Art, auf die bemühte Prolligkeit des Gangsterrap zu blicken, zu den Highlights des Albums gehört. Sondern auch, weil „Fame“ das Letzte ist, worum es der unkonventionellen Künstlerin geht.

Haiyti träumt nach eigenen Angaben nicht von einer Goldenen Schallplatte, nicht von ausverkauften Stadien, sondern von Ferien: „Ich bräuchte mal Urlaub, dann will ich mal die Welt sehen. Ich war noch nie in Amerika – alle anderen Leute, die ich kenne, waren da schon mal, nur ich nicht. So richtig laufen tut es für mich auch erst, wenn man glücklich ist. Erst dann würde ich sagen, ich hab's geschafft!“

Doch zwischen ihr und dem Gefühl, es „geschafft“ zu haben, stehen neben „100.000 Fans“ und „Mafioso“ noch zehn weitere Tracks auf „Montenegro Zero“, deren Bandbreite von der smoothen Popnummer („Serienmodel“) bis hin zur aggressiven Rap-Abrechnung („Bitches“) reicht. Doch anders als bei ihren um Provokation bemühten Kollegen erweckt Haiyti nie den Eindruck, hinter ihren Nummern würde so etwas wie Kalkül stecken. Stattdessen bringt die ihr Alter konsequent verheimlichende Hamburgerin schlichtweg zu Papier, was ihr in den Sinn kommt: „Manchmal habe ich Angst, dass ich Leuten mit meiner Musik verbal wehtue.“

Haiyti ist nicht kontrollierbar

Dass sich Haiyti auf der anderen Seite auch sehr zurücknehmen kann, beweist sie indes mit „Haubi“, Titel Nummer zehn auf ihrem neuen Album und einer Art komprimierten Version von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Darin rappt sie davon, „vieles schon gesehen“ zu haben, es „trotzdem keinem zu wünschen“, und schildert dann ihre Eindrücke vom Leben am Hamburger Hauptbahnhof, aus dem man „nicht mehr herauskommt“.

Verstecken kann sich Haiyti schon lange nicht mehr, auch wenn sich die Musikerin in der Öffentlichkeit so unscheinbar bewegt, dass man die zierliche, knapp 1,60 Meter große junge Frau glatt übersehen könnte – hätte sie nicht so viel zu sagen. Haiyti ist nicht kontrollierbar. Dazu passt auch, dass sie bislang so ziemlich alles in Eigenregie erledigte: vom Schreiben der Video-Drehbücher über die Auswahl der Kameramänner bis hin zur Produktion ihres ersten Albums „Havarie“.

Ein wenig verplant wirken dagegen die restlichen Songs auf „Montenegro Zero“. Da drängen sich romantische Lyrics wie „Was soll ich mit allem Gold der Welt? Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir!“ („Gold“) zwischen Drogen-Glorifizierungen in „Berghain“ oder zusammenhanglose Satzfetzen in „Kate Moss“, dem Schwachpunkt des Albums, so ganz ohne hörbares Konzept, geschweige denn nachvollziehbaren Text. Doch vielleicht ist „Kate Moss“ dadurch auch genau der Song, der das Wesen Haiytis am besten einfängt.

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