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G20-Gipfel in Hamburg : So erleben Journalisten des sh:z die Situation in Hamburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Bedrückend“, „leer“, „wie eine geteilte Stadt“ - das sind nur einige persönliche Eindrücke unserer Kollegen vor Ort.

shz.de von
erstellt am 08.Jul.2017 | 08:41 Uhr

Joachim Dreykluft: „Manchmal fühlt es sich so an, wie ich mir Bürgerkrieg vorstelle.“

Joachim Dreykluft

Joachim Dreykluft

Foto: shz.de
 

„Wie im Bürgerkrieg“ sei es gerade hier in Hamburg, höre ich seit Donnerstag. Ich weiß gar nicht, wie es im Bürgerkrieg ist. Manchmal fühlt es sich so an, wie ich mir Bürgerkrieg vorstelle. Beim massiven Aufeinanderprallen von Demonstranten und Polizisten in der Hafenstraße am Donnerstagabend etwa. Hier rettete mich ein Zwischensprint, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Oder am Freitagmorgen, als ich in Altona am Kloppstockplatz ein abgefackeltes Auto nach dem nächsten sehe.

Andere Dinge sind normaler als erwartet. Familien flanieren durch die Szeneviertel. Menschen sitzen in Straßencafés und essen und trinken. Vieles ist wie immer. Nur mit weniger Menschen. Und mit viel weniger Autos. Ich bin in diesen Tagen mit dem Fahrrad unterwegs. Ein Traum. Leere Straßen, leere Straßenränder ohne parkende Autos. So schnell war ich in Hamburg noch nie unterwegs.

Hatte ich Angst? Am Donnerstag in der Hafenstraße ja. Am Freitag ertappe ich mich dabei, Wasserwerfer und Polizeihundertschaften normal zu finden. Ich ermahne mich, konzentriert zu bleiben. Und das noch zwei Tage lang. Denn auch für Sonnabend und Sonntag ist mit Gewaltszenen zu rechnen. Und dann genau da hinzufahren ist ja mein Job.

Markus Lorenz: „Bedrückender Ausnahmezustand“

Markus Lorenz

Markus Lorenz

Foto: shz.de
 

Hamburg, meine Perle, was macht G20 nur mit dir? Von Chaos war vorher düster geraunt worden. Und tatsächlich: Seit all die Politiker, Polizisten und Krawallmacher da sind, herrscht ein bedrückender Ausnahmezustand, jedenfalls in der erweiterten Innenstadt. Zwischen Altona und City ist das normale Hamburg so gut wie zum Erliegen gekommen. Dort regt sich nur noch ein unerfreuliches Gipfel-Leben, das so niemand braucht: schier endlose Polizeistafetten, Wasserwerfer-Kolonnen, das ewige Knattern der Hubschrauber und unten pausenlose Demonstrationszüge, mal mehr, mal weniger aggressiv.

Mit Hafengeburtstag, Herr Bürgermeister, hat das wahrlich nichts zu tun, der Vergleich war daneben. G20 verwandelt diese sonst so gelassene Metropole in ein nervöses Gemisch aus Angst, Angriffslust und Verzweiflung. Gewalt liegt in der Luft, übrigens keine Atmosphäre, in der sich gedeihlich am Weltfrieden arbeiten lässt. Gewiss, der Gipfel dauert nur zwei Tage. Doch mit den Nachwehen wird die Stadt lange zu tun haben.

 

Mona Adams: „Meine Stadt war eine Geisterstadt“

Das war nicht meine Stadt. Mein Zuhause. Vier Tage lang habe ich meine Stadt nicht wieder erkannt. Vier Tage lang war ich mittendrin. Nicht in den Vierteln, in denen demonstriert wurde, bis es knallte und brannte. Nein, ich erlebte die andere Seite. Die Innenstadt: wie ausgestorben. Die Geschäfte: geschlossen. Mein Bus: fuhr nicht. Mein Umfeld: abgereist. Über mir: Hubschrauber. Meine Stadt war eine Geisterstadt. Ohne Infrastruktur, ohne das normale Leben auf den Straßen, ohne Familien, fremdbestimmt von vielen Polizisten und Krawallmachern. Hamburger blieb nur noch seine Silhouette. Was nach diesen Tagen bleibt? Die Bilder von Gewalt. Aber nicht nur, zumindest in meinem Kopf gibt es noch mehr Bilder. Ich habe noch etwas gesehen, am Donnerstagabend. Elftausend Menschen, die zusammen kamen, um Spaß zu haben, ein Zeichen zu setzen: gegen Armut und für ein Miteinander. Elftausend Menschen, die sich und andere beim Global Citizen Festival in der Barclaycardarena feierten. Denn während es auf der anderen Seite der Stadt das erste Mal krachte, durfte ich erleben, wie friedlicher Protest geht, wie sich Menschen stark machen für eine bessere Welt, Arme, wie Reiche, die es besser wissen wollen. Politik mit Musik - Musik statt Gewalt. Der Gedanke: Mit Herbert Grönemeyer, Coldplay und Shakira, Pharrell Williams, Ellie Goulding und Andreas Bourani die Welt verbessern. Statt Molotowcocktails und Zwillen gab es Konfettiregen, statt brennenden Barrikaden glühten bunte LED-Stäbchen. Das war der Gipfel.

 

Barbara Glosemeyer: „Ich will keine geteilte Stadt.“

Barbara Glosemeyer

Barbara Glosemeyer

Foto: shz.de

Hamburg kommt mir vor wie eine geteilte Stadt. Wenn ich morgens mit dem Auto von zuhause in der Hamburger Innenstadt nach Pinneberg in die Redaktion fahre, ist alles gut: die Straßen sind erfreulich leer, an den Messehallen chillen Demonstranten. Sie liegen auf den Bürgersteigen und hören laut Musik; Polizisten sehen zu und stehen sich wartend die Beine in den Bauch – in Erwartung dessen, was noch alles passieren kann.

Dass die Stadt längst brennt, dass Chaoten Steine und Flaschen auf Schaufensterscheiben werfen, Busse durch Gewaltaufmärsche zum Stoppen bringen – all das sehe ich wie viele andere Beobachter in Hamburg und im Umland nur auf den Bildern, die meine Kollegen vor Ort oder Nachrichtendienste senden oder in den sozialen Medien kursieren. Ich selbst habe meine Stadt morgens in friedlicher, sonniger Stimmung verlassen, Guter Protest wird durch dumpfe Gewalt verleumdet. Ich will keine geteilte Stadt.


Soenke Schierer: „Bedrückend“

<p>Soenke Schierer</p>

Soenke Schierer

Foto: shz.de
 

Bedrückend, wie schnell Wasserwerfer, Räumpanzer, hunderte Einsatzfahrzeuge und zahlreiche Hubschrauber in der Luft zum Alltag geworden sind. Es gibt keine halbe Stunde, ohne dass eine Kolonne mit „schwerem Gerät“ an einem vorbeibraust. Unbegreiflich bleiben die Bilder, die ich aus direkter Nähe seit vergangenem Donnerstag auf den Straßen oder bei den Ausschreitungen auf und seit der „Welcome to hell“-Demo gesehen habe. Was ich seitdem sagen kann: Es ist definitiv nicht schön, wenn man sich bei der Ausführung seiner Arbeit über schnelle Rückzugsmöglichkeiten Gedanken machen muss oder sich beim Verlassen der Haustür noch einmal versichert, ob der Helm auch dabei ist.

Doch ist da auch die andere Seite. Menschen, die friedlich, kreativ, aber nicht weniger nachhaltig ihren Unmut über das, was in den Messehallen passiert, zum Ausdruck bringen. Menschen, die, wenn man mit ihnen spricht, sauer sind auf das, was in der Welt passiert. Die ihren Protest aber nicht durch Vandalismus und Gewalt zeigen. Auch diese Bilder sollten in Erinnerung bleiben. Ich bin jedenfalls froh, wenn nach diesem Wochenende hoffentlich alles vorbei ist und die Stadt wieder zu ihrer Normalität zurückkehren kann.

Alle Informationen rund um den Gipfel in unserem Liveblog.

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