zur Navigation springen

Das Hamburg-Interview zum Hafengeburtstag : Hafenkapitän Jörg Pollmann: „Ich habe meinen Traumjob gefunden“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Jörg Pollmann spricht im Interview über Seefahrerromantik, Schiffe ohne Besatzung und worauf er sich beim diesjährigen Hafengeburtstag freut.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2017 | 10:00 Uhr

Er kommandiert nicht ein Schiff – sondern fast 9000. Und das jedes Jahr. Hamburgs Hafenkapitän Jörg Pollmann (58) bestimmt über das „Tor zur Welt“. In diesen Tagen empfindet der Ostfriese besonders viel Stress und Spaß zugleich.

Herr Pollmann, wie kommt ein Ostfriese als Hafenkapitän nach Hamburg?
Ich komme aus einer Seefahrerfamilie und wollte schon als Jugendlicher zur See fahren. Als nach Ausbildung, Studium und Seefahrtzeit meine Kinder kamen, habe ich mir was an Land gesucht. Ich war zunächst in einer Stauerei in Hamburg, wurde Betriebsleiter und habe mich dann auf die Stelle des Hafenkapitäns beworben.

Und haben das Rennen gemacht... 
Ja, aber als die Zusage kam, musste ich noch ein bisschen überlegen: Ich in einer Behörde? Und dann auch noch Beamter? Meine Frau hat gesagt: Mach das. Heute sage ich: Ich habe meinen Traumjob gefunden.

Was tut eigentlich der Hamburger Hafenkapitän?
Als Hafenkapitän bin ich die oberste nautische Instanz im Hamburger Hafen und damit für die Sicherheit verantwortlich. Dabei geht es vor allem um die Ablaufsteuerung des Schiffsverkehrs: Welche Schiffe können unter welchen Bedingungen zu welcher Uhrzeit den Hamburger Hafen anlaufen oder verlassen. Dafür bin ich mit meinem Team zuständig.

Das heißt genau?
Die Elbe hat viele Restriktionen, etwa Tiefe und Breite der Fahrrinne, dazu die Tide. Jedes Seeschiff, das nach Hamburg kommen will, muss uns mindestens einen Tag vorher sämtliche Daten schicken, damit wir eine Einlaufgenehmigung erteilen können. Wir gucken uns genau an: Was ist das für ein Schiff, was hat es vor und wo will es genau hin? Wir sagen dem Reeder beispielsweise, mit welchem Tiefgang und zu welchem Tidezeitpunkt sein Schiff kommen kann. Wir vergewissern uns auch, ob der Liegeplatz zur Verfügung steht und dass die Rückmeldungen der Lotsen, der Schlepper, der Festmacher, der Wasserschutzpolizei und des Zolls vorliegen. Nur wenn all das geklärt ist, lassen wir das Schiff von der Nordsee kommend nach Hamburg. Denn es ist ja so: Wenn ein Schiff erst mal in der Elbe ist, können wir es nicht mehr stoppen.

Ist es tatsächlich noch nie vorgekommen, dass Ihnen versehentlich einer der dicken Pötte durchgerutscht ist?
Noch nie. Wir haben in Hamburg eines der modernsten Verkehrsablaufsysteme der Welt. Wir bereiten uns im Übrigen auch mit Simulationen darauf vor, wenn neue und besonders große Schiffe erstmals nach Hamburg kommen.

Zur Person Jörg Pollmann

Jörg Pollmann (58) ist in Westerhauderfehn (Ostfriesland) geboren und stammt aus einer Seefahrerfamilie. Die Eltern hätten ihren Sohn lieber bei der Post gesehen, doch das als Abschreckung gedachte Praktikum auf einem Kümo brachte den Jugendlichen nicht von seinem Ziel ab. Zwölf Jahre war Pollmann auf den Weltmeeren unterwegs, dann heuerte er bei einer Hamburger Stauerei an. Seit 1994 ist der Diplom-Wirtschaftsingenieur Leiter des Oberhafen-amtes und Hamburgs Hafenkapitän. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und  lebt in Jork im Alten Land. (mlo)

 

Klingt alles sehr technisch. Gibt es noch Romantik im Hamburger Hafen à la Hans Albers?
Mit Seemannsromantik findet hier nicht mehr viel statt. Die Seeleute liegen mit ihren Schiffen heutzutage jwd in irgendeinem Containerterminal. Die Zeitpläne sind eng. Übrigens ist aber immer versucht worden, Abläufe im Hafen effizienter zu gestalten. Auch zu Zeiten von Hans Albers.

Die Umschlagzahlen stagnieren. Ist Hamburg in 20 Jahren noch Welthafen?
Wenn die Fahrrinnenanpassung der Elbe kommt, bin ich sicher, dass wir auch in 20 Jahren noch in der Champions League mitspielen werden.

Aber die Containerriesen werden immer größer. Kann Hamburg auf Dauer mit Tiefwasser-Konkurrenten wie Rotterdam und Wilhelmshaven mithalten?
Ja, wenn wir die Fahrrinne nochmals um einen Meter vertiefen und entsprechend verbreitern. Der Standort Hamburg hat so viele Stärken, unter anderem den größten Eisenbahnhafen Europas. Außerdem verbleiben um die 25 Prozent der Ladung direkt in der Metropolregion. Das ist ein Riesenvorteil.

Wie stellen Sie sich den Hafen der Zukunft vor? Fahren bald Schiffe ohne Besatzung?
Der Einsatz autonomer Schiffe ist für uns unheimlich interessant. Wir sind allerdings nicht die Treiber der Entwicklung, beobachten aber und liefern Informationen zu. Persönlich kann ich mir vorstellen, dass – sagen wir in zehn Jahren – Schiffe ohne Besatzung über die Ozeane fahren. Kurz vor Erreichen des Hafens gehen dann Seeleute an Bord und übernehmen die Steuerung.

Ein Jahres-Höhepunkt ist für Sie und Ihr Team immer der Hafengeburtstag. Was ist Ihre Rolle?
Die Vorbereitung des Hafengeburtstages läuft bei uns das ganze Jahr. Ich leite den Arbeitskreis „Wasser“, in dem wir festlegen, welche Schiffe wo liegen und welche Aktionen wann auf der Elbe stattfinden.

 

Wenn zur Einlaufparade 300 Schiffe gleichzeitig die Elbe hochkommen, ist das eigentlich Stress für den Hafenkapitän?
Na klar, das sind Stresstage. Meine Frau sagt in der Zeit immer zu mir: „Warum kommst Du eigentlich noch nach Hause? Leg' Dir doch eine Matratze ins Büro.“ Aber so weit ist es nun doch noch nicht.

Was macht die Sache so aufwändig?
Wir sind der einzige Hafen, der Einlauf- und Auslaufparaden in dieser Größenordnung überhaupt macht. Dazu kommen noch die vielen kleinen Begleitfahrzeuge. Das muss jedesmal ganz akribisch geplant, abgestimmt und in die Verkehrsablaufsteuerung eingefügt werden. Kollegen aus anderen Häfen sagen schon mal: „So viele Einschränkungen für den Hafenumschlag. Was Ihr Euch da aufhalst.“ Während der Paraden lassen wir keine Containerfrachter, Bulker oder Tanker in den betroffenen Bereichen fahren. Das sind schon Einschränkungen im normalen Ablauf. Aber Hafengeburtstag ist ja auch nur einmal im Jahr.

Worauf freuen Sie sich beim Hafengeburtstag am meisten?
Wenn es vorbei ist (lacht). Im Ernst: Der Hafengeburtstag ist eine erhebliche Herausforderung. Wenn wir hinterher sagen können, es ist gut gelaufen, dann ist das für uns eine große Erleichterung. Aber ich tue das alles auch, weil es mir großen Spaß macht.

Gibt es 2017 irgendein ein Schiff, das Ihr Herz höher schlagen lässt?
Ja. Als Ostfriese freue ich mich, dass in diesem Jahr das Feuerschiff „Borkum Riff“ zum ersten Mal zum Hafengeburtstag kommt. Mit den Betreibern habe ich schon einen Besuch abgesprochen. Und wenn ik dor ok noch Plattdüütsch schnacken kann, um so beter.

Jörg Pollmann... persönlich
Zuletzt seekrank war ich... an Bord eines Segelbootes in der Nordsee vor zwei Jahren.

Mein Lieblingshafen ist... Hamburg.

Über Ostfriesenwitze... kann ich lachen.

 Urlaub – an der See oder in den Bergen... mehr an der See. Wo Wasser ist, fühl’ ich mich wohl.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... ein Deichabschnitt am Mühlenberger Loch, von wo aus man einen unbeschreiblich schönen Blick über die Elbe und den Hafen hat.

Dass ich als Hafenkapitän kein eigenes Schiff habe... als Hafenkapitän bestimme ich den Kurs eines ganzen Hafens, was will ein Seemann mehr?

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen