Hamburg : Fall Yagmur: Prozessbeginn gegen Eltern

In Hamburg wird der Mutter der kleinen Yagmur der Mord an ihrer eigenen Tochter vorgeworfen. Der Prozess beginnt am kommenden Mittwoch. Seit März untersucht ein parlamentarischer Ausschuss das mögliche Versagen der Behörden. Probleme in der Familie waren lange vorher bekannt.

shz.de von
06. Juni 2014, 18:06 Uhr

Hamburg | Sechs Monate, nachdem die dreijährige Yagmur aus Hamburg Billstedt tot aufgefunden wurde, beginnt am kommenden Mittwoch der Prozess gegen ihre Eltern. Der Mutter wird der Mord an ihrer eigenen Tochter vorgeworfen. Immer wieder soll sie die Dreijährige heftig gegen den gesamten Körper geschlagen und getreten zu haben. Das Institut für Rechtsmedizin fand am Körper des toten Mädchens zahlreiche Blutergüsse sowie Kratz- und Schürfwunden, einen im Oktober 2013 verursachten Bruch oberhalb des linken Ellenbogengelenkes und innere Verletzungen im Bereich der Herzbasis und Leber. Damit sah die Staatsanwaltschaft das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt.

Ursprünglich war dem Vater Totschlag vorgeworfen worden. Seine Ehefrau wurde verhaftet, weil sie angeblich nichts gegen die Misshandlungen unternahm. Der Verdacht kehrte sich im Verlauf der Ermittlungen jedoch bald um. Dem Vater ist nun angeklagt, bei den Misshandlungen seiner Tochter zugesehen zu haben. Geschützt hat er sie nicht.

Nach dem Tod des Mädchens, am 18. Dezember vergangenen Jahres, wurden unter dessen Bett und in dessen Kleidung Kühlakkus gefunden. Blaue Flecken am Körper des Kindes seien überschminkt worden. Schon für Yagmurs älteren Bruder war der Mutter vom Jugendamt das Sorgerecht entzogen worden. Er lebt inzwischen bei seinen Großeltern.

Während das Gericht sich ab kommendem Mittwoch mit der Schuld der Eltern befasst, untersucht ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss seit März, welche Verantwortung staatliche Stellen am Tod der Dreijährigen tragen. Und jede Sitzung fördert neue beängstigende Details über das kollektive Versagen des Systems ans Licht. Denn dass etwas in Yagmurs Familie nicht in Ordnung war, war lange bekannt. Immer wieder kam sie verstört oder sogar mit Verletzungen von Besuchen ihrer leiblichen Eltern zurück, die Kinderärztin des Mädchens wusste von den Verletzungen und dass diese nicht durch unglückliche Unfälle hätten zustande kommen können. Das Institut für Rechtsmedizin hatte bereits Anzeige erstattet, die Staatsanwaltschaft ermittelte, das Jugendamt wusste von den Ermittlungen.

Denn seit ihrer Geburt stand Yagmur unter der Beobachtung des Jugendamtes. Sie lebte zeitweise bei einer Pflegemutter, weil ihre leiblichen Eltern sich überfordert fühlten. Yagmur war mehrfach zu Besuch bei ihnen. Sowohl die Ämter in Bergedorf, Eimsbüttel als auch Mitte waren in den drei Jahren zuständig. Im August  2013 durfte das Mädchen wieder zu seinen leiblichen Eltern ziehen – trotz der schweren Verletzungen, die es sich zu Beginn des Jahres zugezogen hatte.

Auch wenn die kleine Yagmur wohl in den gesamten drei Jahren ihres Lebens Gewalt ertragen musste, wird der Prozess nur den Zeitraum von Anfang August 2013 bis zu ihrem Tod im Dezember umfassen. „Zu diesem Zeitpunkt war die schrittweise Rückführung zu ihren leiblichen Eltern abgeschlossen“, erklärt Oberstaatsanwalt und stellvertretender Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Carsten Rinio.

Doch mit welcher Strafe müssen die Eltern des Mädchens rechnen? „Das ist zu diesem Zeitpunkt unmöglich zu sagen, da wir nicht wissen, wie das Gericht die Tat rechtlich einordnet“, so Rinio. Das Gericht spricht im Rahmen seines Eröffnungsbeschlusses sowohl von Totschlag als auch von Körperverletzung mit Todesfolge. Für den Prozess sind bisher 22 Verhandlungstage angesetzt.

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