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„Gipfeltreffen - das Gegenteil von Partizipation“ : Hamburger Punk-Ikone Schorsch Kamerun zum Kern der Kritik am G20

vom
Aus der Onlineredaktion

Herr Kamerun, auch Sie stellen sich öffentlich gegen den G20-Gipfel. Warum?
Schorsch Kamerun: Generell empfinde ich eine Zusammenkunft von selbst ernannten Weltherrschenden und -aufteilern als schwierig, halte solch laute Eliteverab-redungen für ärgerlich arrogant. Es ist meiner Meinung nach das grundfalsche Signal für die Weltbevölkerung.

Schorsch Kamerun, eigentlich Thomas Sehl, wurde 1963 geboren und wuchs am Timmendorfer Strand auf. In den frühen Achtzigern verschlug es ihn nach Hamburg, wo er 1984 die Punkband „Die Goldenen Zitronen“ gründete. Kamerun, heute auch Autor und Theaterregisseur, prägte vor allem durch die Hafen-Kaschemme Golden Pudel Club direkt über dem Fischmarkt, deren Mitbetreiber er war, die Hamburger Subkulturszene mit. Er steht für Abseitiges und subversive Kunst. Kamerun lebt mitten auf dem Kiez.

Warum? Schließlich werden dort die Hauptprobleme in der Welt diskutiert.
Fast alle G20-Themen unterliegen ökonomischen Zwängen, es geht somit keinesfalls um Inhalte oder gar Ideale. Globalisierung und die sogenannten freien Märkte verhalten sich egoistisch, aufgeteilt von denen, die darüber bestimmen. Es gibt zwar zunehmenden Wohlstand in wachsenden Mittelschichten, gleichzeitig aber  mehr Hunger, Krieg und Vertreibung als jemals zuvor.

Muss man nicht das Wohlwollen auch konservativer Politiker gutheißen, die G20 als Forum für eine nachhaltigere, bessere Welt zu nutzen?
Ich bin dafür, dass man kommuniziert und mit Argumenten versucht zu überzeugen. Das muss aber nicht auf elitären Gipfeltreffen herausgestellt werden, weil diese so das Gegenteil von Partizipation bedeuten. Das  macht die Leute so wütend.

Ist Hamburg als Veranstaltungsort falsch gewählt?
Viel bescheuerter  geht es nicht. Leider muss man vermuten, dass die Verantwortlichen bis  zum Bürgermeister wieder nur den nächsten Big Event in die Stadt bringen wollten, um selbige weiter künstlich zu vergrößern und marktorientiert bekannter zu machen. Am Ende wird sich das Auspressen der Marke Hamburg als Bumerang erweisen.

Zu welcher der vielen Protestgruppen fühlen Sie sich denn am ehesten zugehörig?
Wir, meine Band „Die Gol-denen Zitronen“ oder unser Golden-Pudel-Club-Kollektiv, empfinden uns  als Gegenkultur, was immer auch ambivalent ist. Wir sind unseren Idealen zwar treu geblieben, leben aber genauso in einer hochkomplexen Welt, in der auch kritische Kreative etwa mit der Aufwertung von Stadtteilen zu tun haben.

Inwiefern? Sie sind in den Achtzigern politisch sozialisiert worden. Was hat sich geändert?
Es ist subtiler geworden, weniger Schwarzweiß. Die da oben, wir da unten, das gibt es so nicht mehr, du hast kein „Schweinesystem“ mehr direkt vor deiner Nase. Vielmehr fördert der heutige Kapitalismus eine perfide Selbstgeschäftsführung. Allerdings tut sich was in Sachen klares Feindbild, siehe Trump, Erdogan oder Orban. 

Ist Gewalt als letzte Möglichkeit, seinen Protest  auszudrücken, unter Umständen ein probates Mittel? Immerhin haben sich  auch bis zu 8000 gewaltbereite Autonome aus der ganzen Welt angekündigt.
Ich glaube daran, sich verteidigen zu dürfen. Der Körper ist hierbei das letzte Mittel. Es ist aber immer kompliziert, grundsätzlich über Gewalt und deren Ausübungsparteien zu sprechen. Ich selbst trete mit der Band auf, sende falsche Nachrichten, verstärke Störungen und einiges mehr.  

Hat Hamburg einen  widerständlerischen Charakter?
Es gibt den Subkulturtreff Park Fiction, am Areal der abgerissenen Esso-Häuser auf der Reeperbahn wird  ebenfalls per Anwohnerbeteiligung ein kreatives Wohn- und Freizeitareal geschaffen.
In Hamburg gibt es einen besonders  ausgeprägten  Wunsch an Mitbestimmung. Aktuell wird zunehmend mit denen verhandelt, gegen die man eigentlich ist, weil sich so Forderungen besser durchsetzen lassen. Es existiert eine rege „Stadt-Selbermachen“- Szene, auch wenn es immer weniger Freiräume gibt. Täglich kommen immer noch mehr Touristen in das ehemals raue Hamburg und man entwertet somit − auch ökonomisch betrachtet − sein eigenes Label. Ich halte das für ausgesprochen kurzsichtig.

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erstellt am 28.Jun.2017 | 15:15 Uhr

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