Berufungsverhandlung : Freispruch für Becherwerfer von St. Pauli

Nichts geht mehr: Referee Deniz Aytekin (li.) und sein Assistent Thorsten Schiffner beschließen am 1. April 2011, die Partie abzubrechen.
Nichts geht mehr: Referee Deniz Aytekin (li.) und sein Assistent Thorsten Schiffner beschließen am 1. April 2011, die Partie abzubrechen.

Am 1. April 2011 wird ein Schiedsrichter-Assistent von einem vollen Bierbecher am Kopf getroffen. Der Täter wird zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt. In der Berufungsverhandlung wird er aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

shz.de von
25. Juni 2014, 09:54 Uhr

Hamburg | Mit einem Freispruch für den Angeklagten ist die zweite Auflage des sogenannten Becherwerferprozesses am Mittwoch in Hamburg ausgegangen. Der in erster Instanz wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilte 46-Jährige wurde vom Landgericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Laut Anklage hatte er im Heimspiel des FC St. Pauli gegen Schalke 04 am 1. April 2011 einen Bierbecher Richtung Linienrichter geworfen und damit eine Verletzung des 36-Jährigen billigend in Kauf genommen.

Für die Kammer am Landgericht waren die teils widersprüchlichen Zeugenaussagen allerdings zu dünn. Nach Ansicht der Kammer haben sich „schon nach Aktenlage Differenzen“ zum Urteil des Amtsgerichtes ergeben. Dazu kamen die Aussagen zweier Stadionbesucher: Einer sah, dass der Schiedsrichterassistent von einem Becher getroffen wurde, aber nicht, wer den Becher warf. Ein anderer sah den Angeklagten einen Becher werfen, aber nicht, ob dieser Becher auch den Schiedsrichterassistenten traf.

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor eine sechsmonatige Haftstrafe auf Bewährung und eine Schmerzensgeldzahlung gefordert. „Am Tatgeschehen, wie es das Amtsgericht beurteilt hat, bestehen nicht die geringsten Zweifel“, sagte die Staatsanwältin. Da der Angeklagte weder Reue zeige noch bei dem Opfer um Entschuldigung gebeten habe, sei ihm ebenso anzulasten wie die Tatsache, dass der Becherwurf Nachahmer animieren könne. Die beiden Verteidiger des 46-Jährigen hielten die Zeugenaussagen für wenig glaubwürdig. „Erinnerungslücken sind hier teilweise mit Vermutungen aufgefüllt worden“, sagte ein Verteidiger in seinem Plädoyer. Er forderte einen Freispruch.

Zuvor hatte der getroffene Schiedsrichterassistent von der Tat berichtet. „Ich habe kurz vor Spielende einen heftigen Schlag in den Nacken gespürt“, sagte der 39-Jährige. „Dann hatte ich den Gedanken: ,Ich muss hier schnell weg, ich weiß nicht, was noch kommt.'“ Seitdem sei er bei Gegenständen, die aufs Spielfeld geworfen werden, besonders sensibel. Nach dem Urteil sagte der 39-Jährige: „Es ist schade, dass kein Täter zur Rechenschaft gezogen wird.“ 

Der FC St. Pauli hält sich in Bezug auf Regressforderungen alle Optionen offen. Der Verein, am Ende jener Spielzeit aus der Bundesliga abgestiegen, musste das erste Zweitliga-Spiel der neuen Saison in Lübeck austragen. Pressesprecher Christoph Pieper sagte auf Anfrage der dpa: „Wir werden uns das Urteil sehr genau anschauen, aber momentan ist es sehr fraglich, ob wir etwas machen werden.“ Dem Verein ist durch den Becherwurf nach eigenen Angaben ein Schaden von über 400.000 Euro entstanden.

Eine Chronologie des Falls:

Freitag, 1. April 2011: Schiedsrichter-Assistent Thorsten Schiffner wird von einem vollen Bierbecher am Kopf getroffen. Das Bundesligaspiel zwischen dem abstiegsgefährdeten FC St. Pauli und Schalke 04 wird von Referee Deniz Aytekin 90 Sekunden vor Abpfiff abgebrochen. Die Schalker führen zu diesem Zeitpunkt mit 2:0.

Freitag, 8. April 2011: Genau eine Woche später bestätigt das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes den Antrag des DFB-Kontrollausschusses: Der FC St. Pauli soll als Strafe das nächste Heimspiel gegen Werder Bremen am Ostersamstag ohne Zuschauer austragen. Der Verein hat bis zum Montag Zeit, gegen das Urteil Einspruch einzulegen und eine mündliche Verhandlung zu beantragen.

Freitag, 8. April 2011: Noch am gleichen Tag legt der FC St. Pauli gegen das „Geisterspiel“-Urteil Einspruch ein. Nach mehrstündigen Beratungen entschließt sich das Präsidium zum Widerspruch, der eine mündliche Verhandlung nach sich zieht.

Donnerstag, 14. April 2011: Glück gehabt: Die Kiezkicker müssen doch nicht das erste „Geisterspiel“ der Bundesliga-Geschichte bestreiten. Das Sportgericht des DFB verurteilt den Verein stattdessen, das erste Spiel der neuen Saison mindestens 50 Kilometer außerhalb Hamburgs auszutragen. Außerdem darf der Verein „nicht mehr als 12.500 eigene Fans zulassen“. Damit korrigiert das Gericht in Frankfurt/Main das Urteil aus erster Instanz. St. Pauli nimmt das Urteil ebenso wie der DFB-Kontrollausschuss an.

Samstag, 16. Juli 2011: Heimsieg auf fremdem Platz: Die Mission Wiederaufstieg ist gestartet. Wegen der Becherwurf-Affäre muss der FC St. Pauli in der Lübecker Lohmühle spielen, vor 10.093 Zuschauern. Dort gewinnen die Hamburger zum Auftakt der 2. Fußball-Bundesliga gegen den FC Ingolstadt mit 2:0 (0:0). Fabian Boll schießt beide Tore (51. und 69.). Nach Vereinsangaben führt das Spiel zu einem Verlust von 400.000 Euro.

Montag, 18. Juli 2011: Die Hamburger Staatsanwaltschaft klagt den mutmaßlichen Täter an. Der 44-Jährige soll sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht verantworten.

Dienstag, 29. November 2011: Prozessauftakt am Hamburger Amtsgericht: Die Staatsanwaltschaft wirft dem mutmaßlichen Bierbecherwerfer gefährliche Körperverletzung vor. Durch den Treffer im Genick leide der Schiedsrichter-Assistent unter anderem an einer Schädelprellung und starken Nacken- und Kopfschmerzen. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Mittwoch, 30. November 2011: Das Hamburger Amtsgericht fällt sein Urteil. Wegen gefährlicher Körperverletzung spricht es den damals 44-Jährigen schuldig und verwarnt den Mann. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Familienvater im Heimspiel des FC St. Pauli gegen Schalke 04 einen Bierbecher Richtung Linienrichter geworfen und damit eine Verletzung des 36-Jährigen billigend in Kauf genommen habe. Der Becherwerfer wird zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro verurteilt, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung. Außerdem kommt eine Geldbuße über 3000 Euro auf ihn zu, die er zur Hälfte an den Linienrichter und an die Sepp-Herberger-Stiftung des DFB zu zahlen hat. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Bewährungsstrafe von acht Monaten gefordert.

„Es handelt sich um eine ziemlich feige Tat“, sagt der Richter in seiner Urteilsbegründung. Der Schiedsrichterassistent habe keine Chance gehabt, den Becher abzuwehren. Der Angeklagte schweigt weiter zu den Vorwürfen, der Verteidiger erwidert: „Wir halten das Urteil für falsch und werden Rechtsmittel einlegen“.

Dienstag, 17. Juni 2014: Beginn der Berufungsverhandlung. Auch hier schweigt der Angeklagte.

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