E-Mail an Fraktionsmitglieder : Geduldsfaden gerissen: Fraktionschef Jörn Kruse verlässt die AfD

Jörn Kruse
Im August gab Kruse bekannt, aus der Bürgerschaft auszuscheiden – ob er damit auch aus der AfD austrete, ließ er damals noch offen. /Archivbild

Der Bürgerschaft will er weiter angehören, ab 1. November allerdings nur noch als fraktionsloser Abgeordneter.

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27. September 2018, 16:16 Uhr

Hamburg | Die Hamburger AfD verliert ihren langjährigen Frontmann und Mitbegründer. Jörn Kruse hat angekündigt, sein Amt als Fraktionsvorsitzender in der Bürgerschaft am 1. Oktober niederzulegen sowie am 1. November aus Fraktion und Partei auszutreten. In einer E-Mail an die Fraktionsmitglieder begründete der 69-Jährige die Entscheidung mit rechten Tendenzen in der Partei. „Die zunehmende Zusammenarbeit von Teilen der AfD, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern, mit Rechten und Rechtsradikalen ist für mich vollständig untolerierbar“, schreibt Kruse. „Irgendwann ist auch der längste Geduldsfaden zu Ende.“

Überraschend kommt der Schritt nicht. Der AfD-Mann der ersten Stunde hatte in den vergangenen Monaten mehrfach den Rechtsdrall in der Partei offen kritisiert und sich damit zuletzt ein Parteidisziplinarverfahren eingefangen.

In der E-Mail attackiert er Vertreter des rechten Flügels wie Björn Höcke und Andreas Kalbitz, die in Chemnitz mit Rechtsradikalen an Demonstrationen teilgenommen hatten, und warf ihnen indirekt Nazi-Diktion vor. „Es handelt sich dabei eben nicht um unbedarfte Wutbürger aus dem Thüringer Wald, sondern um AfD-Landesvorsitzende, welche die Protektion des Partei- und Fraktions-Vorsitzenden Alexander Gauland besitzen.“ Die „Quasi-Nichtreaktion der Bundesspitze“ auf diese Tendenzen habe bei ihm „das Fass zum Überlaufen gebracht“.

Meuthen: Kruse sei in der AfD zunehmend isoliert gewesen

Das ehemalige SPD-Mitglied Kruse unterzeichnete 2013 als einer der Ersten den Gründungsaufruf der Alternative für Deutschland. Von 2013 bis 2015 stand er dem Hamburger Landesverband vor und führte die Partei Anfang 2015 mit 6,1 Prozent der Stimmen erstmals in ein westdeutsches Landesparlament. Der emeritierte Wirtschaftsprofessor war – wie die Gründer Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel – in erster Linie als Anti-Euro-Kämpfer zur AfD gekommen und zeigte sich später zusehends unzufrieden mit der Rechtsorientierung der Partei infolge der Flüchtlingsdebatte. In der Bürgerschaft zählte er nicht zu den Scharfmacher der Rechtspopulisten, sondern pflegte in Auftreten und Sprache das Image des kultivierten Ex-Professors. Sein Bürgerschaftsmandat will er als Fraktionsloser behalten.

AfD-Bundeschef Jörg Meuthen nannte Kruses Austritt  „menschlich bedauerlich, aber folgerichtig“. Dessen Sicht auf die Partei habe sich schon seit längerem „fernab der Realität“ befunden. Er sei in der AfD zunehmend isoliert gewesen.

Auch die Hamburger AfD wies Kruses Aussagen zum angeblichen Rechtsruck zurück. Der Co-Vorsitzende der Fraktion Alexander Wolf und Landeschef Dirk Nockemann erklärten: „Es gibt – entgegen anderslautender Presseberichte und offenkundig interessengeleiteten Behauptungen von Politikern der Altparteien – keinen ‚Schulterschluss mit Rechtsaußen‘.“ Mit dem Austritt von Kruse sei kein Kurswechsel verbunden.

CDU-Bürgerschaftsfraktionschef André Trepoll sprach von „Auflösungserscheinungen“ bei den Rechtspopulisten. „Professor Kruse hat sich zu lange als vermeintlich bürgerliches Feigenblatt hergegeben und damit die AfD für manche erst wählbar gemacht. Damit ist es jetzt vorbei, die Maske ist gefallen.“ 

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