Hamburg : Flüchtlinge auf Kreuzfahrtschiffe?

Wohin mit all den Flüchtlingen? Der Zustrom von Menschen aus Krisenregionen in aller Welt stellt Hamburg vor große Probleme. Auch unorthodoxe Lösungen sind in der Diskussion - etwa alte Kreuzfahrtschiffe.

shz.de von
26. Juni 2014, 11:31 Uhr

Hamburg | Es klingt wie eine Art Überbietungswettbewerb. Bei der schwierigen Suche nach Unterkünften für Flüchtlinge in Hamburg kommen immer neue Vorschläge ins Spiel: Neben Containerdörfern und Hotels sind jetzt auch Wohnschiffe im Gespräch - und sogar ausrangierte Kreuzfahrtschiffe. Die Diskussion zeigt, unter welchem Druck die Hansestadt steht. Die Zahl der Flüchtlinge, die vor Krisen und Krieg Schutz suchen, steigt überall in Deutschland deutlich an.

Wohnraum in Hamburg ist jedoch knapp, und in der öffentlichen Unterbringung gibt es bisher viel zu wenig Plätze. Mit drastischen Worten macht Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) auf die Notlage in Deutschlands zweitgrößter Stadt aufmerksam. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, fest angelehnt“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Die Lage ist extrem.“ Bis Ende des Jahres müssen 4000 Plätze hinzukommen - bei 1600 davon steht noch nicht einmal fest, wo sie entstehen könnten. Ob die dann insgesamt etwa 14.000 Plätze in der Hansestadt ausreichen, ist ebenfalls unklar.

Schon in den 1990er Jahren gab es einen starken Zustrom von Menschen, die vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien flüchteten. Damals lagen Wohnschiffe mit Hunderten Flüchtlingen im Hamburger Hafen. Als jedoch immer weniger Zuwanderer kamen, wurden viele Plätze abgebaut - seit 2006 sind sogar die Angebote für Flüchtlinge und Obdachlose zusammengefasst. „Reine Flüchtlingsunterkünfte gibt es in Hamburg gar nicht mehr“, sagt der Sprecher der Sozialbehörde, Marcel Schweitzer.

Seit etwa zwei Jahren gehen die Flüchtlingszahlen allerdings wieder deutlich nach oben. Allein 2013 wurden Hamburg nach Zahlen der Innenbehörde mehr als 3600 Asylbewerber zugewiesen. Für dieses Jahr rechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit einer Steigerung der Zahlen um rund 30 Prozent - das hieße, dass die Hansestadt etwa 5000 Asylbewerber aufnehmen könnte. Zum Beispiel aus Afghanistan, Syrien, Somalia und dem Iran. Möglicherweise wird es auch eine Flüchtlingswelle aus dem Irak geben.

Hamburg nimmt nach dem Königsteiner Schlüssel, dem bundesweiten Verteilungsschlüssel, gut 2,5 Prozent aller in Deutschland schutzsuchenden Menschen auf. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) zeigt sich besorgt: Der Zustrom von Flüchtlingen habe ein Ausmaß erreicht, das noch vor wenigen Jahren nicht vermutet worden sei. Wohin also mit all den Menschen? Nach bis zu drei Monaten in der Zentralen Erstaufnahme kommen sie in eine „Folgeunterbringung“ - in Hamburg sind das laut Sozialbehörde derzeit mehr als 60 öffentliche Unterkünfte. Doch es fehlt das Geld, deren Qualität zu verbessern: Einen Besuch in einem Containerdorf im Stadtteil Lokstedt nennt Scheele „deprimierend“: „Das ist alles ganz erbärmlich, gerade wenn dort auch Kinder wohnen.“ Er dringt daher darauf, dass sich der Bund an den Kosten beteiligt. Für die Unterbringung wird Hamburg in diesem Jahr laut Sozialbehörde mindestens 250 Millionen Euro ausgeben. Bis Ende des Jahres sollen zudem mehr als 200 Asylbewerber in das ehemalige Kreiswehrersatzamt im feinen Stadtteil Harvestehude einziehen.

Um weitere Plätze zu schaffen, hält die Hafenbehörde nun nach Schiffen und möglichen Liegeplätzen Ausschau. Die Wohnschiffe, die während des Jugoslawien-Kriegs im Einsatz waren, waren vor Neumühlen vertäut - dort ist inzwischen aber alles bebaut. Hamburgs Grüne haben zudem alte Kreuzfahrtschiffe ins Gespräch gebracht: „So eine Notunterkunft im Herzen der Stadt könnte ein Zeichen für Hamburgs Solidarität mit Menschen in Not sein.“ Auch diesen Vorschlag will die Behörde „ergebnisoffen“ prüfen. Schweitzer betont jedoch: „Nicht alles, was man kriegen kann, ist auch wirtschaftlich.“ Schließlich werden solche Schiffe meist ausrangiert, weil sie nicht mehr wirtschaftlich sind. Um das Platzproblem zu lösen, heißt es in der Sozialbehörde, müssten schlicht mehr Wohnungen gebaut werden - was auch bereits geschehe.

Die „Lampedusa-Flüchtlinge“ in Hamburg dringen inzwischen auf eine Arbeitserlaubnis - und berufen sich dabei auf den Fachkräftemangel. Die Afrikaner waren 2011 über die italienische Insel Lampedusa vor dem Krieg in Libyen geflohen, Anfang 2013 strandeten mutmaßlich etwa 300 von ihnen in der Hansestadt. Die schwarz-rote Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, dass Asylbewerber künftig schon nach drei Monaten in Deutschland arbeiten dürfen statt wie bisher erst nach neun. Scheele findet das wichtig: „Wenn es gelingt, Flüchtlinge schneller in Arbeit zu bringen und zu integrieren, entlastet das die öffentlichen Haushalte und löst die Spannungen in den Unterkünften.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen