Dieses Containerdorf steht im Hamburger Stadtteil Harburg.
Dieses Containerdorf steht im Hamburger Stadtteil Harburg.

Hamburg will die Flüchtlinge auf alle Bezirke verteilen: Das sorgt unter anderem in Poppenbüttel für Unmut.

shz.de von
04. Juli 2015, 12:50 Uhr

Hamburg | In Hamburg nimmt der Widerstand gegen Flüchtlingsheime in besser gestellten Stadtteilen zu. Nachdem in Harvestehude Anwohner die Unterbringung von 250 Asylbewerbern in ihrer Nachbarschaft gerichtlich gestoppt haben, wenden sich auch in Blankenese und Poppenbüttel Bürger gegen geplante Unterkünfte vor ihrer Haustür.

Das Heinrich-Heine-Gymnasium, Poppenbüttel, die Turnhalle ist gerammelt voll. Der Bezirk informiert an diesem Abend über den geplanten Bau einer Flüchtlingsunterkunft auf einer Wiese im ländlichen Hamburger Norden. Hunderte Anwohner sind da, viele müssen draußen bleiben, weil der Platz nicht ausreicht. Das Hemd von Thomas Ritzenhoff (SPD) ist durchgeschwitzt. Mühsam versucht Wandsbeks Bezirksamtsleiter, die teils erregten Poppenbüttler zu beruhigen.

Wie andere deutsche Kommunen auch hat Hamburg große Probleme, alle ankommenden Flüchtlinge unterzubringen. Allein in diesem Jahr fehlen noch 3300 Plätze. Um eine Zeltunterbringung zu vermeiden, hat der Senat jedem Bezirk ein Kontingent an neu zu schaffenden Plätzen auferlegt. Weil Flächen in der wachsenden Stadt knapp sind, greifen die Bezirksverwaltungen vermehrt zu unpopulären Lösungen.

So am Björnsonweg in Blankenese. Am Ende der kleinen Sackgasse will die Sozialbehörde knapp 200 Flüchtlinge und Obdachlose in neun Pavillons unterbringen. Anwohner bieten Hilfe an – aber nur, wenn die Zahl auf 100 sinkt. Der Bezirk Altona blieb hart, nun kommen die angekündigten 192 neuen Nachbarn im nächsten Jahr.

Auch der Standort Poppenbüttler Berg/Ohlendieck erscheint vielen Anwohnern als ungeeignet, zumindest für die befürchtete „Massenunterkunft“. Bis zu 1000 Flüchtlinge, so hatte es der örtliche CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Dennis Thering gemutmaßt, sollten in Modulbauten auf der Wiese unterkommen. Seine Partei lehne Flüchtlingsunterkünfte nicht ab, auch nicht in Poppenbüttel, versichert Thering. Aber bitte nicht in dieser Größenordnung. Die Sozialbehörde dementiert entschieden. Beim Infoabend wird klar: Knapp 500 Migranten sollen am Ohlendieck ein vorübergehendes Zuhause finden.

Die Stimmung im Saal ist aufgeheizt. Ob denn demnächst im Stadtteil eine Moschee geplant sei, ereifert sich ein Anwesender. Er wird ausgebuht. Offen fremdenfeindliche Äußerungen bleiben die Ausnahme. Die Mehrzahl der Kritiker hebt darauf ab, dass der Standort nicht überbeansprucht werden dürfe. Andere äußern Zweifel am rechtlichen Vorgehen des Bezirks.

Doch wie schon in Harvestehude und Blankenese haben sich auch in Poppenbüttel schnell Unterstützer zusammengetan. Die Initiative „Poppenbüttel hilft“ heißt die Asylbewerber willkommen. Mitbegründer Thomas Littmann: „Hier hat Helfen Tradition. Schon in den Neunzigern haben wir Flüchtlinge aus Bosnien unterstützt. Wir wollen nicht wahrgenommen werden wie Harvestehude.“

Politisch gesehen hat der Widerstand in den gutsituierten Quartieren wenig Erfolgsaussicht. Nach dem Urteil gegen die Flüchtlingsunterbringung im Millionärsviertel Harvestehude hatte Bürgermeister Olaf Scholz die Maxime ausgegeben: „Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass Unterkünfte für Flüchtlinge in einigen Stadtteilen möglich sind und in anderen nicht.“

In Poppenbüttel endet der erregte Infoabend nach zwei Stunden. Bezirksamtsleiter Ritzenhoff versucht einen versöhnliches Schlusswort: „Lassen sie die Menschen ankommen, geben sie ihnen eine Chance, sie werden eine Bereicherung sein.“ Längst nicht jeder klatscht.

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