Stadtgeschichte : Festungsbau und Diplomatie: Wie Hamburg dem Dreißigjährigen Krieg entging

Das Modell zeigt Hamburg umgeben von Wallanlagen (im Vodergrund ist die Binnenalster zu sehen) im Jahre 1644.

Das Modell zeigt Hamburg umgeben von Wallanlagen (im Vodergrund ist die Binnenalster zu sehen) im Jahre 1644.

Hohe Verteidigungsausgaben und kluge Politik sorgten dafür, dass die Verheerungen des Krieges an der Hansestadt vorbeigingen.

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02. Januar 2018, 07:44 Uhr

Hamburg | Vor 400 Jahren standen weite Teile des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation am Abgrund – und Hamburg an der Schwelle zu einem rasanten Aufstieg. Mit dem Fenstersturz kaiserlicher Vertreter durch böhmische Adlige auf der Prager Burg am 23. Mai 1618 begann der Dreißigjährige Krieg. Im Sommer kam es in Böhmen zu ersten Gefechten, die sich in den folgenden Jahren auf andere Regionen ausweiteten. Bis die Kämpfe Hamburg erreichten, habe es noch eine Weile gedauert, erklärt der Historiker Ralf Wiechmann.

Die Hamburger nutzen die Zeit zum Festungsbau. Sie beauftragten den niederländischen Ingenieur Johan van Valckenburgh mit der Errichtung der größten Befestigungsanlagen nördlich der Alpen. Die Hamburger hätten unglaubliche Summen in den noch heute sichtbaren Wallanlagen verbaut und dafür das Mehrfache der städtischen Jahreseinnahmen ausgegeben. Die Bürger wurden zur Zahlung einer Wallsteuer und zu Schanzdiensten verpflichtet. „So galt die Stadt, als das Kriegsgeschehen sich in den 1620er Jahren nach Norddeutschland verlagerte, als militärisch uneinnehmbar“, schreibt der Historiker Hans-Dieter Loose.

Hamburg hatte bis 1500 im Schatten Lübecks, des Zentrums der Hanse, gestanden. Die Entdeckung Amerikas führte zur Entstehung des Transatlantikhandels, an dem sich Hamburg über die Elbe beteiligte.

Die Stadt wurde nicht nur reich, sondern auch selbstbewusst. Sie habe eine „Schaukelpolitik“ zwischen dem Kaiser und dem dänischen König betrieben, erklärt Wiechmann. 1603 hatten sich die Hamburger Christian IV. von Dänemark unterwerfen müssen und ihm zu Ehren ein Portal in der Petrikirche gebaut. Doch 1618, nur sechs Wochen nach dem Prager Fenstersturz, erklärte das Reichskammergericht Hamburg am 6. Juli zur Reichsstadt. Der dänische König erkannte die Entscheidung nicht an. Vor seinen Machtansprüchen mussten sich die Hamburger schützen, vor allem an der Unterelbe.

Über die von ihm gegründete Stadt Glücksstadt wollte Christian IV.den Schiffsverkehr kontrollieren. 1625 eroberten dänische Truppen das südlich der Elbe gelegene Stade. Im Jahr darauf fielen den Dänen die beiden Hamburger Stützpunkte Ritzebüttel (heute Cuxhaven) und Neuwerk an der Elbmündung in die Hände. Der Hamburger Rat schickte daraufhin Truppen und brachte die beiden strategisch wichtigen Orte nach einem Monat wieder unter seine Kontrolle.

Es war praktisch die einzige militärische Aktion der Hamburger im Dreißigjährigen Krieg. Alle anderen Schlachten wussten die Hamburger zu vermeiden. Als kaiserliche Truppen die Vierlande verheerten, Barmbek und Wandsbek in Brand setzten sowie Lokstedt und Eppendorf plünderten, hätten die Hamburger die Befehlshaber Tilly und Wallenstein gezielt bestochen, damit ihre Stadt verschont bliebe, sagt Wiechmann.

Hamburg sei auch belagert worden. Aber die Bürger hätten sich nicht angstvoll zurückgezogen, sondern den Belagerungstruppen Getreide, Brot und Bier verkauft. „Skrupel, dass die Lebensmittel gegen gerade geraubte Wertgegenstände aus dem eigenen Landgebiet eingetauscht wurden, hatten die Bürger dabei ebenso wenig wie Angst vor den feindlichen Truppen“, schreibt der Historiker Sven Tode. Immerhin habe der Rat dem Treiben Einhalt geboten – und die Gratis-Versorgung der kaiserlichen Truppen selbst übernommen.

Hamburg war nicht in Gefahr, solange die Schifffahrt über die Elbe frei war. Dadurch sei die Versorgung der Stadt immer gesichert gewesen, sagt Wiechmann. Hamburg sei nicht nur ein wichtiges Zentrum der Geldwirtschaft, sondern auch des Waffenhandels gewesen. Der Historiker veranschaulicht das anhand eines Schiffswracks, das in der Elbe gefunden wurde und heute im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen ist. Es hatte Musketen geladen.

Die Stadt profitierte nicht allein von ihrem unbezwingbaren Festungsring, sondern auch von ihrer Offenheit. Schon im 16. Jahrhundert waren spanische und portugiesische Juden über die Niederlande nach Hamburg gekommen. Ihren Glauben durften sie in der protestantischen Stadt nicht leben, aber ihren Reichtum und ihre Erfahrung im Fernhandel mitbringen und ausbauen. Innerhalb von 100 Jahren hätten sich nicht nur die Einwohnerzahlen, sondern auch die Einnahmen der Stadt verdreifacht, sagt Wiechmann. Vor allem aus den Kriegsgebieten Nord- und Mitteldeutschlands kamen viele Flüchtlinge.

Das auf seine Neutralität bedachte Hamburg bot sich 1641 für Verhandlungen der Kriegsparteien an. Es kam zu einem ersten Ergebnis, dem Hamburger Präliminarfrieden, der die Weichen für den Friedensschluss von Münster und Osnabrück stellte. Ein Stadtmodell im Museum zeigt Hamburg im Jahr 1644, vier Jahre vor Ende des Krieges: eine blühende Stadt ohne irgendeine Zerstörung. Zwischen 1600 und 1650 steigt die Einwohnerzahl nach Angaben von Tode und seines Kollegen Martin Knauer von 40.000 auf 78.000.

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