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Miniatur Wunderland Hamburg : Gerrit und Frederik Braun: Ihr großer Traum ganz klein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zwillinge Gerrit und Frederik Braun betreiben eine der beliebtesten Hamburger Sehenswürdigkeiten. Und sie sind noch lange nicht fertig.

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2017 | 19:39 Uhr

Hamburg | Keine lange Warteschlange vor dem historischen Lagerhaus-Komplex in der Hamburger Speicherstadt. Inzwischen haben wohl die meisten Besucher des Miniatur Wunderlandes begriffen, dass man sich am besten vorab ein Online-Ticket inklusive eines vorgegebenen Zeitfensters bucht. Nur ein arabisches Ehepaar versucht, direkt vor Ort Karten zu erstehen. Der junge Mann an der Kasse erklärt ihm, dass es entweder mehr als drei Stunden auf den Einlass warten müsse oder einen festen Termin am Nachmittag buchen könne. Man einigt sich schließlich auf die zweite Variante. Die Araber wollen partout vor ihrer Abreise die größte Modelleisenbahn der Welt bestaunen. Wie so viele Touristen.

Inzwischen haben mehr als 15 Millionen Interessierte das Miniatur Wunderland besucht. Bei TripAdvisor steht es auf Platz eins von 327 möglichen Aktivitäten in Hamburg.

Eine entsprechende Urkunde hängt im Konferenzraum. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen, Fotos oder Zeitungsausschnitten. Frederik Braun und sein Zwillingsbruder Gerrit – sie eröffneten 2001 mit ihrem Geschäftspartner Stephan Hertz das Miniatur Wunderland – wurden zum Beispiel 2006 als Hamburger Unternehmer des Jahres geehrt. Wieso gerade ihnen dieser Titel verliehen wurde, ist Frederik Braun rätselhaft. „Wir sind nur unserer Sammelleidenschaft gefolgt“, sagt er. „Es war nie unser Plan, reich zu werden.“ Mit der Profitgier, die insbesondere Aktiengesellschaften antreibt, kann er sich nicht anfreunden. Wenn ihm jemand rät, den Eintrittspreis fürs Miniatur Wunderland endlich auf 25 Euro heraufzusetzen, winkt er ab: „Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, weil wir ab dem kommenden Jahr 15 Euro pro Person verlangen werden.“

Die Gründer des Miniaturwunderlands: Gerrit (l.) und Frederik Braun.

Die Gründer des Miniaturwunderlands: Gerrit (l.) und Frederik Braun.

Foto: dpa
 

Die Preiserhöhung um zwei Euro bringt nicht etwa den Betreibern einen fetteren Gewinn ein, sondern ist der Erhöhung der Betriebskosten geschuldet. Immerhin müssen jeden Monat die Gehälter für 330 Mitarbeiter gezahlt werden. Hinzu kommt ein kostenintensiver Anbau. Im Nebengebäude haben die Braun-Brüder rund 3000 Quadratmeter Fläche gemietet. Diese soll mit dem Hauptgebäude über eine Brücke verbunden werden. Auf der einen Seite wird dann England liegen, auf der anderen Frankreich, dazwischen der Ärmelkanal. So jedenfalls stellt sich Frederik Braun die ganze Sache vor.

Der 49-Jährige, in Hamburg geboren, ein paar Minuten jünger als sein Bruder Gerrit, gegenwärtig in Hoisdorf im Kreis Stormarn daheim, sitzt vor einem rustikalen Holztisch mit einer Glasplatte. Er trägt sein Hemd lässig über der Jeans, dazu Turnschuhe, auf der Nase eine dunkle Nerdbrille. Dass er drei Tage vor Heiligabend seinen 50. Geburtstag feiert, sieht man ihm nicht an. „Zusammen mit Gerrit werde ich 100“, witzelt er. Genau diese Erkenntnis brachte die beiden dazu, ihre Biografie „Kleine Welt, großer Traum. Die Erfolgsgeschichte der Gründer des Miniatur Wunderlandes“ zu Papier zu bringen. Abwechselnd haben sie ein Kapitel nach dem nächsten geschrieben, jeweils mit Anmerkungen des anderen. Und einem Gastkapitel ihres Vaters.

Infos: Buch der Gründer

Frederik und Gerrit Braun: „Kleine Welt, großer Traum. Die Erfolgsgeschichte der Gründer des Miniatur Wunderlandes“, Atlantic, 240 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-455-00167-9,  ab 17. November im Handel.

Das Miniatur Wunderland (Kehrwieder 2, Block D in Hamburg, Speicherstadt) hat täglich mindestens zwischen 9.30 und 18 Uhr geöffnet; häufig aber deutlich länger. Die aktuellen Öffnungszeiten sowie Ticketreservierungen gibt es im Internet unter www.miniatur-wunderland.de.

 

„Die tollste Kindheit überhaupt“

Bevor sich die Zwillinge ans Werk machten, überlegten sie zunächst, ob ihr Leben wohl genug Stoff für ein Buch hergeben würde. „Als Hamburger“, grübelt Frederik Braun, „neigt man ja zur Zurückhaltung.“ Gleichwohl warfen er und sein Bruder ihr hanseatisches Understatement über Bord, um ihre Lebensgeschichte zu erzählen. „Wir sind der Meinung, dass wir die tollste Kindheit überhaupt hatten“, schwärmt Frederik Braun. Von außen wirkt das allerdings anders. Die Mutter der Brüder wurde als Studentin schwanger, bald war sie geschieden und alleinerziehend: „Manchmal haben wir uns ein bisschen von Mama im Stich gelassen gefühlt.“ Zum Glück hatten Frederik und Gerrit Braun sich, der frühe Tod ihrer Mutter schweißte sie mit 18 noch enger zusammen: „Wir haben verrückte Dinge gemacht und wollten gemeinsam die Welt erobern.“

Bereits als Kinder entwickelten sie ihre exzessive Sammelleidenschaft. Sie häuften jede Menge an: Bierdeckel, Zigarettenschachteln, Autogrammkarten, Comics. Früh morgens stromerten die neunjährigen Jungs über Flohmärkte – mit dem Ziel, Micky-Maus-Hefte möglichst günstig zu erstehen: „Wir kauften sie für 30 Pfennig und verkauften sie für 50 Pfennig weiter.“ So entwickelten sie nicht bloß einen ausgeprägten Geschäftssinn, sondern erkannten: Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Das wurde ihr Lebensmotto. Die Zwillinge haben praktisch alles miteinander gemacht. Na ja, fast alles. Frederik Braun rasselte durchs Abitur, Gerrit Braun legte einen Einser-Schnitt hin und studierte Wirtschaftsinformatik. Parallel dazu betrieb er in den 90er Jahren mit seinem Bruder, der eine kaufmännische Ausbildung machte, die Hamburger Disko Voilà und gründete ein ziemlich erfolgreiches Techno-Label.

„Bei mir gilt: Tu Gutes und halt’s Maul“

„Wir waren von unserem Ehrgeiz getrieben, von unserem Streben nach Anerkennung“, resümiert Frederik Braun. Er ist ein Mann, dem die Ideen geradezu zufliegen. Ein hyper-optimistischer Kreativer. Oft muss ihn sein Bruder, ein realistischer Zahlenmensch, ausbremsen. Das passt ihm zwar im ersten Moment nicht, spornt ihn aber an, seine Pläne so lange auszufeilen, bis sie den Skeptiker überzeugen. Wie etwa im Jahr 2000, als Frederik Braun in Zürich ein Modellbahngeschäft besuchte und ihm schlagartig klar wurde, was er wirklich wollte: mit seinem Bruder die größte Modelleisenbahn der Welt bauen. Gerrit Braun erklärte ihn erstmal für verrückt. Frederik Braun ließ indes nicht locker, bis er seinen Bruder auf seiner Seite hatte. Die beiden erkämpften sich einen Zwei-Millionen-Kredit bei ihrer Bank. Mit diesem Startkapital und 20 Mitarbeitern erschufen sie in der Anfangsphase gewissenhaft Szenerien im Maßstab 1:87. Mal sieht man einen Banküberfall, mal einen Pornofilmdreh. Alles ist detailgetreu dargestellt: „Für uns ist Perfektionismus ein untertriebenes Wort.“

Weil jeder nur das Beste will, geraten die Brüder oft aneinander. Manchmal lautstark. Nachtragend ist keiner – im Gegenteil: „Wir vertragen uns nach wenigen Minuten wieder, weil wir eigentlich total harmoniesüchtig sind.“ Und großzügig. Einmal im Jahr haben Kindergärten im Miniatur Wunderland freien Eintritt. Es gibt Phasen, in denen Gratis-Karten für Bedürftige angeboten werden. Doch darüber spricht Frederik Braun nicht so gern: „Bei mir gilt: Tu Gutes und halt’s Maul.“ Das zählt für ihn mehr, als noch reicher zu werden. Millionenschwere Angebote, in Südkorea, Dubai oder Abu Dhabi ein weiteres Miniatur Wunderland zu errichten, lehnen die Brüder konsequent ab: „Unsere Freiheit ist uns wichtiger.“

Statt ihre Bankkonten stetig weiter zu füllen, verbringen die dreifachen Familienväter lieber Zeit mit ihren Angehörigen – der eine in Großborstel, der andere in Hoisdorf: „Wir wollen unseren Kindern keine Millionen hinterlassen. Sie sollen sich später selbst etwas erarbeiten.“ So wie die Braun-Brüder, die im kommenden Jahr mit Geschäftspartner ein Hotel eröffnen werden. Von ihrem Miniatur Wunderland trennen sie sich dafür natürlich nicht: „Das ist längst noch nicht fertig.“

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