Hamburger Insel im Wattenmeer : Gänse oder Gäste? Geflügelter Streit auf Neuwerk

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz  (r.) besucht die Insel Neuwerk.
Foto:
Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (r.) besucht die Insel Neuwerk.

Rund 17.300 Gänse bevölkern im Frühjahr die Insel Neuwerk. Für die Naturschützer ist das ein großer Erfolg. Die 30 Insulaner hingegen ärgern sich über den wirtschaftlichen Schaden, den die Tiere anrichten.

shz.de von
26. Juli 2015, 11:00 Uhr

Hamburg | Grüne Wiesen, ein schützender Deich und gerade einmal 30 Einwohner machen die Insel Neuwerk im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer vor Cuxhaven zum idealen Rückzugsort für erholungshungrige Urlauber - aber auch für Gänse auf der Durchreise von Frankreich nach Sibirien. Rund 17.300 der Vögel rasteten dieses Frühjahr auf der Insel. Während Naturschützer sich freuen, dass Neuwerk „das Gänse-Rastgebiet Nummer eins“ ist, ärgern sich die Insulaner über die vielen tierischen Mitbewohner. Auch auf den Nordseeinseln Schleswig-Holsteins führen die gefräßigen Vögel zu Streit – hier zwischen Landwirten, Politikern und Umweltschützern.

Aber Neuwerk hat noch eine Besonderheit: Politisch gehört die Insel zu dem 100 Kilometer Luftlinie entfernten Hamburg, genauer: zum Bezirksamt Hamburg-Mitte. „Kahl gefressen und auch ganz schön zugekotet“ ist die Insel jedes Jahr, wenn die Gänse ihren Zug um Pfingsten herum fortsetzen, beklagt Inselsprecher Volker Griebel. Das bleibt nicht ohne Folgen: Kühe und Pferde müssen deshalb zwei Monate länger im Stall bleiben, das Gras ist vorerst nicht als Futter zu gebrauchen und Gäste, die ihre eigenen Pferde mitbringen wollen, können nicht aufgenommen werden.

Viele Reiter kommen nach Neuwerk, um mit ihren eigenen Pferden durchs Watt zu reiten, einige bringen sogar ihre eigenen Kutschen mit. Den landwirtschaftlich-touristischen Betrieben auf Neuwerk entstehen hohe Verluste, sagt Griebel und rechnet vor, dass seinem Unternehmen durch die Gänse jährlich 20.000 bis 22.000 Euro fehlen.

Der Ärger der Neuwerker entlud sich bei einem Besuch von Bezirksamtschef Hamburg-Mitte, Andy Grote (SPD), auf der Insel im Juni. Griebel forderte damals, den besiedelten Teil der Insel innerhalb des Deichs aus dem Nationalpark herauszunehmen. Eine solche Verschlechterung des Naturschutzes ist nach EU-Naturschutzrecht jedoch gar nicht möglich. Das wurde auch den Inselbewohnern klar, als Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) vergangene Woche die Insel besuchten.

Beim seinem Besuch in Hamburgs nördlichstem Stadtteil hatte Scholz sich zu vertraulichen Gesprächen mit den Insulanern getroffen und „Erleichterungen“ in Aussicht gestellt, sagte Inselwart Griebel - ohne Details zu nennen. Bereits jetzt zahlen die Bauern auf Neuwerk wegen der Gänse eine verminderte Pacht an die Stadt und bekommen von der für den Deich zuständigen Hafenverwaltung das gemähte Gras als kostenloses Futter. Das ist jedoch nicht ausreichend, beklagt der Ortsvorsteher: „Sonst würden wir gar nicht auskommen.“

Das will die Nationalpark-Verwaltung mit Beobachtungs-„Gänsewochen“ von Februar bis Pfingsten ändern. Sie sollen mehr Touristen auf die Insel locken, um die Verluste der Neuwerker einzudämmen. An Sommerwochenenden kommen bis zu 1000 Menschen am Tag, erzählt der Kutscher eines Wattwagens. In Hotels, Herbergen und umgebauten Scheunen stehen rund 370 Betten für die Besucher bereit, die vor allem zum Reiten und Wattwandern anreisen. Nicht mal jeder Zehnte ist wegen der Gänse hier, sagt Griebel. Er hält das andernorts erprobte Modell der „Gänsewochen“ für nicht ausreichend und hofft auf eine Lösung durch Hamburgs Bürgermeister.

Die Wünsche der Neuwerker werden nun „behördenübergreifend“ überprüft heißt es aus der Senatskanzlei. Der stellvertretende Senatssprecher Sebastian Schaffer: „Klar ist, dass auch künftig das Nebeneinander von Naturschutz, Landwirtschaft und Tourismus möglich sein muss, damit die Neuwerker für sich und ihre Familien Perspektiven entwickeln können.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen