zur Navigation springen

Attacken in St. Pauli : Flüchtlinge verprügelt - Rotlicht-Szene verantwortlich?

vom

Selbstjustiz in Hamburg: Rotlichtgrößen sollen brutale Angriffe auf Minderjährige in Auftrag gegeben haben. Der Vorwurf: Sie beklauten Freier.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2014 | 17:49 Uhr

Hamburg | Wenn ihnen jemand das Geschäft verdirbt, verstehen Hamburgs Rotlichtbosse überhaupt keinen Spaß. Eine Bande jugendlicher Flüchtlinge musste das jetzt in Hamburg auf brutale Weise erfahren. Weil die Teenager seit Wochen rund um die Reeperbahn Freier bestohlen haben sollen, haben einige St. Pauli-Luden ganz offensichtlich einen beispiellosen Racheakt inszeniert. Wie es im Milieu heißt, heuerten die Bordellbesitzer Schlägertrupps an, die insgesamt fünf mutmaßliche Taschendiebe im Teenageralter krankenhausreif geprügelt haben.

In den vergangenen Wochenendnächten hatten jeweils bis zu fünf Männer den minderjährigen Flüchtlingen aus Nordafrika auf St. Pauli aufgelauert und diese mit Schlagstöcken, Faustschlägen und Fußtritten traktiert. Die Opfer erlitten schwere Gesicht- und Kopfverletzungen. In allen Fällen entkamen die Schläger unerkannt. Nach Angaben eines Polizeisprechers liegen den Fahndern keine Erkenntnisse zum Motiv der Angriffsserie vor. Die Abteilung Milieudelikte ermittelt.

Auf dem Kiez bestehen dagegen keinerlei Unklarheiten zu den Hintergründen der beispiellosen Art von Selbstjustiz. Demnach hatten die verletzten Jugendlichen im Alter von 15 und 16 Jahren in den vergangenen Wochen systematisch Freier auf dem Straßenstrich bestohlen. Immer wenn diese mit Prostituierten um den Preis feilschten, griff die Bande zu und zog ihnen Portemonnaies und Handys aus der Tasche. Weil die Polizei auf die Diebstahlserie nicht reagiert habe, hätten sich die Bordellgrößen des Problems auf ihre Art angenommen: Die Luden setzten Prügeltrupps auf die Teenager an. Ein Zuhälter sagte der „Hamburger Morgenpost“: „Wir sahen uns gezwungen zu handeln. Die Polizei hat nichts unternommen.“

Laut Polizeibericht waren die Angreifer in allen Fällen äußerst rücksichtslos und auf nahezu identische Weise vorgegangen. Ein 15-jähriger Junge wurde in der Nacht zu Samsatg in der Herbertstraße von zwei Männern mit Schlagstöcken und Faustschlägen attackiert; der Junge erlitt diverse Platzwunden am Kopf, im Gesicht und eine Risswunde an der Lippe. Fast zeitgleich umringten fünf Südländer zwei 16-Jährige an der Reeperbahn und schlugen so lange auf diese ein, bis einer der Jugendlichen das Bewusstsein verlor. Nahe der Davidwache entdeckten Passanten am frühen Sonntagmorgen einen weiteren Jugendlichen mit blutigen Gesichtsverletzungen. In der Nacht zum Sonntag wurde schließlich ein 15-Jähriger ebenfalls von fünf Männern umringt und mit einem Schlagstock und Fußtritten schwer verletzt.

Trotz der offensichtlich abgestimmten Attacken bestätigte die Polizei einen Zusammenhang zwischen den Überfällen zunächst nicht. Der Polizeisprecher verwies zudem darauf, dass von einer gehäuften Zahl von Taschendieben bei Freiern nichts bekannt sei. Entsprechende Anzeigen lägen nicht vor.

Bei den Opfern handelt es sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Algerien, Marokko und Libyen, die sich in der Obhut des Kinder- und Jugendnotdienstes befinden. Ein Sprecher der Sozialbehörde sagte: „Die Brutalität ist schockierend.“ CDU-Innenexperte Karl-Heinz Warnholz warnte: „Selbstjustiz geht gar nicht.“

Nach unbestätigten Angaben sind einige der verletzten Nordafrikaner bereits wegen Diebstahl-, Raub- und Gewalttaten aktenkundig. Einige von ihnen, heißt es, begehen Raubüberfälle, um ihre Schleuser zu bezahlen.  

Das Problem unbegleiteter jugendlichen Flüchtlinge hat laut Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Hamburg zuletzt deutlich an Brisanz zugenommen. BDK-Landeschef Jan Reinecke: „Manche der jungen Flüchtlinge haben bereits anderswo eine kriminelle Karriere begonnen, etwa in Paris. Auf der Flucht vor den dortigen Behörden kommen sie dann auch nach Hamburg.“ Die Bundesländer und Gemeinden seien mit dem Problem eindeutig überfordert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert