Rathausquartier im Fokus : Fußwege als Buckelpisten und Müllhaufen am Straßenrand – Hamburg will sich aufhübschen

Damit Hamburg zu neuem Glanz zurückkehrt, haben Hauseigentümer, Gastronomen und Händler in ihren Kiez investiert.

shz.de von
15. August 2018, 15:59 Uhr

Hamburg | Vor 13 Jahren hat Hamburg deutschlandweit Pionierarbeit geleistet: Damals wurden per Gesetz Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbezentren gestärkt und das Modell der Business Improvement Districts (BID) eingeführt. Seitdem haben sich in 26 Quartieren der Hansestadt Immobilienbesitzer, Geschäftsleute und Gastronomen zusammengetan, um mit eigenem Geld ihren jeweiligen Kiez attraktiver zu machen.

Am Mittwoch hat das in Gründung befindliche BID „Rathausquartier“ – zwischen Rathaus- und Domplatz – seine Pläne zum Aufhübschen des historische Banken- und Versicherungsviertels vorgestellt. Nach Angaben der Handelskammer haben zehn Bundesländer das Modell übernommen, das bei Kritikern der „Privatisierung des öffentlichen Raums“ nicht auf Gegenliebe stößt.

In dem neu zu gestaltenden Rathaus-Quartier (ohne Rathausmarkt) sind unter anderem breitere Gehwege zum Flanieren, Bepflanzungen, weniger Schilder und veränderte Parkzonen geplant, um Büro-Angestellte, Bürger und Touristen zum längeren Verweilen anzulocken. Die Gastronomie, die das Viertel prägt, soll möglichst mehr und einheitlich gestaltete Außenflächen zur Bewirtschaftung bekommen.

Rathaus-Quartier und Nicolai-Viertel

Auch die Verkehrsführung mit etlichen Einbahnstraßen sowie die Einrichtung von Fußgängerzonen wollen die Organisatoren von den Behörden überprüfen lassen. „Der Gesamteindruck des Quartiers lässt leider zu wünschen übrig“, sagte Mitinitiator Dennis Barth, Geschäftsführer der Immobilienfirma Procom Invest an der Rathausstraße.

Von den 45 Grundeigentümern des Viertels sei die Hälfte bereits mit im Boot. Hamburger BIDs stecken in der Regel mehrere Millionen Euro in ihre Vorhaben, seit 2005 waren es laut Handelskammer rund 65 Millionen Euro. Stimmen zwei Drittel der Eigentümer einer BID-Gründung zu, sind die übrigen Widersacher verpflichtet, ihren finanziellen Beitrag zu leisten.

Ein BID läuft über fünf Jahre und wird zumeist verlängert, wie Heiner Schote von der Handelskammer ergänzte. Aktuell liefen zwölf BIDs, darunter das Nikolai-Viertel beim Rathaus sowie eines für die Mönckebergstraße. Jetzt werde eine weitere innerstädtische Lücke geschlossen, machten die Neu-Organisatoren deutlich. „Wir wollen ein quirliges kleines Quartier aus dem Dornröschenschlaf holen“, kündigte Mareike Menz von der „Zum Felde“ BID Projektgesellschaft an.

„Lümmel“ und „Lotte“ gegen Wildpinkler

Ein besonderes BID ist „Reeperbahn+“, das seit 2014 den Kiez rechts und links der Vergnügungsmeile umfasst. Mit dem Video „St. Pauli pinkelt zurück“ gegen das Wildpinkeln oder den Maskottchen „Lümmel“ und „Lotte“, die an Papierkörben zu mehr Sauberkeit auffordern, oder der Willkommenstüte mit Verhaltenshinweisen stemmt sich die Amüsiermeile gegen negative Auswüchse des Besucherandrangs.

Denn es soll der einzigartige Flair der Party- und Erlebnismeile mit seinen Bars, Kulturangeboten, Clubs und Shops erhalten bleiben, wie es in der BID-Beschreibung im Internet heißt. Deswegen hatte das BID jüngst mit Vereinen und Kirchen eine – auf dem Kiez auch umstrittene - Initiative angestoßen, um das Leben auf St. Pauli auf die Unesco-Liste für immaterielles Kulturerbe zu bringen.

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