Hamburg : Gutachten bestätigt Fehlbestrahlungen an Asklepios-Klinikum St. Georg

Es ist niemand daran gestorben. Eine Lappalie waren die Fehlbestrahlungen im Asklepios-Klinikum Hamburg-St. Georg laut einem Gutachten dennoch nicht. Dubios ist in dem Fall auch die Rolle des Leiters der Prüfkommission.

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05. Mai 2015, 14:46 Uhr

Hamburg | Die Vorwürfe mehrerer Fehlbestrahlungen von Krebspatienten im Akslepios-Klinikum Hamburg-St. Georg haben sich bestätigt. Zwischen 2010 und 2013 seien zehn Patienten in elf Fällen mit teils deutlich zu niedrigen Dosen behandelt worden, sagte der von der Gesundheitsbehörde beauftragte Gutachter, Prof. Bernhard Kimming, am Dienstag. Auch habe es erhebliche Mängel bei der Dokumentation von Befunden und Behandlungen gegeben. Zu Tode gekommen sei durch die Bedienfehler eines Medizin-Physikers jedoch niemand. Dem Klinikum würden nun besondere Auflagen gemacht, kündigte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) an. Andere Krankenhäuser in Hamburg mit ähnlichen Abteilungen blieben davon zunächst unberührt.

Prof. Kimming betonte, Vorwürfe einer Prüfkommission der Ärztlichen Stelle Hamburg, dass andere Patienten ohne eine rechtfertigende Indikation und in zu hoher Dosierung bestrahlt worden seien, hätten sich nicht bestätigt. Die Indikation und die Dosierung in diesen Fällen „halte ich für einwandfrei“, sagte der emeritierte Inhaber des Lehrstuhls für Strahlentherapie an der Universität Kiel und Leiter der ärztliche Stelle Schleswig-Holstein. Die Ärztliche Stelle - eine gemeinsame Einrichtung der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung - hatte im vergangenen Jahr für den Zeitraum 2004 bis 2013 in 76 Fällen erhebliche Mängel festgestellt.

Abgesehen von den Unterdosierungen seien diese jedoch nicht haltbar, betonte Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks. Darüber hinaus habe sich herausgestellt, dass beim Leiter der Prüfkommission ein „inakzeptabler Interessenskonflikt“ bestanden habe. „Er hat sich in der gleichen Zeit ohne Rücksprache mit dem Leiter der Klinik und auf eigene Initiative um eine Stelle im Bereich der Brachytherapie beworben“, sagte Kimming - und fügte an: „Das halte ich für einen nicht akzeptablen Interessenkonflikt, der so nie hätte stattfinden dürfen.“

Unabhängig davon beurteilte Kimming die Fälle der Unterdosierung allein schon wegen der Häufigkeit als gravierend. Auch wenn die zu geringe Strahlendosis nicht für den Tod der inzwischen sieben gestorbenen Patienten verantwortlich ist, „bleibt (...) die schwerwiegende Tatsache, dass durch die fehlerhafte Dosis-Applikation das palliative Behandlungsziel (...) einer Linderung der Leiden nicht erreicht werden konnte“, heißt es im Gutachten. Verantwortlich sei der für die Bestrahlungsplanung zuständige Medizin-Physiker. „Eine direkte Verantwortung der beteiligten Ärzte (...) bestand nicht.“

Das Klinikum - es hatte die Unterdosierungen im März 2013 selbst der Gesundheitsbehörde gemeldet - prüft nun die arbeitsrechtlichen Folgen des Fehlverhaltens von Mitarbeitern im Hermann-Holthusen-Institut für Strahlentherapie. „Unabhängig von der Frage des Verschuldens bedauern wir die Fehlbehandlung der betroffenen Patienten außerordentlich“, erklärte der Chef aller Hamburger Asklepios-Kliniken Thomas Wolfram.

Er kündigte an, die Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung des Falls weiter unterstützen zu wollen. Sie ermittelt derzeit gegen drei Ärzte und einen Physiker des Krankenhauses wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und fahrlässigen Tötung.

Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks kündigte unterdessen Konsequenzen an. So werde es im Klinikum künftig eine elektronische Patientenakte für die Strahlentherapie geben. Zudem solle eine weitere Überprüfung durch die Ärztliche Stelle erfolgen - allerdings mit einem anderen Team. Außerdem müssten Gutachter künftig unter anderem schriftlich zusichern, dass sie keinen Interessenskonflikten unterlägen.

Der Opposition in der Hamburgischen Bürgerschaft ist das jedoch zu wenig. Sie hat auch die Gesundheitssenatorin selbst ins Visier genommen und erneut einen Antrag auf Aktenvorlage gestellt. Denn es „bleibt nach wie vor vollkommen unverständlich, warum die Gesundheitssenatorin erst zwei Jahre nachdem ihrer Behörde die Vorfälle bekannt wurden und dann auch nur auf Druck der Medien die Öffentlichkeit informiert hat“, sagte die CDU-Gesundheitsexpertin Birgit Stöver. Ähnlich äußerten sich FDP und Linke.

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